Verschwundene Mädchen und dunkle Geheimnisse – die Ermittlungen rund um die Disco-Morde werfen weiterhin Fragen auf.
Verschwundene Mädchen und dunkle Geheimnisse – die Ermittlungen rund um die Disco-Morde werfen weiterhin Fragen auf.
Neue Spuren

Disco-Morde im Kreis Cuxhaven: Anonyme Hinweise werfen Fragen im Fall Kielmann auf

20.11.2024

Angelika Kielmann aus Cuxhaven ist seit 1978 verschwunden. Sie ist das mutmaßlich zweite Opfer in der Reihe der sogenannten Disco-Morde. Ein anonymer Hinweis im Internet wirft Fragen auf. Wer ist diese Hinweisgeberin? Bitte melden Sie sich!

Die Reihe der sogenannten Disco- oder Anhaltermorde beginnt 1977 mit der 16-jährigen Anja Beggers aus Midlum. Sie ist seit mehr als 47 Jahren verschwunden. Genau acht Monate später, am 7. Juni 1978, wird Angelika Kielmann aus Cuxhaven nach einem Kneipenbesuch nie wieder gesehen. Noch weitere Mädchen verschwinden bis zum Jahr 1986, meist nach Discothekenbesuchen. Sind es die Taten eines Serienmörders? Welche Rolle spielt Kurt-Werner Wichmann?

Wichmann hat mindestens fünf Menschen getötet

Wichmann steht im Verdacht, mindestens fünf Menschen getötet zu haben. So wird im Herbst 2017 die Leiche von Birgit Meier unter Wichmanns Garage gefunden. Sie war 1989 verschwunden. Im selben Jahr wurden zwei Paare in der Göhrde, einem Waldgebiet bei Lüneburg, getötet - per Kopfschuss. Wichmanns DNA findet sich auf dem Fahrersitz eines Autos der Göhrde-Opfer.

In der Recherche zur Verwicklung von Wichmann in weitere Taten beschäftigt den früheren Chef des Hamburger Landeskriminalamtes, Reinhard Chedor, nun auch ein Eintrag im Internet. Ein anonymer Hinweis in Verbindung mit dem Fall Kielmann.

Der 7. Juni 1978 ist ein Mittwoch. Die 18 Jahre alte Angelika Kielmann ist mit ihrer Schwester Karin unterwegs. Nachmittags besuchen die beiden ihren Großvater. Abends fahren sie in die Cuxhavener Innenstadt und gehen in die Disco "Zur Börse". Es ist nicht das erste Mal, dass sie per Anhalter fahren. Meistens mittwochs und samstags geht es in die Disco. Gegen 23 Uhr will Angelika nach Hause. Meistens fahren die Schwestern auch zusammen zurück. Es kommt aber auch vor, dass sie getrennt aufbrechen, auch mal, ohne der anderen Bescheid zu sagen. Wie an diesem Abend.

Das Verschwinden von Angelika Kielmann (18) bleibt ein ungelöstes Rätsel. Foto: privat

Karin sieht sogar noch, wie Angelika die Disco verlässt. Kurze Zeit später wird die 18-Jährige noch von einer Freundin gesehen, Angelika steht an der Kreuzung Abendrothstraße/Westerwischweg an einer Ampel. Es ist ungefähr 23.10 Uhr. Hier verliert sich die Spur von Angelika. Die Freundin kommt um Viertel vor zwölf nochmal an der Stelle vorbei, überlegt noch, Angelika mitzunehmen, wenn sie noch da steht. Doch sie steht dort nicht mehr. In diesem Zeitraum verschwindet die 18-Jährige.

Die Umstände bleiben für die Polizei ein Rätsel. Es fehlt laut Polizei in diesem Fall eigentlich alles, eine Spur, eine Leiche, weitere Zeugenhinweise, ein Motiv. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. Für "ein freiwilliges Verlassen dieses Lebenskreises" gibt es keine Anhaltspunkte und auch kein Motiv. So liegt ihr Personalausweis auch noch zu Hause. Immer noch hofft die Polizei auf Hinweisgeber.

Einen dieser Hinweise gibt es im Internet. Am 17. November 2023 um 14:18 Uhr, von "Anonym". Chedor versucht später dort - unter "germanmissing.blogspot.com" - mit der Hinweisgeberin Kontakt aufzunehmen.

"Anonym" bezieht sich direkt auf Kurt-Werner Wichmann. Sie schreibt (Wiedergabe im Original): "Nachdem ich die Fotos gesehen habe, bin ich sicher dass das der Mann ist, der mir 1977 beim Trampen von Cuxhaven nach Sahlenburg an die Wäsche wollte." Sie beschreibt detailliert die Begegnung: "Angelika und ich waren befreundet, sind oft abends zusammen nach Hause getrampt, an diesem Abend aber nicht... er war sehr freundlich und bot an, mich bis vor die Haustür zu fahren, obwohl ich an der Kirche aussteigen wollte. Ich habe damals in der Sahlenburger Heide gewohnt, also ziemlich einsam ca. 1,5 km durch einen Feldweg. Unterwegs hielt er plötzlich an und wurde aufdringlich, ich habe mich gewehrt und ihm das Gesicht zerkratzt, schließlich bin ich aus dem Wagen entkommen, weil sich mein Bruder mit dem Roller von hinten auf dem Weg näherte."

Sie erzählt, dass sie von zu Hause aus die Polizei gerufen hat, die auch gekommen sei. "Bis heute habe ich die Behandlung der Beamten nicht verwunden: sollte ganz genau beschreiben, wo er mich überall begrapscht hat, als wenn sie sich daran hochziehen wollten! Sie haben sogar meinen Bruder verdächtigt, etwas damit zu tun zu haben."

Kurt-Werner Wichmann wird zunehmend als Hauptverdächtiger in dem jahrzehntelangen ungelösten Fall betrachtet. Foto: privat/Eggeling

Sie sei sich "heute noch sicher, dass sie ihn gekriegt hätten, wenn sie mich ernst genommen hätten, zumal ich Aussehen, Bekleidung und Auto (bis auf das Kennzeichen allerdings) gut beschreiben konnte. Es kommt ziemlich viel wieder hoch, wenn ich Fotos und Zeitungsartikel sehe, nach meinen Erfahrungen werde ich mich jedoch nicht bei der Polizei melden, ich hab mich damals sehr beschmutzt gefühlt".

Privatermittler Chedor bittet um Rückmeldung

Reinhard Chedor antwortet am 6. Januar 2024 um 21:59 Uhr direkt unter dem Post: "Liebe Anonym, ich bin Reinhard Chedor und recherchiere nochmal die Fälle um die vermissten Mädchen. Die Nordseezeitung hat darüber berichtet. Ich habe mit einigen Frauen gesprochen, die mir ihre Erlebnisse geschildert haben. Sehr gern möchte ich mit Ihnen sprechen. Ich freue mich sehr über eine Kontaktaufnahme. Gern auch anonym. Meine Erreichbarkeit ist in der Redaktion der Nordseezeitung hinterlegt. Vielleicht können wir gemeinsam doch noch zur Aufklärung beitragen und helfen, den Angehörigen Gewissheit über das Schicksal der verschwundenen Mädchen geben."

Eine Antwort gibt es nicht. Chedor hat die Aussagen von renommierten Kriminalpsychologinnen einschätzen lassen. Die nehmen die Aussage ernst und geben den Rat: "versucht dieses Mädchen zu finden", so Chedor. Wer also diese Hinweisgeberin kennt oder es selbst ist, kann sich an die Nordsee-Zeitung wenden, auch anonym. Mailadresse: landkreis@nordsee-zeitung.de. Diese Adresse hat Chedor auch im Internet hinterlegt.

Fall Streckenbach weist Parallelen auf

Gut ein Jahr später verschwindet übrigens wieder ein Mädchen. Seit dem 16. Mai 1979 wird Anke Streckenbach (19) aus Cuxhaven vermisst, auch nach einem Kneipenbesuch. Der Fall weist viele Parallelen zu Angelika Kielmann auf. Wieder ist es die Disco "Zur Börse", wieder liegt der Zeitpunkt des Verschwindens zwischen 23 Uhr und Mitternacht. Wieder ist es die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Ist es ein Serienmörder, ist es Kurt-Werner Wichmann?

Von Christian Döscher

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