Sietland war dankbar für den Hadelner Kanal
Die Errichtung des Hadelner Kanals rettete das Sietland vor weiteren Katastrophen. Trotz großer Herausforderungen wurde eine beeindruckende Ingenieursleistung vollbracht, die das Leben vieler Menschen nachhaltig veränderte.
von Hinrich Hildebrandt
Insbesondere der frühere Hauptmann Heinrich Böse hat sich große Verdienste um die Errichtung des Hadelner Kanals erworben.
Bereits im 16. und 18. Jahrhundert entstehen Pläne zur Entwässerung des Sietlands, doch erst zwei große Katastrophen geben dem Vorhaben entscheidenden Auftrieb. Im Jahr 1825 setzt die große Februarflut weite Teile der Elbmarsch unter Wasser. Durch das Brechen vieler Deiche entlang der Küstenlinien kommen Menschen und Tiere ums Leben. Verluste an Häusern, Missernten und Seuchen verursachen große Not. Hauptmann Böse aus Bedekesa lässt aus eigenen Vorräten ganze Wagenladungen mit Saat- und Brotgetreide, Kartoffeln und Rauhfutter in die betroffenen Dörfer fahren, um sie an Bedürftige zu verteilen.
Auch im Jahr 1834 muss die Situation schlimm gewesen sein. Bei einer Haustaufe fährt der Pastor in einem Kahn bis an die Stubentür, um dort die Taufe durchzuführen. An einer weiteren Stelle wird berichtet, dass es bei sehr hohem Wasserstand schwierig ist, einen Verstorbenen zum Friedhof zu bringen. Der Sarg mit dem Toten muss mit offenem Deckel auf einem Kahn transportiert werden, da es nur so gelingt, eine Brücke zu unterqueren. Der Sargdeckel wird in einem zweiten Kahn hinterhergefahren. Auch die Beerdigung kann nur provisorisch erfolgen; eine endgültige Bestattung findet dann bei besseren Wetterverhältnissen statt.
Bereits nach der Flut von 1825 veranlasst die Landdrostei in Stade die Erstellung eines Plans zur Entwässerung des Sietlands, aber es vergehen Jahre, bis etwas geschieht. Auch nach der Gründung des Hadelner Kanalverbands im Jahr 1838 gibt es noch einige Hürden zu überwinden, sodass erst im Mai 1852 mit dem Bau des Kanals nach den Plänen des Wasserbauinspektors Ernst aus Neuhaus begonnen werden kann.
Für die 31 Kilometer lange Strecke von Bederkesa nach Otterndorf sind allein mit Menschen- und Pferdekraft mehr als eine Million Kubikmeter Erde zu bewegen. Dafür sind 1.150 Arbeiter erforderlich. Werktätige werden daher aus vielen deutschen Staaten akquiriert, insbesondere aus dem Fürstentum Lippe - sogenannte "Lippser". Die angemessene Unterbringung und Verpflegung der Männer stellt ein großes Problem dar. Sie schlafen in Scheunen und Zelten. Viele sind von Heimweh erfüllt und konsumieren nach der schweren Arbeit Alkohol. Die Bülkauer Frauen, die das Essen in großen Kesseln für die Arbeiter kochen, kassieren gleich, bevor der Lohn in alkoholische Getränke umgesetzt wird.
Mit Schaufeln, Schubkarren und Pferdegespannen wird die Erde bewegt und mit dem Aushub ein Deich angelegt. Etwa fünf Prozent der Arbeiter sollen durch Krankheiten geschwächt zu Tode gekommen sein. Doch es wird - für diese Zeit einmalig - bereits eine genossenschaftliche Krankenkasse gegründet, um die Arbeiter im Krankheitsfall zu unterstützen.
Trotz aller Schwierigkeiten gelingt es, den Kanal in nur drei Jahren Bauzeit fertigzustellen. Somit ist die Wasserstraße zwischen Otterndorf und Bederkesa ab 1855 befahrbar. Mit dem Bau des Kanals können die Überschwemmungen im Sietland jedoch nicht verhindert werden. Zwar fließt das Wasser durch den neuen Kanal schneller ab, da das Sietland jedoch immer noch der tiefste Punkt ist, fließt es hier langsamer ab als aus den höher gelegenen Gebieten. Wenn deren Abflüsse gesperrt werden, um ein zu starkes Abfließen zu verhindern, kann das Wasser des Sietlandes ablaufen. Erst der Bau der verschiedenen Randkanäle und Vorfluter sowie des Otterndorfer Schöpfwerks im Jahr 1928 bringt den gewünschten Erfolg und eine wesentliche Lebenserleichterung.





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