Kirschkernweitspucken beim Altstadtfest in Otterndorf: Wenn es auf Rekordjagd geht
Diesen Amateursport können Kinder und Erwachsene gleichermaßen ausüben: Kirschkernweitspucken. Es gibt sogar eine WM und eine Rekordjagd. Vor allem geht es um Spaß. Den kann man am Sonnabend, 25. Juli, wieder beim "Altstadtfest" in Otterndorf haben.
Am Sonnabend, 25. Juli 2026, fliegen sie wieder in Massen durch den Otterndorfer Luftraum: Kirschkerne. Das Kirschkernweitspucken von 14 bis 16.30 Uhr ist der letzte Traditionswettbewerb seit der Altstadtfest-Premiere in den 70er-Jahren. Aber ist dies wirklich nur ein temporärer Volkssport beim Altstadtfest? Von wegen: Zeitgleich findet am selben Tag in Nordrhein-Westfalen auch eine Weltmeisterschaft statt, es gibt ausgeklügelte Spucktechniken und sogar einen "Internationalen Tag des Kirschkernweitspuckens". Die NEZ/CN-Redaktion hat das Thema einmal näher beleuchtet.
Die Kirsche: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Kirschen liegt in Deutschland bei rund zwei Kilogramm pro Jahr. Süß- und Sauerkirschen enthalten zahlreiche Mineralstoffe wie Kalium, Kalzium, Magnesium, Phosphor und Eisen und außerdem die Vitamine B1, B2, B6 und Vitamin C. 100 Gramm Sauerkirschen haben 55 Kilokalorien, 100 Gramm Süßkirschen dagegen 65 Kilokalorien.
Der Stein: Es kommt ja schon mal vor, dass man beim Kirschkernweitspucken den Stein verschluckt. Sollte man nicht zu oft machen, rät die AOK hinsichtlich der Risiken und Nebenwirkungen: "Wer gerne beherzt zugreift, kennt vielleicht die Ermahnung, auf keinen Fall die Kerne herunterzuschlucken. Kirschkerne enthalten Blausäure. Auch wenn sie nicht verdaut werden und somit kein großes gesundheitliches Problem darstellen, sollten sie trotzdem vorsichtshalber nicht gegessen werden." Aha, wieder was dazugelernt. So ganz nebenbei: Die Steine schmecken auch gar nicht und sind nun mal steinhart ...

Techniken sind ganz entscheidend
Der Wettkampf: Es gibt keine international formulierten Regeln, aber doch ähneln sie sich. Ist ja eigentlich auch ganz einfach: Es wird eine lange Bahn aufgebaut; quasi der "Flugkorridor". Ein Maßband zur korrekten Weitenmessung ist ebenso unerlässlich wie eine Startmarkierung, die nicht übertreten werden darf. Dann kann's schon losgehen: Kirsche in den Mund, Fruchtfleisch möglichst komplett lösen und dann den blanken Stein in dieser aerodynamisch reinsten Form weit auf die Bahn pusten.
Die Techniken: Ganz entscheidend!!! Es gibt zum Beispiel die Steh- und die Anlaufspucker. Anfänger setzen meist auf das Spucken aus dem Stand, biegen nur den Kopf leicht nach hinten und sind froh, wenn der Stein nicht an ihrer Schuhspitze hängenbleibt. Fortgeschrittene prüfen dagegen vor ihrem Versuch die Windverhältnisse (kein Witz...), nehmen dann mehrere Meter Anlauf, preschen los, biegen Kopf und Oberkörper in einer fließenden Bewegung nach hinten und spucken dann im entscheidenden Moment an der Startmarkierung in einem bestimmten Winkel den Stein aus. Während die Routinierten darauf schwören, die Zunge wie ein Blasrohr zu rollen und dadurch dem Stein möglichst viel Speed zu geben, dürfte die Masse der Hobbyathleten wohl ahnungslos auf die ganz profane Spuckvariante setzen. Doch jede Technik kann man im Laufe der Zeit ja verfeinern ...

In Düren geht es heute um WM-Titel
Die Weltmeisterschaft: Ja, es gibt sie tatsächlich. Sie findet alljährlich in Düren (eine Stadt zwischen Aachen und Köln) statt. 1974 ist diese Weltmeisterschaft - nur kurz nach der Fußball-WM - erstmalig ausgetragen worden. Eigentlich eine Schnapsidee, doch der WM-Titel wird nun jährlich im Rahmen der Dürener "Annakirmes" vergeben. Nur ganz am Rande: Der erste Weltmeister hieß Heinz Michels aus Hürtgenwald-Horm. Er erhielt zwar kein Preisgeld für seinen Titel, dafür aber eine Einladung von Heinz Schenk und Lia Wöhr in die Sendung "Der blaue Bock".
Der Rekord: Wer danach sucht, stößt in Deutschland zwangsläufig auf Thomas Steinhauer, der 2017 einen Stein in einer Kombination aus ausgefeilter Spucktechnik, idealem Lungenvolumen und Körperbeherrschung auf die Weite von 22,52 Metern segeln ließ. Bei den Frauen hält Andrea Kuck die Bestweite von 16,01 Metern. Im "Guinness World Records"-Buch wird übrigens als aktueller Weltrekord die Weite von 28,51 Metern genannt (aufgestellt im Jahr 2004 von Brian Krause).

Bitte kein Training auf dem Balkon
Der Feiertag: Am jeweils ersten Samstag im Juli feiert man in Amerika seit 1974 auf der "Tree-Mendus Fruit Farm" in Eau Claire (Bundesstaat Michigan) den "Internationalen Tag des Kirschkernspuckens" oder "International Cherry Pit Spitting Day".
Risikosport: Eigentlich ist die Verletzungsgefahr beim Kirschkernweitspucken gering - sollte man meinen. Doch wenn die Begeisterung ausufert, kann es gefährlich werden. So wie nach dpa-Angaben im Jahre 2018 im thüringischen Sondershausen. Dort hatte ein damals 21-Jähriger nach einer feucht-fröhlichen Party auf einem Balkon seine Leistungsfähigkeit beim Kirschkernweitspucken demonstrieren wollen, was gründlich daneben ging. Er verlor bei einem seiner Versuche das Gleichgewicht, stürzte vom Balkon im dritten Stock in die Tiefe und verletzte sich schwer. Das Training war beendet und der Mann landete im Krankenhaus.

Heute spucken von 14 bis 16.30 Uhr
Otterndorf: die norddeutsche Hochburg im Kirschkernweitspucken. Seit dem ersten Altstadtfest in den 70er-Jahren gibt es diesen lockeren Wettbewerb für Kinder und Erwachsene. Als das zwischenzeitliche Aus drohte, da die Altherrengruppe, die dieses Event viele Jahre lang organisiert hatte, aufhören wollte, sprangen die Niederelbe-Zeitung und die Otterndorfer TSV-Tennisabteilung ein und stellten sicher, dass diese Tradition erhalten blieb. Es existiert noch eine alte, wenn auch unvollständige Siegerliste, wonach der ehemalige Bürgermeister Hermann Gerken 1979 und 1980 mit Weiten von 11,78 und 11,07 Metern gewonnen hatte. Ein Jahr später wurde dann durch "J. Diers" die auch heute noch gültige Rekordweite erzielt: 16,39 Meter. Immer wieder gelang es den Teilnehmern in den Folgejahren zwar, die 15- und auch die 16-Meter-Marke zu knacken. Aber der Rekord besteht seit 1981. Wird er in diesem Jahr fallen? Das zeigt sich beim "Lütten Altstadtfest" am Sonnabend, 25. Juli, zwischen 14 und 16.30 Uhr in der kleinen Straße "Minna-Karsten-Stieg" (zwischen Kirchplatz und "Am großen Specken"). Aber es geht natürlich nicht vorrangig um den Sieg, sondern um den Spaß - ob mit 8 oder 80 Jahren. Übrigens: Alles wird teurer, aber die Preise für drei Kirschen pro Durchgang sind und bleiben stabil: 50 Cent.
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