Großeinsatz in Geestland: So erlebten Gäste die Pfefferspray-Attacke bei Roes
Während gegen den 19-jährigen Verdächtigen wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt wird, loben Rettungskräfte das Verhalten der Gäste. Ein Blick auf die Chronik zeigt zudem: Attacken dieser Art treffen Klubs in der Region nicht zum ersten Mal.
Ein Vorfall, offenbar mit Reizgas, hat in der Nacht zu Sonntag (6. September 2026) einen Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst in der Diskothek Roes in Lintig (Geestland) ausgelöst. Sechs Menschen wurden nach Angaben der Polizei verletzt, zwei von ihnen schwer. Ein 19 Jahre alter Mann aus Loxstedt steht unter Verdacht.
Gegen 2.25 Uhr soll innerhalb der Diskothek eine stark reizende Substanz versprüht worden sein. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei könnte es sich dabei um Reizgas - umgangssprachlich Pfefferspray - gehandelt haben. "Ich stand mit einer Freundin am Rand der Tanzfläche. Plötzlich mussten wir beide husten und hatten ein Kratzen im Hals. Dann haben wir mitbekommen, dass viele schon auf dem Weg nach draußen sind, und sind auch raus", berichtet eine Augenzeugin gegenüber der Nordsee-Zeitung. Zum Zeitpunkt des Vorfalls hielten sich mehrere Hundert Menschen in der Diskothek auf.
Zahlreiche Besucher klagten über Atemwegsreizungen und Schwindel, teilweise wurden Menschen ohnmächtig. "Manche mussten herausgetragen werden, draußen lagen auch einige Besucher und wurden versorgt", berichtet die Geestländerin.
Ein anderer Disco-Besucher bestätigt: "Es fing plötzlich an zu stinken und ich bekam ein Kratzen im Hals. Andere hat es schlimmer erwischt: Sie mussten sich übergeben." Beide Augenzeugen berichten, dass die Evakuierung der Diskothek reibungslos funktioniert hat. "Die Musik ging aus und das Licht an. Alle Notausgänge waren geöffnet, die Security-Mitarbeiter haben den Gästen nach draußen geholfen. Es funktionierte alles reibungslos und geordnet und sehr schnell", lobt der Disco-Besucher das Sicherheitspersonal. Auch der Betreiber der Disco sei sehr umsichtig gewesen und habe dafür gesorgt, dass die Evakuierung geordnet ablief. "Draußen haben einige geweint und waren offenbar geschockt", berichtet die Augenzeugin. "Eine Panik gab es aber nicht, alles war sehr geordnet."
"Trotz der für alle sehr unangenehmen und erschreckenden Situation hat die Räumung unglaublich reibungslos funktioniert. Alle Notausgänge wurden umgehend geöffnet und die Diskothek konnte innerhalb kürzester Zeit verlassen werden", sagte Juniorchef Jannis Roes. "Ein riesiges Dankeschön an alle freiwilligen Feuerwehren, Rettungskräfte, Sanitäter und alle weiteren Helfer, die heute Nacht vor Ort waren und uns unterstützt haben. Ohne euch wäre eine solche Situation nicht so schnell und professionell bewältigt worden. Wir sind einfach froh, dass die Situation insgesamt so gut und schnell unter Kontrolle gebracht werden konnte."
Rettungsdienst löst sogenannten Massenanfall an Verletzten aus
Da zunächst unklar war, wie viele Menschen betroffen oder verletzt waren, löste der Rettungsdienst einen sogenannten Massenanfall an Verletzten (MANV) aus. Zahlreiche Kräfte von Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei rückten nach Lintig aus. "Wir sind nach den ersten Meldungen zunächst von Dutzenden Verletzten ausgegangen. Das hat sich dann zum Glück nicht bewahrheitet", sagte Polizeisprecher Stephan Hertz gegenüber der Nordsee-Zeitung.
Vor Ort wurden zahlreiche Besucher medizinisch untersucht und behandelt. Den Augenzeugenberichten zufolge waren einige offenbar kurzzeitig bewusstlos. Die sechs Verletzten wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht.
Die Polizei sperrte die Ortsdurchfahrt in Lintig ab, um Platz für die Rettungswagen, die Polizei und die Feuerwehr zu schaffen. Für Angehörige wurde eine Sammelstelle eingerichtet. Sie befand sich im Bereich der Rettungswache an der Lintiger Straße. Von dort aus konnten Besucher nach und nach geordnet abgeholt werden.
Zeugen bringen Polizei auf Spur eines 19-Jährigen
Noch während des Einsatzes ergaben sich durch Zeugenhinweise Hinweise auf einen möglichen Täter. Die Polizei ermittelte einen 19 Jahre alten Mann aus Loxstedt als Tatverdächtigen. Der Mann wurde zunächst festgenommen. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen kam er jedoch wieder auf freien Fuß, da nach Angaben der Polizei keine Haftgründe vorlagen. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung ermittelt.
Lintiger Straße war vollständig gesperrt
Der Großeinsatz dauerte bis gegen 6 Uhr. Die Polizei hob im Anschluss die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr, Rettungsdienst und den Mitarbeitern der Diskothek hervor. Auch die mehreren Hundert Besucher und deren Angehörige hätten sich nahezu ausnahmslos kooperativ und verständnisvoll verhalten und damit die Arbeit der Einsatzkräfte erleichtert.
Vorkommnisse in Diskotheken in der Vergangenheit. Ein Rückblick:
- Februar 2026 in Glinde: In der Diskothek Haase im Landkreis Rotenburg versprühte ein Unbekannter Reizgas auf der Tanzfläche. Mindestens 38 Personen wurden verletzt, acht von ihnen mussten in Krankenhäusern in Bremervörde und Stade behandelt werden. Die Betroffenen litten unter Augenreizungen sowie gereizten Schleimhäuten und Atemwegen. Die Veranstaltung wurde nach dem Vorfall abgebrochen. Die Polizei geht davon aus, dass es sich bei der Substanz um eine Art Tierabwehrspray gehandelt haben könnte, und ermittelte wegen gefährlicher Körperverletzung.
- Mai 2018 im Fischereihafen: Bei einer Auseinandersetzung zwischen rund 20 Personen vor einer Diskothek an der Straße Am Lunedeich kam es zum Einsatz von Reizgas. 15 Gäste erlitten Augenreizungen und Atembeschwerden und mussten von Rettungskräften versorgt werden; eine Person wurde ins Krankenhaus gebracht. Der Vorfall ereignete sich an einem frühen Sonntagmorgen. Nach der Räumung und Lüftung der Räume wurde der Betrieb fortgesetzt.
- August 2017 in Bremen: In einer Diskothek in der Bremer Innenstadt setzte ein 28-jähriger Mann bei einem Streit Reizgas ein. Dadurch wurden mehrere unbeteiligte Personen verletzt. Drei Frauen und ein Mann erlitten Augen- und Atemwegsreizungen, zwei von ihnen wurden ambulant im Krankenhaus behandelt. Der mutmaßliche Täter wurde von der Polizei vorläufig festgenommen.
- Oktober 2014 in Lüdingworth: In Janssens Tanzpalast versprühten Unbekannte Reizgas, was bei mehreren Besuchern zu Atemproblemen führte. Sechs Personen wurden vorsorglich ins Krankenhaus gebracht. Der Vorfall reihte sich in eine Serie von Vorkommnissen ein, zu denen auch eine Brandstiftung am Eingang der Diskothek wenige Tage zuvor zählte.
- September 2011 in Bremen: In der Diskothek "Stubu" am Rembertiring versprühte ein 22-jähriger Besucher Reizgas, woraufhin der Klub mit rund 250 Gästen evakuiert werden musste. Vier Personen wurden wegen Augen- und Atemwegsreizungen behandelt, eine davon im Krankenhaus. Der Verdächtige wurde festgenommen, äußerte sich aber nicht zu den Vorwürfen.
Von Lars Brockbalz und Dirk Bliedtner
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