"Kinderfreundliche Kommune" Hemmoor: Fortschritte, Streit und offene Fragen
Hemmoor zieht im Ausschuss eine erste Bilanz zur "Kinderfreundlichen Kommune". Ausgerechnet ein Wunsch der Jugendlichen sorgt dann für Diskussionen: Ladebänke im öffentlichen Raum werden zum Symbol für die Frage, wie ernst es mit der Beteiligung ist.
Es ist ein ambitioniertes Ziel, das über mehrere Jahre gewachsen ist: Am 26. Juni 2018 hatte der Stadtrat der Stadt Hemmoor einstimmig den Beschluss gefasst, am Vorhaben "Kinderfreundliche Kommunen" teilzunehmen. Die Siegelübergabe folgte im September 2022 und stellte gleichzeitig die Auftaktveranstaltung für die
Umsetzung des Aktionsplanes dar. So wurde die Stadt Hemmoor als 6. niedersächsische Kommune mit dem Siegel "Kinderfreundliche Kommune" ausgezeichnet. Die zweite Phase erfolgt jetzt im nächsten Schritt, wobei weitere Ziele des Aktionsplanes erreicht werden sollen und die Stadt beweisen muss, dass sie weiterhin das Siegel "Kinderfreundliche Kommune" verdient. Im Mai 2029 könnte dann die dauerhafte Vergabe des Siegels erfolgen.
Im Ausschuss für Soziales, Inklusion sowie Kinder- und Jugendbeteiligung wurde nun der vorläufige Abschlussbericht des ersten Aktionsplanes vorgestellt - ein Zwischenstand, der Fortschritte zeigt, aber auch Spannungen und Lücken offenlegt.

Zahlreiche Maßnahmen seit 2022
Seit 2022 hatte die Stadt zahlreiche Maßnahmen umgesetzt: Spielplätze wurden modernisiert, Beteiligungsformate aufgebaut, Kinderrechte stärker in der Verwaltung verankert. Mit Projekten wie dem neuen Kinder- und Jugendzentrum "B4" oder der Öffnung von Schulhöfen entstanden Orte, an denen junge Menschen sich aufhalten und begegnen können. Auch strukturell habe sich viel getan. Beteiligung sei nicht mehr nur ein Zusatz, sondern zunehmend Teil von Planungsprozessen. Kinder und Jugendliche würden bei Projekten eingebunden werden. An diesem Abend fehlen sie jedoch - die Mitglieder des Kinder- und Jugendbeirats.
Für die Entwicklung und Vorstellung des aktuellen Stands gab es zunächst viel Anerkennung in der Ausschusssitzung. Rita Dankers (SPD) wie auch Lasse Werritz (CDU) bedankten sich ausdrücklich für das Engagement und das "Herzblut", das in das Projekt geflossen sei. Doch die Einigkeit hielt nicht lange.
Ein scheinbar kleines Detail entwickelte sich zum zentralen Punkt einer Diskussion: Sitzbänke mit Solar-Ladefunktion im öffentlichen Raum - ein Vorschlag, der direkt aus der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen hervorgegangen ist.

"Wenn der Akku leer ist, ist er leer"
Werritz bezog klar Stellung. Er wolle "aus seinem Herzen keine Mördergrube machen" und lehne solche Bänke ab. Seine Begründung: Kinder und Jugendliche sollten weniger Zeit am Handy verbringen. "Wenn der Akku leer ist, ist er leer", sagte er. Er forderte, den Fokus stärker auf jüngere Kinder zu legen. Diese kämen in vielen Maßnahmen bislang zu kurz.
Rita Dankers hielt dagegen und erinnerte daran, woher die Idee stammt: aus den Reihen der Kinder und Jugendlichen selbst. Digitalisierung sei Teil ihrer Lebenswelt - und damit auch Teil moderner Stadtentwicklung. "Das ist die Zukunft", betonte sie. Johannes Schmidt vom Bürgerforum ging noch einen Schritt weiter. Er bezeichnete es als bemerkenswert, dass Kinder und Jugendliche die Politik überhaupt erst in Bewegung bringen würden. Gerade im digitalen Bereich seien sie den Erwachsenen oft voraus. "Die überholen uns von links und rechts." Für ihn ist klar: Wenn junge Menschen ihre Lebenswelt artikulieren, müsse die Politik darauf reagieren. Schmidt mahnte in diesem Zusammenhang, Kinder- und Jugendbeteiligung aber nicht pädagogisch zu überfrachten. Es gehe nicht darum, Wünsche zu bewerten, sondern demokratische Prozesse zu ermöglichen. Dazu gehöre, Vorschläge zu begründen, zu diskutieren - und auch Ablehnung auszuhalten.

Beteiligung zwischen Anspruch und Realität
"Einerseits wird die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ausdrücklich gewünscht", ergriff dann Jens Kleen (SPD) das Wort. Andererseits würden konkrete Vorschläge schnell relativiert oder abgelehnt werden. Ob man bei anderen Beteiligungsformaten - wie etwa dem Bürgerhaushalt - ähnlich verfahren würde, stellte er infrage.
Werritz blieb bei seiner Linie. Kinder und Jugendliche müssten lernen, dass nicht jeder Wunsch umgesetzt werden könne. Der Rat treffe letztlich die Entscheidungen. Gleichzeitig räumte er ein, dass Entscheidungen grundsätzlich besser erklärt werden müssten - auch den Erwachsenen. "Dann würden auch die Wahlergebnisse anders aussehen", fügte er hinzu.
Zudem müsse die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, merkte Johannes Schmidt an. Sitzungen am späten Abend seien für Kinder und Jugendliche kaum zugänglich. Er plädierte dafür, Ausschusssitzungen früher beginnen zu lassen. Beteiligung ist nicht nur eine Frage von Angeboten, sondern auch von Zugänglichkeit.
Am Ende blieb vieles offen. Eine konkrete Beschlussempfehlung gab es nicht. Werritz sprach sich ausdrücklich dafür aus, sich mehr Zeit zu nehmen und die Themen weiter in den Fraktionen zu beraten.
Hemmoor ist weiter auf dem Kurs der "Kinderfreundlichen Kommune". Aber die Frage, wie viel Einfluss Kinder und Jugendliche tatsächlich bekommen sollen, ist noch längst nicht abschließend beantwortet.