Coolness-Training in Hemmoor: Wie Schüler lernen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen
An der Osteschule Hemmoor lernen Schüler, Konflikte selbstbewusst und ohne Gewalt zu meistern. Schulleiter Jürgen Baude erklärt, wie präventives Coolness-Training den Schulalltag verändert und alle Kinder einbezieht.
Gewalt an Schulen - ein Thema, das Eltern, Lehrkräfte und Schüler gleichermaßen beschäftigt. Vor zweieinhalb Jahren eskalierte ein Streit auf dem Schulhof - ein Weckruf für die Osteschule. "Die Eltern waren beunruhigt und haben sich beim Landkreis gemeldet. Da wussten wir: Wir müssen etwas Neues versuchen", erinnert sich Schulleiter Jürgen Baude.
Das Coolness-Training (AAT®/CT®) ist eine Fortbildung für Lehrkräfte und Sozialarbeiter, die den Umgang mit schwierigen und gewaltbereiten Schülern systematisch schult. "Die Idee kam von unserer Schulsozialarbeiterin Katrin Stehno. Eigentlich wollte sie das Training schon lange einführen. Die Finanzierung war zunächst nicht möglich, da das Training nicht im regulären Schuletat vorgesehen war", erklärt Baude. Der Landkreis habe dann die Kosten übernommen, nachdem das Konzept vorgestellt wurde.

Ausbildung für nachhaltige Prävention
Inzwischen sind drei Trainerinnen und Trainer zertifiziert - darunter Jürgen Baude selbst - und zwei weitere sollen folgen. Die Ausbildung ist praxis- und selbsterfahrungsorientiert. Verschiedene Methoden und auch Gesprächsführung werden praktisch erprobt - das gibt Sicherheit im Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen. Ziel sei es, präventiv zu arbeiten und den Schülern frühzeitig Werte wie Respekt, Achtsamkeit und Disziplin zu vermitteln.
Die Trainings laufen klassenweise: ab Klasse fünf werden Grundwerte eingeführt, welche auch visualisiert werden und für alle sichtbar in der Klasse hängen. Die sechsten Klassen absolvieren eine Präventionswoche mit externen Akteuren - von Jugendhilfe über Kampfsportschule bis zu Polizei-Workshops. Ab Klasse sieben startet das intensive Coolness-Training mit rund zehn Doppelstunden pro Klasse. "Wir arbeiten immer mit der ganzen Klasse, niemand wird herausgenommen. So bleibt die Gruppe intakt und jeder lernt gemeinsam und miteinander", betont Schulleiter Baude.
Inhalte und Ziele
Das Training verbindet Deeskalation, Grenzziehung und konfrontative Pädagogik. Schüler lernen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen und Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen. "Es geht darum, dass die Kinder merken: Es lohnt sich, sich sozial zu verhalten. Krawall ist nicht 'cool‘", erklärt Jürgen Baude. Selbst Schüler, die zunächst still oder schwierig wirken, profitieren. Kleine Fortschritte wie die Fähigkeit, sich zu äußern, oder Fehler einzugestehen, werden gezielt gefördert.
Prävention statt Sanktion
Die Osteschule setzt bewusst auf präventive Maßnahmen statt auf Suspendierungen. "Wenn Kinder zwei Wochen zu Hause sitzen, lernen sie nichts. Wir wollen ihnen Werkzeuge an die Hand geben, um Konflikte besser zu lösen", sagt Baude. Dabei ist die Elternarbeit ein zentraler Baustein: regelmäßige Elterncafés fördern die Kooperation zwischen Schule und Familien.

Wirkung und Perspektive
Erste Erfahrungen zeigen positive Effekte: "Die Schüler kommen gern zum Training, sind motiviert und öffnen sich. Es ist kein Allheilmittel, aber es baut Spannungen ab und stärkt Beziehungen", so der Schulleiter. Auch Lehrkräfte profitieren: Wer ruhig und konsequent agiert, vermeidet Eskalationen.
Für Jürgen Baude ist klar: "Wir können nicht jedes Kind retten, aber wir können begleiten, fördern und kleine Schritte ermöglichen. Wenn zwei von 20 Schülern dadurch etwas an sich ändern, haben wir schon etwas gewonnen."
Das Coolness-Training an der Osteschule ist ein Beispiel dafür, wie präventive Konzepte, professionelle Ausbildung und konsequente Pädagogik zusammenwirken können, um Schulklima und Sicherheit nachhaltig zu verbessern. "Selbst wenn ein Schüler gestern einen Fehler gemacht oder Probleme verursacht hat, bekommt er am nächsten Tag die Gelegenheit, es anders zu machen und daraus zu lernen. Es ist ein neuer Tag, und jeder sollte eigentlich die Chance haben, wieder einen besseren Tag zu haben", so Jürgen Baude.