Wie ein Dünger die Geest im Elbe-Weser-Raum veränderte
Wie ein geschichtsträchtiger Dünger die Erträge der kargen Geestböden im Elbe-Weser-Raum revolutionierte und welche globalen Verflechtungen dazu führten, wird in diesem Beitrag erläutert. Ein Blick auf die Anfänge der modernen Landwirtschaft.
von Hinrich Hildebrandt
Der Rohstoff für die Phosphatdünger stammte unter anderem aus Peru und einige Jahre lang aus deutschen Kolonien in der Südsee, nämlich von den Inseln Angaur (Palau) und Nauru.
Die heimischen Geestböden, wie sie beispielsweise in der Börde Lamstedt vorkommen, weisen in der Regel Bodenzahlen von etwa 20 bis 26 auf, während diese in der Marsch meist deutlich über 55 liegen. Sandige Geestböden gelten in Bezug auf ihre natürliche Bodenqualität als weniger fruchtbar. Im 19. Jahrhundert sind viele Geestböden stark ausgelaugt und wenig ertragreich, da kaum mineralische Dünger zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung, sodass die natürliche Regenerationsfähigkeit der Böden an ihre Grenzen kommt.

Neben Stickstoff- und Kaliumsalzen mangelt es an Phosphat, einem der drei wichtigsten Pflanzennährstoffe. Als natürliches Mineral ist es jedoch meistens wasserunlöslich und damit für die Pflanzen nicht verfügbar. Wird das Phosphatgestein jedoch durch Reaktion mit Schwefelsäure aufgeschlossen, entsteht wasserlösliches Calciumdihydrogenphosphat, das von den Pflanzen leicht aufgenommen werden kann. Dieses enthält Calciumsulfat als Trägerstoff und wird als Superphosphat bezeichnet.

Früher werden Tierknochen als Rohstoff genutzt. So dient Knochenmehl als Ausgangsmaterial für die Herstellung von Superphosphat mithilfe von Schwefelsäure. Ein Felddüngungsversuch mit Superphosphat bei Zuckerrüben im Jahr 1859 ergibt einen mehr als doppelt so hohen Ertrag wie bei ungedüngtem Anbau.

Eine wichtige inländische Quelle ist ab den 1880er Jahren das Thomasphosphat, das aus der phosphatreichen Thomasschlacke der Stahlproduktion stammt. In Küstennähe entstehen zwei große Superphosphatfabriken, die für Rohstoffimporte günstig gelegen sind.
Albertus Freiherr von Ohlendorff gründet in Harburg die Guano-Werke, wo auch Superphosphat hergestellt wird. 1906 werden in Nordenham die Metallwerke Unterweser errichtet, in denen Schwefelsäure anfällt. Diese wird von der gleichzeitig gegründeten Superphosphatfabrik als Tochterunternehmen genutzt.

Guano, der unter trockenen klimatischen Bedingungen (z. B. in Peru) in seiner ursprünglichen organischen Beschaffenheit erhalten bleibt und wegen seines Stickstoffgehalts ein wertvolles Düngemittel darstellt, erfährt durch die starken Regenfälle im westpazifischen Raum auf einigen Inseln eine grundlegende Umgestaltung. Das Nitrat geht in Lösung über, während die Phosphorsäure an den Kalk des Untergrunds gebunden wird. Dabei entsteht natürliches Rohphosphat (Phosphorit).
Im Rahmen der kolonialen Expansionsbestrebungen des Kaiserreichs gelangt 1899 das Palau-Archipel im Pazifik in deutschen Besitz, dessen südlichste Insel Angaur heißt. Nachdem dort Phosphorit entdeckt worden ist, wird 1908 in Bremen die Deutsche Südseephosphat-Aktiengesellschaft für dessen Abbau gegründet.

Auf Angaur errichtet dieses Unternehmen eine Trocknungsanlage für Phosphorit, die bereits industrielle Dimensionen erreicht. Kleinbahn-Lokomotiven, Loren und Gleise werden über eine Strecke von 20.000 Kilometern in den Pazifik transportiert, was eine mehrmonatige Schiffsreise erfordert. Im Jahr 1913 sind 750 Arbeiter eingesetzt, und die Exportmenge beträgt 89.300 Tonnen. Bei Beginn des Ersten Weltkriegs besetzt Japan die Inseln.
Superphosphat versorgt nährstoffarme Geestböden mit einem wichtigen Mineralstoff. Die dadurch steigenden Erträge stärken die regionale Landwirtschaft und tragen zu wirtschaftlichem Wachstum sowie zu einer größeren Versorgungssicherheit bei.
