Von der Holznot zum Wald der Wingst
Die Wingst war einst übernutzt und kahl, heute ist sie ein prächtiges Waldgebiet. Der Wandel vom kargen Landstrich zum vielfältigen Mischwald spiegelt die Geschichte nachhaltiger Forstwirtschaft wider.
von Hinrich Hildebrandt
Die vielfältige Nutzung des Wingster Waldes führte bis ins 19. Jahrhundert zu seiner starken Übernutzung.
Heute ist die Wingst für ihren Wald bekannt. Doch vor rund 250 Jahren war das ganz anders. Holz war knapp, große Flächen waren übernutzt - und zwischen den Bäumen arbeiteten sogar Köhler, die Holzkohle für Schmieden und Hüttenwerke herstellten.
Nicolaus Wilhelm Jacobsen vermerkt im Jahr 1765 im "Forstregister der hochadeligen Güter Dobrock und Cadenberge" folgende Bestockung (aus dem Altniederdeutschen in die heutige Sprache übertragen): "Das Dobrocker Holz besteht aus Eichen und Buchen sowie Bau- und Nutzholz. Außerdem gibt es dort Erlen und Birken sowie Heide mit Buchen, Haseln und Stühbusch. Der Wald ist so groß, dass darin Schweine zur Mast getrieben werden können." Das Forstregister vermittelt zugleich ein Bild davon, wie vielfältig der Wald damals genutzt wird.

Die immensen Nutzungsansprüche an den universellen Rohstoff Holz hinterlassen ihre Spuren im Wald. In dem Teil der Wingst um das adelige Gut sind auf der Kurhannoverschen Landesaufnahme größere waldfreie Flächen zu erkennen. Die Mastweide führt zu einem Verbiss der jungen Bäume und die Entnahme von Einstreu bewirkt einen Nährstoffentzug und Heidebildung.
Beim Stühbusch handelt es sich um eine historische Form der Niederwaldbewirtschaftung: Eichen werden in Bodennähe gekappt, um Brennholz zu gewinnen. Anschließend treiben die Wurzelstöcke wieder aus. Der Wald bei Ellerbruch ist noch nicht mit dem Hauptteil des Wingster Waldes verbunden.

Auf der Kurhannoverschen Landesaufnahme von ca. 1770 ist das Gutshaus des Gutes Dobrock deutlich erkennbar. Im 16. Jahrhundert befindet sich das Gut im Besitz Adolf Bremers. Im folgenden Jahrhundert erbt es der Hofgerichtsassessor Georg Dietrich Bremer. Da seine Ehe kinderlos bleibt, verkauft er es an seinen jüngeren Bruder, Major Carl Benedix Bremer. Aufgrund der hohen Schulden von Georg Dietrich fechten die Gläubiger den Verkauf an, doch nach einem Vergleich wird eine Einigung erzielt. Carl Benedix Bremer bleibt unvermählt und überlässt das Gut seinem Stammvetter Benedix Bremer aus Cadenberge. Seitdem wird es zusammen mit den anderen Bremerschen Gütern vererbt.
Georg Dietrich Bremer ist der letzte Vertreter seiner Familie, der das Herrenhaus bewohnt. Nach seinem Tod steht es längere Zeit leer, bis es schließlich offenbar zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem Forsthaus umgebaut wird. Im Jahr 1818 wird nämlich der Jäger und Forstaufseher Hinrich Bohlen als Bewohner angegeben.

In der Wingst sind auch Köhler tätig. Die Köhlerei dient der Herstellung von Holzkohle durch das sogenannte Verschwelen (Pyrolyse). Dabei wird Holz unter Luftabschluss erhitzt, sodass Wasser, Teer und Gase entweichen, während der reine Kohlenstoff zurückbleibt. Holzkohle ist über Jahrhunderte hinweg unverzichtbar, weil sich nur mit ihr in Schmieden und Schmelzöfen ausreichend hohe Temperaturen zum Bearbeiten von Eisen und anderen Metallen erreichen lassen.
Angesichts der Holznot im 18. Jahrhundert erkennt Hans Carl von Carlowitz die Holzbeschaffung als wirtschaftlich unentbehrlich und führt den Begriff "nachhaltend" ein - wenn auch nur einmal in seinem Werk. Heute wird Carlowitz allerdings differenzierter betrachtet. Zwar prägt er den Gedanken der nachhaltigen Waldnutzung, zugleich befürwortet er den Anbau reiner Fichtenbestände und misst der Natur keinen Eigenwert bei.
Im Zuge der Gemeinheitsteilung der Wingst (1820 bis 1846) erhält der Staat, vertreten durch den Amtmann in Neuhaus, 79 Hektar Wald und durch Kauf und Tausch weitere 351 Hektar. Dabei ist die historisch vermerkte Größenangabe in hannoverschen Morgen mit 0,2621 Hektar pro Morgen umgerechnet. Graf Bremer erlangt durch Zuteilung und Kauf 125 Hektar. Nun beginnen Staat und Graf Bremer mit umfangreichen Aufforstungen. Zudem kauft der Staat 1829 den Hof des Leutnants zu Ellerbruch (heute das Forsthaus der Familie von der Wense) und forstet auch diesen auf.
Dass die Wingst gegenwärtig zu den großen Waldgebieten zwischen Elbe und Weser zählt, ist das Ergebnis dieser Aufforstungen des 19. Jahrhunderts. Aus einer übernutzten Landschaft entsteht nach und nach der vielfältige Mischwald, den Besucher heute erleben.

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