Erste Ausgabe der "Otterndorfer Zeitung" vom 4. August 1848 auf Dachboden gefunden
Ein vergilbtes Heftchen von 1848, gefunden beim Aufräumen, entpuppt sich als Original der ersten "Otterndorfer Zeitung". Ein Zeugnis der Pressegeschichte, das den Geist der Revolution atmet und in gutem Zustand erhalten ist.
Vom verschollenen Da Vinci-Gemälde auf dem Dachboden träumen viele. Doch solch ein seltener Fund ist nur sehr wenigen vergönnt. Etwas weniger spektakulär aber zeitungsgeschichtlich von enormem Wert ist ein Fund, den Frauke und Uwe Schumacher kürzlich in Cadenberge gemacht haben.
Das Ehepaar war gerade dabei, das Elternhaus von Uwe Schumacher, dem Vorsitzenden des Schützenvereins Langenstraße, auszuräumen. Das Haus sollte verkauft werden. Das Ehepaar ist in ein neues Haus umgezogen. Bis 2011 lebte hier die Mutter von Uwe Schumacher, die verstorben ist.
"Für Wahrheit, Licht und Recht"
"Wir haben dann eine Erinnerungskiste mit persönlichen, zum Teil sehr alten Dokumenten gefüllt, die wir auf dem Dachboden gefunden hatten", erinnert sich Frauke Schumacher. Neben diesen Familienschriftstücken fand sich auch ein etwas vergilbtes vierseitiges Heftchen. Der Titel: "Otterndorfer Zeitung", Erster Jahrgang, No 1, Freitag, den 4. August 1848. Das Motto lautete: "Für Wahrheit, Licht und Recht".
Es handelte sich also um die erste Ausgabe der Zeitung in Otterndorf, herausgegeben von Melchior Helmcke. Ein außergewöhnlicher Fund, denn die Zahl der noch existierenden Originale dieser in der Otterndorfer Sackstraße hergestellten Zeitung lässt sich an wenigen Fingern abzählen. Aber handelte es sich auch um ein Original oder um eine Kopie? Aus Anlass des 125-jährigen Jubiläums der Zeitung in Otterndorf wurden Faksimile-Drucke von der Erstausgabe angefertigt. Die sind erkennbar an einem weißen Rand. Die Originalausgaben haben keinen Rand.
Ausgabe ist in Anbetracht ihres Alters in gutem Zustand
Frauke Schumacher meldete sich bei unserem Medienhaus und bot an, ihren Fund zu begutachten. Es brauchte keinen zweiten Blick, um zu erkennen, dass es sich hier um ein Original handelte. Aus Sicht unserer Zeitung eine außergewöhnliche Entdeckung beim Entrümpeln auf dem Dachboden. Die Ausgabe der "Otterndorfer Zeitung" befindet sich - in Anbetracht ihres Alters - in gutem Zustand. Die 178 Jahre haben ihr kaum etwas anhaben können. Dankenswerterweise überließen die Schumachers die Zeitung zu treuen Händen unserem Medienhaus.
Der in Wanna geborene Melchior Helmcke war von Beruf Antiquar. In Otterndorf versuchte er sich zunächst als Buchhändler. Erste Versuche ein Wochenblatt herauszugeben, scheiterten an der Zensur. Am 27. April 1848 änderte sich jedoch das Presserecht. Die Zensur wurde abgeschafft und der Weg somit frei für die erste in Otterndorf erscheinende Zeitung. Die atmete tatsächlich den Geist der bürgerlichen Revolution, war von der Euphorie des demokratischen Aufbruchs angesteckt.
Auch für den "geringsten Arbeitsmanne"
Doch Helmcke war nicht nur vom revolutionären Elan angetrieben, sondern auch von einem gesunden Geschäftssinn. Die "Otterndorfer Zeitung" sollte fortan zweimal wöchentlich, montags und freitags, erscheinen. Das Abonnement kostete für drei Monate eine Mark. Der geringe Preis war indessen ein politischer. Denn er sollte es selbst dem "geringsten Arbeitsmanne oder Dienstboten" ermöglichen, die Zeitung zu halten, und nicht nur den höheren und gebildeten Ständen vorbehalten bleiben. Das war Helmckes Beitrag zur Volksbildung. Wem acht "Gutegroschen" für eine Ausgabe zu viel waren, sollte die Zeitung einfach mit mehreren Lesern teilen.
Doch die Zeiten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sollten nicht lange währen. Bereits 1850 verbüßte Helmcke eine zweimonatige Freiheitsstrafe wegen "Preßvergehens". Nach seiner Entlassung schrieb er: "Wohin wir schauen, alle Pfade bedeckt mit zertretenen Freiheiten und Rechten, alle Fluren übersät mit den Resten von Verfassungen ..."
Funktion auf "höchst frivole Weise" missbraucht
Die Zensur kehrte zurück, die Staatsautorität gewann die Oberhand, der Polizeistaat diktierte die Sprache. Die Reaktion hatte gesiegt. 1850 verschwand auch der Leitspruch "Für Wahrheit, Licht und Recht" aus dem Titel". Noch fünf Jahre lang hielt sich Helmcke als Verleger, Journalist und Drucker, schlängelte sich durch Auflagen und Konzessionen, nahm Einschränkungen hin. Es gelang ihm sogar, mit der Zeitung ins Umland bis nach Wursten, Kehdingen, Bederkesa und Lehe zu expandieren. Doch schon bald wurde er mit einem fünfjährigen Insertionsverbot für öffentliche Anzeigen belegt. 1855 entzog ihm der Otterndorfer Magistrat die Unterstützung und warf ihm vor, seine Funktion auf "höchst frivole Weise" missbraucht zu haben. Mit 56 Jahren warf Melchior Helmcke das Handtuch. Er verkaufte seine Zeitung an den Schriftsetzer Wilhelm Lohmann. Helmcke starb am 22. Juni 1873.
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse ist die erste Ausgabe der Otterndorfer Zeitung von 1848 ein bedeutsames und beredtes Zeugnis sowohl der Pressegeschichte dieser Region, als auch der politischen Geschichte zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihren Umwälzungen. Und dass diese Ausgabe jemandem vor 178 Jahren so viel wert war, dass er sie auf dem Dachboden aufbewahrte, spricht dafür, dass die Flamme der bürgerlichen Revolution auch nach 1848 in der ländlichen Bevölkerung noch nicht gänzlich erloschen war.
Google News
Wenn Sie etwas googeln, bekommen Sie neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt. Wenn Sie CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinterlegen, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für Sie auf. Hier CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinzufügen.
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.