Feierabendbier als Gefahr: Ex-Pflegekraft aus Hemmoor spricht offen über Alkoholsucht
Pflege, jahrelanger Leistungsdruck und der Tod nahestehender Menschen bringen Jens Gerdes aus Hemmoor an seine Grenzen. Alkohol und Drogen werden zur Gewohnheit. Heute spricht der 44-Jährige offen über seine Sucht - und das auch auf YouTube.
Vielleicht war der Einstieg in die Welt des Alkohols und der Drogen der Moment, als Jens Gerdes 1998 gleich mehrere nahestehende Menschen verlor. Er war gerade 18 Jahre alt und musste miterleben, wie drei Menschen, darunter auch seine Cousine, verunglückten.
Zwei weitere überlebten schwer verletzt - drei Beerdigungen in einer Woche. Ecstasy ließ ihn alles vergessen.
Der Lebenslauf des Hemmoorers liest sich wie ein Zickzack durch Arbeitswelten: Metallberuf, Heizungsbau, Bundeswehr. Schichtarbeit im Aluminiumwerk, Hamburger Hafen, Luftfahrtlogistik für Airbus. Verantwortung für 60 Leute, Konferenzen bis spät in die Nacht, Zeitverschiebung nach Kalifornien. "14, 15-Stunden-Tage - das hat einen aufgefressen, aber man wollte sich nichts anmerken lassen", blickt Jens Gerdes auf die Zeit zurück.
Alkohol und Drogen zum Funktionieren
Was ihn lange über Wasser hielt, wurde langsam sein Untergang. Alkohol. Später auch Drogen. Nicht aus Spaß, sagt er, sondern aus Funktion. "Alkohol und Drogen mussten rein, damit der nächste Tag überhaupt funktionierte." Schlafen ohne Bier? Irgendwann unmöglich. Klar denken ohne Substanz? Auch.
Der Absturz kam leise. Und dann mit Wucht. Corona verschärfte alles. Jens Gerdes arbeitete in der Pflege, im Demenzbereich. Unterbesetzt. Abschiede ohne Angehörige. Schutzkleidung statt Nähe. "Das war unmenschliches Arbeiten." Abends dann: trinken. Gemeinsam. Zu viel. Zu oft. Aber man hat alles noch hinbekommen - und dabei doch immer weniger in der Realität gelebt.

Der Wendepunkt: ein Sturz
Der Wendepunkt kam nicht aus Einsicht, sondern durch einen Sturz. Bei Eisglätte zog er sich einen Trümmerbruch in der Schulter zu und landete im Krankenhaus. Da sagten die Ärzte ihm bereits, dass seine Leberwerte nicht gut aussehen würden. Und trotzdem folgte der Rückfall mit Wodka. "Entschuldigungen gibt es nicht. Das war ich selbst." Die Diagnose folgte wenig später: Leberzirrhose im Endstadium, Wasser im Bauch, rund 30 Liter. "Wie drei Kisten Bier, die du mit dir herumschleppst", erinnert er sich. Es war nicht klar, ob er das Krankenhaus lebend verlässt. Eine OP, ein Stent in der Leber - "wie beim Herzen".
Was ihn hielt - seine Mutter
Was ihn hielt, war ein Mensch. Seine Mutter. 82 Jahre alt. "Ich wollte nicht, dass meine Mutter mich unter die Erde bringt. Das hat sie nicht verdient", sagt er heute. Eigentlich wollte er immer so sparsam sein wie sie. Lange Zeit wusste seine Mutter nichts von seinem Kokain-Konsum. Die Zeit nach der Diagnose nutzte er zur Aussprache. Heute pflegt er sie. "Bevor du einen Abgang machst, musst du den Menschen noch einmal deine gute Seite zeigen" - wurde zu seinem Credo.
Das Ritual ist die Gefahr
Heute ist Jens Gerdes nach eigenen Angaben trocken und clean. Er spricht offen - und auch öffentlich, auf YouTube, Instagram und TikTok - über das, was Alkohol schleichend anrichtet. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Erfahrung. "Man merkt gar nicht, wie man hineinrutscht." Das Ritual sei die Gefahr. Das Feierabendbier. Nur nach dem Fußball. Die Gewohnheit. "Du merkst nicht, wie du zum Alkoholiker wirst", betont er. Die Idee zu den YouTube-Videos kam ihm mit Freunden beim Grillen. Einer wurde später sein Cutter. Zu ihrer Überraschung kamen die Videos gut an. Mittlerweile haben seine Videos auch mal über 30.000 Aufrufe und rund 8000 Abonnenten folgen seinem TikTok-Kanal.
"Alkohol sollte komplett verboten werden"
Aktuell sind Gerdes Blutwerte stabil, er hat seine Ernährung umgestellt und sagt über sich selbst, er sei so klar wie seit 25 Jahren nicht mehr - aber er wird noch eine weitere OP für einen neuen Stent benötigen. Außerdem befindet er sich auf der Liste für eine neue Leber. "Alkohol sollte komplett verboten werden", meint er. "Oder so teuer sein, dass niemand es sich leisten kann. Ein Bier für 200 Euro."
Seine Ziele? Er möchte weiter Menschen über das "Höllenzeug" Alkohol und Drogen aufklären. An Schulen, Baustellen, in der Pflege. Gemeinsam mit Jens Kleen, Vorstandsvorsitzender des SC Hemmoor, ist die Idee der "alkoholfreien Kabinen" entstanden. Das Projekt ist aber in den 'Babysöckchen‘ und wird erst noch mit dem Vorstand besprochen, so Jens Gerdes. Im Februar 2027 möchte er zudem nach Neuseeland und Australien, um dort in einem Käfig einem Weißen Hai in die Augen zu sehen.