Sichtbar bleiben in rauen Zeiten: Gründerin der Omas gegen Rechts Hemmoor
Warum eine 68-Jährige Hemmoorin trotz wachsender Anfeindungen Haltung zeigt: Martina Kleinwächter gründete die Omas gegen Rechts Hemmoor. Im Porträt spricht sie über Demokratie, Angst, Frauenrechte - und darüber, warum Aufgeben keine Option mehr ist.
Martina Kleinwächter steht im kleinen Raum des Gemeindehauses in Basbeck. Aus ihrem Handy erklingt Bruce Springsteen - "Streets of Minneapolis". Ein Protestsong, der von der aktuellen Gewalt durch ICE-Agenten in den USA, Protest und dem schnellen Kippen von Demokratie erzählt.
Die 68-jährige ist die Initiatorin der Omas gegen Rechts Hemmoor. Öffentlichkeit sucht sie eigentlich nicht. Sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, liege ihr nicht. Und es gab auch Bedenken sich allein mit Foto in der Zeitung zu zeigen. Innerhalb des letzten Jahres habe sich der Ton verschäft. Aber die Omas gegen Rechts, die Demokratie sei ihr so wichtig.
Politisch interessiert, sozial geprägt
Politik habe in ihrem Elternhaus immer eine Rolle gespielt, erzählt Martina Kleinwächter. "Mein Vater war ein Verehrer von Willy-Brandt" - und zuhause sei viel diskutiert worden. Früh sei für sie klar gewesen, dass sie einen sozialen Beruf ergreifen wolle. Büroarbeit habe sie nie gereizt.
Nach der Schule absolvierte sie direkt die Ausbildung zur Erzieherin, arbeitete zunächst in Hamburg im Heim. Mit der Heirat und der Geburt von drei Kindern folgte eine längere Familienphase. Die Betreuungssituation sei damals schwierig gewesen, ohne die Unterstützung ihrer Mutter hätte sie kaum wieder arbeiten können. 1990 begann sie im Kindergarten in Hemmoor und blieb dort bis zu ihrer Rente im Jahr 2018.
Der Weg zu den Omas gegen Rechts
Der erste politische Impuls nach dem Renteneintritt sei für sie das Thema Klima gewesen. Sie habe es nicht mehr ausgehalten zuzusehen, wie den nachfolgenden Generationen eine immer stärker beschädigte Welt hinterlassen werde. "Es geht nicht um mich oder meine Generation, sondern um die Kinder und Enkelkinder", erklärt sie. "Wir sitzen in einem Bus, fahren sehenden Auges auf den Abgrund zu und es wird nur mit den Schultern gezuckt."
Für sie hängen die politischen Entwicklungen der letzten Jahre eng zusammen. Rechte Bewegungen würden den Klimawandel leugnen oder relativieren. 2024 fuhr sie gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen zur Gründung der Omas gegen Rechts nach Cuxhaven. Noch im selben Jahr gründete sie die Untergruppe in Hemmoor. Formal gehört sie zu Cuxhaven, inhaltlich arbeite die Gruppe eigenständig.

Kleine Gruppe, große Kontinuität
"Rund 36 Menschen sind im Verteiler, etwa 16 davon regelmäßig aktiv", erläutert Kleinwächter. Die Größe ist für sie kein Mangel, sondern eine Stärke. Ein fester Kern arbeite verlässlich und vertraut zusammen - so entstehe Kontinuität.
Seit anderthalb Jahren stehen die Omas regelmäßig auf den Wochenmärkten in Hemmoor und Hechthausen. Dort seien sie inzwischen eine feste Größe. Viele Passanten kämen gezielt vorbei, begrüßten die Gruppe, äußerten Zustimmung. Auch aus dem Rathaus gebe es Rückmeldungen. Die Sichtbarkeit, sagt Kleinwächter, sei entscheidend.
Zweifel, Angst und Selbstschutz
Trotzdem kenne sie Momente der Frustration. Phasen, in denen sie das Gefühl habe, nichts zu bewirken. Dann ziehe sie sich bewusst zurück, höre Musik, suche das Positive. Innerhalb der Gruppe werde immer wieder darüber gesprochen, auf die eigenen Grenzen zu achten. Politisches Engagement dürfe nicht krank machen.
Besonders eindrücklich sei für sie eine Situation auf dem Wochenmarkt gewesen. Auch Informationsmaterial zu Kinderrechten, Menschenrechter und häuslicher Gewalt liege regelmässig bei ihnen am Stand aus. Eine Frau habe das Heft über häusliche Gewalt angesehen, ohne es anzufassen, dann leise gefragt, ob sie es mitnehmen dürfe - und sei schließlich sofort damit weggegangen. Für Kleinwächter war das ein Moment, der deutlich gemacht habe, wie konkret und nah politische Arbeit sein kann.
Frauenrechte, sagt sie, seien für sie ein zentrales Thema, schon seit ihrer Ausbildungszeit. Bereits damals sei sie zu Demonstrationen gegangen, wie gegen den Paragraph 218, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt. Sie befürchtet, dass Frauenrechte und Gleichberechtigung im Falle weiterer politischer Verschiebungen als Erstes unter Druck geraten. Die Wahlergebnisse der vergangenen Jahre hätten ihr vor Augen geführt, wie stark rechte Positionen auch in der Mitte der Gesellschaft verankert sind.
Aber sie beont auch, wie wichtig positive Erfahrungen sind, wie die Unterstützung durch die Polizei, Gespräche im Rathaus, Rückhalt aus der Zivilgesellschaft. All das helfe, weiterzumachen. Für die Demokratie.
