Antisemitismus-Beauftragter in Cuxhaven: "Da wird für mich eine Grenze überschritten"
Antisemitismus ist nicht nur ein Problem der extremen Rechten. Prof. Dr. Gerhard Wegner sprach in Cuxhaven mit CNV-Medien. Er enthüllt die weitreichenden Wurzeln und aktuellen Herausforderungen - und was das mit einem bekanntem US-Rapper zu tun hat.
Prof. Dr. Gerhard Wegner ist Niedersachsens Landesbeauftragter gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens - und im Cuxland kein Unbekannter. Im vergangenen Jahr gehörte er zu den schärfsten Kritikern des Auftritts von US-Rapper Macklemore beim Deichbrand-Festival. Wegner hatte dessen Ausladung gefordert und beobachtete das Konzert schließlich gemeinsam mit einer Expertengruppe vor Ort. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Erinnern heißt kämpfen!" in Cuxhaven hielt er eine Rede über "Antisemitismus - die doppelte deutsche Verantwortung".
Herr Wegner, Ihr Vortrag heißt "Antisemitismus - die doppelte deutsche Verantwortung". Was genau meinen Sie mit dieser doppelten Verantwortung - und wo wird Deutschland ihr heute nicht gerecht?
Wir haben in Deutschland zwei antisemitische Traditionen. Die eine ist die Nazi-Tradition, der Antisemitismus der Nationalsozialisten und der Holocaust an sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Das ist bekannt und dieser Antisemitismus wird heute noch von einer kleinen Minderheit massiv vertreten. Der andere Antisemitismus ist der, der DDR. Das weiß heute kaum noch jemand. Die DDR hat nach 1945 eine massiv israelfeindliche Politik betrieben, Waffen an arabische Länder geliefert und deren Geheimdienste unterstützt. Diese zweite antisemitische "Tradition" wird heute viel zu wenig thematisiert. Da muss schleunigst mehr passieren - auch innerhalb linker Parteien.
Jüdische Menschen berichten von wachsender Unsicherheit. Gleichzeitig wird intensiv darüber gestritten, wie offen über Israels Politik gesprochen werden kann. Was hat sich seit dem 7. Oktober 2023 in Deutschland verändert?
Der anti-israelische Antisemitismus ist seit dem 7. Oktober geradezu explodiert. Dabei war der 7. Oktober ein fürchterlicher Angriff auf Israel. Trotzdem erleben wir eine Täter-Opfer-Umkehr, bei der Israel zum eigentlichen Täter im Nahen Osten gemacht wird. Es gibt heute Menschen in Deutschland, die Israelis als die neuen Nazis bezeichnen und behaupten, die Palästinenser würden von ihnen so behandelt, wie früher die Juden von den Nationalsozialisten. Das wirkt geradezu wie eine Entlastung von der eigenen deutschen Schuld. Natürlich kann und muss man sogar an der israelischen Politik eine Menge kritisieren. Man kann beispielsweise fragen, ob der Gaza-Krieg so, wie er geführt worden ist, sinnvoll war. Solche Kritik ist nicht nur möglich, sie ist nötig. Aber Israel mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichzusetzen und Israelis als die neuen Nazis zu bezeichnen, ist eine Dämonisierung Israels.
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen legitimer, auch sehr scharfer Kritik an der israelischen Regierung und Antisemitismus?
Die Grenze wird für mich dort überschritten, wo Israel dämonisiert wird, wo Israelis als die neuen Nazis dargestellt werden oder Israel grundsätzlich als das Böse in der Welt gilt. Früher verkörperte in der antisemitischen Vorstellung der einzelne Jude das Böse in der Welt, heute ist es für manche der Staat Israel.
Antisemitismus wird häufig zuerst mit Rechtsextremismus verbunden. Wo begegnet er Ihnen heute darüber hinaus - auch in gesellschaftlichen oder politischen Milieus, in denen man ihn vielleicht weniger erwartet?
Auch in der linken Mitte. Wenn ich Vorträge halte, begegnet mir sehr schnell Kritik an Israel oder der israelischen Regierung. Ich wollte beispielsweise einen Vortrag in einer Schule halten. Als ich ins Lehrerkollegium kam, rief mir der Rektor entgegen: "Wegner, Sie können uns gerne was erzählen, aber ein Werbebüro für Israel sind wir nicht." Das empfand ich als Frechheit. Niemand wollte dort Werbung für Israel machen.
Die Debatte scheint zunehmend nach einem Entweder-oder zu funktionieren: Solidarität mit Israel oder Solidarität mit Palästinensern. Wie können wir über jüdisches Leben, israelische Politik und das Leid der palästinensischen Bevölkerung sprechen, ohne diese Dinge gegeneinander auszuspielen?
Man muss beides benennen können. Der Überfall der Hamas war fürchterlich und muss verurteilt werden. Gleichzeitig kann man sagen, dass auch das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen schrecklich war. Eine solche Position halte ich für sachlich. Entscheidend ist, nicht mit Dämonisierungen und pauschalen Zuschreibungen zu arbeiten.
Die Ausstellung "Erinnern heißt kämpfen!" erzählt nicht nur von rechter Gewalt, sondern von den Menschen, die ihr zum Opfer gefallen sind. Was verändert sich, wenn hinter Statistiken plötzlich Namen, Gesichter und persönliche Geschichten stehen?
Die konkrete Begegnung mit den Opfern, den Tätern und den Taten ist ganz entscheidend. Im Abstrakten kann man viel reden. Aber wenn man wirklich damit konfrontiert wird, was passiert ist, sieht das anders aus. Ich weiß das noch von meinen Eltern, die in der Nazizeit beteiligt und überzeugte Nazis waren. Sie wurden später durch einen Film über den Holocaust damit konfrontiert, was tatsächlich mit den Juden gemacht worden ist. Das hat bei ihnen erhebliches Nachdenken ausgelöst. So kann es vielen Menschen gehen.
Im vergangenen Jahr wollten Sie, dass Macklemore beim Deichbrand nicht auftritt. Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank argumentierte dagegen, Auftrittsverbote seien mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie nicht vereinbar. Warum war eine Ausladung für Sie trotzdem der richtige Weg?
Ich sehe das Problem darin, wenn Einzelne wie Macklemore die künstlerische Freiheit missbrauchen, um Propaganda gegen Israel zu machen. Wenn das passiert, muss man etwas dagegen unternehmen. Man kann einen Künstler wieder ausladen oder versuchen, Grenzen zu setzen. Ich bestreite nicht, dass Macklemore tolle Musik und tolle Lieder macht. Meine Kritik richtet sich gegen seine politischen Äußerungen.
Macklemore beherrscht aktuell erneut die Schlagzeilen. Nachdem er bei Auftritten im Vorprogramm von Ed Sheeran in den USA "Free Palestine" gerufen hatte, lehnten mehrere Stadionbetreiber weitere Auftritte mit ihm ab und er wurde aus dem Line-up gestrichen. Sheeran wiederum erlebt nun heftige Anfeindungen und Boykottaufrufe, weil er seine Tour fortsetzt und sich aus Sicht seiner Kritiker nicht deutlich genug pro-palästinensisch positioniert. Gleichzeitig geraten jüdische und israelische Künstler unter Druck oder werden ausgeladen. Was macht das mit unserer Kultur- und Debattenfreiheit?
Ich sehe das Problem bei Einzelnen, die die künstlerische Freiheit für politische Propaganda missbrauchen. "Free Palestine" kann man unterschiedlich auslegen. Für mich und viele andere bedeutet es die Vernichtung Israels. Es muss nicht unbedingt so gemeint sein, aber für viele Menschen - gerade auch im jüdischen Bereich - wird es so verstanden. Wer das auf einer Bühne ruft, weiß auch, was er damit auslösen kann. Ed Sheeran hat sich anders geäußert. Er hat den Überfall der Hamas verurteilt und gleichzeitig das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen kritisiert. Das halte ich für eine vernünftige und sachliche Äußerung.
Deutschland investiert seit Jahrzehnten viel in die Erinnerung an den Holocaust. Haben wir trotzdem den Bezug dazu verloren, was diese Erinnerung für den Umgang mit Antisemitismus heute bedeutet?
Für die Erinnerung an den Holocaust ist in Deutschland viel gemacht worden. Gedenkstätten wurden ausgebaut, es wurde viel investiert. Aber die Wirkung ist nicht mehr automatisch, dass die Menschen daraus lernen, heutigen Antisemitismus zu bekämpfen. Ich habe Schüler erlebt, die Bergen-Belsen besuchen und erschüttert sind von dem, was dort passiert ist. Dann beschäftigen sie sich mit Israel und kommen zu dem Schluss, Israelis würden heute genauso handeln wie damals die Nazis. Dann kippt die moralische Empörung über den Holocaust in eine moralische Empörung gegenüber Israel. Die Erinnerungskultur funktioniert deshalb nicht mehr eindeutig als Prävention gegen Antisemitismus. Das ist ein Problem.
Was macht Ihnen mit Blick auf Antisemitismus und die gesellschaftliche Debatte in Deutschland derzeit am meisten Sorgen?
Die zunehmende Dämonisierung Israels macht mir wirklich Sorgen. Das wird nicht weniger. Je stärker Israel isoliert wird, desto aggressiver reagiert Israel auch selbst. In Israel haben die Menschen Angst um ihr Leben und das Land rüstet militärisch weiter auf. Das kann zu keinem guten Ende führen, wenn es so weitergeht. Sorgen mache ich mir vor allem auch um die Jüdinnen und Juden, die hier bei uns leben. Man kann sagen, etwas richte sich nur gegen Israel und nicht gegen Jüdinnen und Juden. Aber so einfach lässt sich das nicht trennen. Israel ist für viele ihre Heimat und das Land, in dem sie Schutz suchen können. Wenn gegen Israel gehetzt wird, hat das deshalb auch Auswirkungen auf Jüdinnen und Juden hier bei uns.
Und was gibt Ihnen Hoffnung?
Dass es überall in Deutschland Menschen gibt, die aufstehen und sich dagegen wehren. Menschen, die Veranstaltungen organisieren und versuchen, andere wachzurütteln. Wir haben beispielsweise gerade ein großes Netzwerk antisemitismusfreier Schulen für Niedersachsen gegründet. Dazu kommt die Kampagne "Shalom, Digga" bei TikTok und Instagram. Die Kampagne zeigt, wie Judenhass heute aussieht und woher gefährliche Verschwörungserzählungen kommen. Außerdem gibt es Einblicke in jüdisches Leben und Tipps, wie man Judenhass begegnen kann. Mit an Bord ist auch Hannover 96. Es gibt eine ganze Menge Menschen, die etwas tun. Das macht Hoffnung.
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