Cuxhavens Bundestagsabgeordneter Frauenpreiß in Berlin: Einblicke in die Arbeitswoche
Seit einem Jahr ist Christoph Frauenpreiß Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Wie hat sich der junge Parlamentarier in den Regierungsapparat eingefügt? Was ist ihm wichtig? So sieht seine Arbeitswoche in Berlin aus.
Es ist ein sonniger Nachmittag auf dem Otterndorfer Bauernmarkt. "Papa, ich hab´ Hunger", sagt das kleine Mädchen und zieht an der Hand des Vaters, der stehen geblieben ist, um mit einem Bekannten ein paar Worte zu wechseln. Heute gehört der Papa ihr. Musste der doch die ganze Woche in Berlin arbeiten.
Seit dem Frühling des vergangenen Jahres ist das nun schon so. 22 Wochen im Jahr kann ihr Vater nicht zu Hause sein. Er heißt Christoph Frauenpreiß und ist der direkt gewählte Abgeordnete im Deutschen Bundestag für den Wahlkreis Cuxhaven-Stade II. In Berlin vertritt der CDU-Mann die Interessen von 236.000 Menschen aus der Elbe-Weser-Region.
Sein Terminkalender ist prall gefüllt. Eine Sitzung jagt die nächste. Frauenpreiß ist Mitglied in den Bundestags-Ausschüssen für Landwirtschaft, Haushalt und Verkehr. Außerdem sitzt er in neun Parlamentskreisen und Arbeitsgemeinschaften, wo er sich um Angelegenheiten des ländlichen Raumes, um Meerespolitik und um die Binnenschifffahrt kümmert. Etwa ein halbes Dutzend Meetings absolviert er täglich. Sein Arbeitstag endet selten vor 22 Uhr. Da bleibt nur wenig Zeit für Museumsbesuche und Besichtigungen in Berlin. Das Leben spielt sich für ihn fast ausschließlich im Regierungsviertel ab.

Mit seinen 41 Jahren sieht der Parlamentarier jünger aus als er ist. In einem Steckbrief über ihn würde stehen: dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, dunkle Lederschuhe, Krawatte wenn nötig. Volle schwarze Haare. Brille. Sportlich ist er im Tischtennis verortet, er spielt in der Bezirksliga. Und er ist Besitzer einer Dauerkarte von Werder Bremen.
Gute Stimmung in der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft Kommunalpolitik
Es ist acht Uhr an einem Dienstagmorgen Ende April. In Raum 4900 des Paul-Löbe-Hauses, dem großen Regierungsgebäude neben dem Reichstag, trifft sich die CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft Kommunalpolitik. In dem 260 Quadratmeter großen, kreisrunden und sonnenlichtdurchfluteten Saal wirken die 30 Teilnehmer ein wenig verloren. Tourismusförderung in Deutschland - das steht heute auf der Tagesordnung. Die Stimmung ist gut. Christoph Frauenpreiß ragt mit seinen 1,88 Meter aus der Gruppe heraus. Die Abgeordneten kennen sich, ein paar von ihnen treffen sich gelegentlich zum gemeinsamen Joggen. Man spricht sich mit Vornamen an. Händeschütteln und Schulterklopfen.
Im vergangenen Jahr gab es in der Bundesrepublik etwa 500 Millionen Gäste-Übernachtungen. In der Reisebranche sind allerdings nur knapp drei Millionen Menschen beschäftigt. Das sei ausbaufähig, heißt es. Um den steigenden Erwartungen der Gäste Rechnung zu tragen, will man mit einer nationalen Tourismusstrategie die Rahmenbedingungen verbessern. Frauenpreiß hatte schon an anderer Stelle für mehr Förderung von touristischen Angeboten auf dem Land geworben. Er regt Steuervergünstigungen von Ferienwohnungen in landwirtschaftlichen Betrieben an. Erholung und Einblicke in die regionale Kultur - auch so könne Wertschöpfung vor Ort entstehen.

Im Ausschuss geht es um steuerliche Entlastungen für Hotels und den Ausbau von Rad- und Wanderwegen. Es wird auch über Anlegeplätze für Kreuzfahrtschiffe gesprochen. Christoph Frauenpreiß setzt sich dafür ein, dass auch größere Passagierschiffe im Steubenhöft vor Anker gehen können. Abschließend befasst sich die Runde mit der Arbeitsmarktsituation in der Branche. Gastronomen suchen händeringend nach Mitarbeitern. Frauenpreiß ist dafür, junge Menschen aus dem Ausland zu gewinnen. Sie sollten unkompliziert nach Deutschland kommen und hier ihre Ausbildung machen können.
Im "Maschinenraum der Demokratie"
Auf dem Rückweg in sein Büro durchquert Frauenpreiß das Abgeordnetenhaus. Das riesige Gebäude beherbergt 1700 Büroräume. Die Seitenfassaden des nach dem letzten Reichstagspräsidenten benannten und 23 Meter hohen Bauwerks messen stattliche 200 Meter. Im Gebäude wäre Platz für zwei Fußballfelder. Acht Zylindertürme dominieren das Innere der Halle, jeweils vier auf einer Seite. Darin befinden sich große Sitzungssäle. Sie sind angeordnet wie ein Motorblock und durch Gänge und Brücken miteinander verbunden. Es sieht ein bisschen aus wie bei Raumschiff Enterprise. Im Paul-Löbe-Haus, dem "Maschinenraum der Demokratie", wie es genannt wird, ist die Mechanik der Politik auch architektonisch sichtbar.
Es ist schon etwas Besonderes, Einfluss auf die Gesetzgebung zu haben, im Parlament sprechen zu dürfen und sich in der Fraktion mit dem Kanzler auszutauschen. Das ist Bundesliga, nicht mehr Kreisklasse. Christoph Frauenpreiß ist sich der Bedeutung seines Amtes bewusst. Die Erwartungen, die damit verbunden sind, will er auf keinen Fall enttäuschen, sagt der studierte Bankkaufmann. Er engagiert sich, will sich "richtig reinhängen". Das sei der Anspruch, den man an sich haben müsse. Vertrauen durch Engagement: "Das war auch meine Philosophie bei der Volksbank. Viele Kunden hatten meine Privatnummer. Sie sollten das Gefühl haben, dass der Berater für sie da sei." Diese Expertise hilft Frauenpreiß auch in Berlin. "Ich habe beruflich einiges mitgenommen, was ich hier gebrauchen kann."
Im vergangenen Jahr hat sich für Christoph Frauenpreiß viel verändert. Der Anfang war nicht leicht für ihn. Loslassen in Cuxhaven und Gas geben in Berlin. Abschied und Neubeginn liegen eng beieinander. Ähnlich erging es ihm vor zehn Jahren. Frauenpreiß kann sich noch genau daran erinnern. Eine Woche vor seiner standesamtlichen Hochzeit Ende Juni 2015 wurde bei seinem 65 Jahre alten Vater, der noch nie vorher krank war, Krebs diagnostiziert. Bei der kirchlichen Trauung am 4. Juli konnte sein Vater noch dabei sein. Einen Monat später starb er.
Ortswechsel. Am Mittwoch steht ein Treffen mit dem Bundesverband der Landfrauen auf dem Programm. Das ist die Interessensvertretung von rund 450.000 Frauen aus den ländlichen Gebieten Deutschlands. Unter dem Motto "LandFrauen - unser Kuchen ist politisch" soll es einen Austausch über Zukunftsfragen der in der Agrarwirtschaft tätigen Frauen geben. Etwa 80 Besucher sind in das Haus der Land- und Ernährungswirtschaft gekommen, darunter auch einige Abgeordnete. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die zurzeit beliebteste Politikerin des Landes, würdigt die Arbeit des Verbands in einer kurzen Rede.

Der ländliche Raum umfasst über 90 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands. Hier leben 57 Prozent der Bevölkerung. Landfrauen sind Botschafter ihrer Region. In kleinen Tischrunden wird über die Nöte der Menschen vor Ort gesprochen. Die Menschen fühlen sich angehängt. Strukturen gingen verloren und kommen nicht wieder. Politiker sollten einfach mal auf einen Bauernhof kommen, heißt es. Christoph Frauenpreiß setzt sich zu den Teilnehmerinnen an die Tische. Es wird angeregt diskutiert.
Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs
Landfrauen wollen mehr wahrgenommen werden, "sichtbar sein". Es geht um die Wertschätzung ihrer Arbeit. Gleiche Bezahlung von Männern und Frauen, Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen, Stärkung des Ehrenamts - das sind ihre Forderungen. Frauenpreiß zeigt sich offen für den Vorschlag, Rentenpunkte für ehrenamtlich geleistete Arbeit zu vergeben. Zum Schluss gibt es den angekündigten politischen Kuchen. Jedes Stück ist mit einem Fähnchen versehen, auf dem eine der Forderungen steht. Diese sollten bitte nicht so schnell in Vergessenheit geraten.
Zurück im Abgeordnetenhaus. Für Freitag hat sich Lobby-Besuch angekündigt. Auf Frauenpreiß warten bereits zwei Vertreter der Stiftung Offshore Windenergie. Sie vertritt die Interessen von Unternehmen, die Windkraftanlagen auf hoher See errichten. Frauenpreiß liegt der Ausbau der Windenergie am Herzen. In seinem Büro steht das Modell eines Windrades auf dem Sideboard. Immer wenn er am Schreibtisch sitzt, fällt sein Blick darauf. Für ihn ist es ein Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Küstenregion. Es wird über technische Möglichkeiten der Zwischenspeicherung für Windstrom gesprochen. Und es geht um Zeitverlust. Sechs Jahre vergehen in der Regel zwischen Ausschreibung und Umsetzung solcher Projekte. Viel zu viele Gutachten - immer wieder ist es die Bürokratie, die für Verzögerungen sorgt.
Ein Brief an die Wirtschaftsministerin
Später wird der Abgeordnete in einem Brief an die Wirtschaftsministerin seine Positionen darlegen. Darin erörtert er Möglichkeiten, den überschüssigen Strom besser zu nutzen. Anstatt die Windräder zeitweise abzuschalten, was mit hohen Kosten verbunden ist, könne man den Strom in Batterien speichern oder für die Gewinnung von Wasserstoff nutzen. Er weiß, dass die beiden Ölkonzerne Total Energies und BP ihre milliardenschweren Investitionen in Nordsee-Windparks zurückzuziehen drohen. Es gibt Zweifel am wirtschaftlichen Erfolg dieser Anlagen. Trotzdem: Norddeutschland solle auch künftig Motor der Energiewende bleiben, schreibt er und hofft, dass seine Vorschläge im neuen Energiewirtschaftsgesetz berücksichtigt werden.
Gesetzliche Regelungen behindern nicht nur die Energiewende. Auch Landwirte beklagen sich über zu viele Vorschriften. Bei Weideschutz, Stallausbau oder Rinderpass bestehe ein hoher Bedarf an Bürokratie-Rückbau. In den Ausschüssen setzt sich der Parlamentarier dafür ein, verbindlich mindestens 25 Prozent der Verordnungen in den nächsten drei Jahren zu streichen. Die Dinge ließen sich nicht so schnell ändern. Es brauche es Geduld. "In der Politik ist es manchmal besser, Schritt für Schritt gehen, sonst kommt man ins Stolpern," sagt er.
Frauenpreiß ist Pragmatiker. Er versteht nicht, warum es in Tarifverhandlungen immer zu prozentualen Lohnsteigerungen kommen muss. Das würde die Besserverdiener bevorzugen. Sinnvoll wäre doch, wenn alle Arbeitnehmer 300 Euro mehr bekämen, meint er. Dann würde die Schere zwischen Arm und Reich nicht so schnell auseinandergehen.
Wertschöpfung und Mehrwert
Wertschöpfung und Mehrwert - das sind Leitbegriffe des Abgeordneten. Mit mehr Wachstum im klassischen Sinne würde es allen Menschen in der Region besser gehen. Damit ließe sich auch das Vertrauen in die Politik wiederherstellen. Ist es nicht das, was die Menschen auch jenseits der CDU von der Regierung erwarten?
Es ist Freitagnachmittag. Nach einer anstrengenden Woche begibt sich Christoph Frauenpreiß auf den Weg zum Hauptbahnhof. Er freut sich auf das Wochenende mit seiner Familie. Die Bahnfahrt von Berlin nach Cuxhaven dauert etwa vier Stunden. Wird er es schaffen, vor 20 Uhr zu Hause zu sein?
Von Bernd Musa
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