60 Jahre Bördemuseum Lamstedt: Ein lebendiger Schatz der Regionalgeschichte
Das Bördemuseum Lamstedt im Kreis Cuxhaven feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen. Grund genug, einen Blick auf die Vergangenheit des 6.000-Seelen-Dorfes, die Ausstellung und die Anfänge dieser außergewöhnlichen Sammlung zu werfen.
Zwischen Banken, Grillhäusern und modernen Vorgärten vor noch moderneren Häusern steht in Lamstedt, unmittelbar an der Kreuzung der Bundesstraße 495 mit der Landesstraße 116, ein Gebäude, das inmitten des Fortschritts den ursprünglichen Charme des 6000-Einwohner-Dorfes wohl wie kaum ein anderes in der Umgebung widerspiegelt. In diesem Jahr feiert das Bördemuseum Lamstedt sein 60-jähriges Jubiläum. Ein Blick zurück in ein altes Lamstedt mit seinen Sitten und Bräuchen und eine ganz besondere Art zu leben.
Das Museum hält diese Erinnerungen am Leben. Das heutige Museumsgebäude hat eine bewegte Vergangenheit - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn ursprünglich stand das Haus etwa 400 Meter östlich des heutigen Standortes und diente einer alten Lamstedter Schmiede als Unterkunft. Als die Modernisierung des Ortes immer weiter voranschritt und ein dort ansässiger Betrieb 1963 erweitert werden sollte, musste das Haus weichen. Viele Teile, insbesondere der Dachstuhl und die Balken, wurden jedoch sorgfältig abgetragen und wiederverwendet, um das Haus an seinem jetzigen Standort originalgetreu wieder aufzubauen. 1964 öffnete das Museum erstmals seine Pforten für die Öffentlichkeit und präsentierte das bäuerliche Kulturgut vergangener Jahre, dessen Sammlung aber bereits einige Jahre zuvor begonnen hatte.
Engagierter Heimatpfleger legte den Grundstein
Den Grundstein für die umfangreiche Sammlung legte Karl-Heinz Meyer, der von 1948 bis Anfang der 2000er Jahre als Heimatpfleger in der Börde tätig war. Hinrich Hildebrandt, seit 2019 Heimatpfleger und Museumsleiter, kannte seinen prominenten Vorgänger. Als umtriebig und engagiert beschreibt er ihn. "Deshalb wurde er auch zum Ehrenheimatpfleger ernannt", erzählt Hildebrandt. Dabei stammt Meyer gar nicht aus Lamstedt, sondern wurde in Köhlen geboren. "Er hat hier nur eine Lehrstelle bekommen", weiß der heutige Heimatpfleger.
Meyer habe schon immer viel gesammelt. "Es gab nur keinen richtigen Aufbewahrungsort für die bäuerlichen Gegenstände und Trachten", erzählt Hildebrandt. Deshalb habe der Lehrer sie zunächst an seinem Arbeitsplatz, der alten Schule in der Basbeker Straße, untergebracht. "Dort waren sie aber natürlich nicht präsentierbar, sondern nur abgestellt."
Um dies zu ändern und aus kulturhistorischem Interesse, die Objekte an einem geeigneten Ort zu präsentieren und zu erhalten, entschloss sich der Landkreis schließlich zur Gründung des Museums. Doch zunächst mussten die verschiedenen Sammlungsstücke aus dem alten Depot in die Ausstellung transportiert werden. "Und da hatte Meyer einen großen Vorteil", beginnt Hinrich Hildebrandt amüsiert zu erzählen. "Er hatte immer den Draht zur Schule. Also hat er alle Schüler eingespannt und die mussten dann die Spinnräder und alles, was von Hand zu tragen war, rübertragen."

Eine schwierige Zeit für die Börde Lamstedt
Dabei handelte es sich vor allem um Objekte aus der Zeit vom 19. Jahrhundert bis 1914. "Diese Zeit war von wirtschaftlichen Herausforderungen geprägt und stellte einen entscheidenden Umbruch dar", erklärt Hildebrandt. "Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die Böden in der Lamstedter Börde relativ ertragsarm waren." Das führte dazu, dass die Bevölkerung viele Produkte selbst herstellte, darunter Leinen und Holzschuhe. Heimatpfleger Hildebrandt deutet auf ein Foto in einem Raum des Museums. Es zeigt eine alte Schulklasse. Die Jungen tragen alle Holzschuhe.
Im Obergeschoss befindet sich eine kleine Sammlung von Holzschuhen für verschiedene Anlässe und Jahreszeiten. "Auch diese Schränke wurden zum Teil selbst hergestellt", betont Hildebrandt und zeigt auf einen massiven Eichenschrank. Mehrere davon stehen im ganzen Museum verteilt. Alle sind mit einem Trapezmuster verziert - typisch für die Lamstedter Börde.
"Man hat versucht, so wenig Geld wie möglich auszugeben", erzählt Hildebrandt weiter. Nach einiger Zeit kamen die ersten Düngemittel auf und verbesserten den Ertrag der Böden. 1899 kam die Molkerei Lamstedt hinzu und sorgte für zusätzliche Einnahmen. "Um 1900 war hier schon ein gewisser Wohlstand eingekehrt. Die wirtschaftliche Lage hatte sich gebessert."

Nachfahren aus den USA besuchen das Museum
Dennoch hatte die schwierige wirtschaftliche Lage in den Jahren zuvor zu einer hohen Auswanderungsrate geführt, vor allem in die USA: "Und die Nachfahren jener Auswanderer kommen bis heute ins Museum." Immer wieder machen sich ganze Familien auf die Suche nach der Geschichte ihrer Vorfahren. Hinrich Hildebrandt hilft ihnen. Im Schnitt kämen zwei amerikanische Familien pro Jahr. Deutsch sprächen sie zwar nicht mehr, aber die Nachnamen seinen meist geblieben und würden in vielen Fällen direkt zeigen, ob die Familie aus der Börde Lamstedt stamme.
Hildebrandt zeigt den Verwandten, unter welchen Bedingungen die Vorfahren gelebt haben, aber auch, wo sie geboren wurden oder zur Schule gegangen sind. "Ich muss das alles auch auf Englisch erklären können", sagt er. "Von Berufswegen muss ich zwar schon viel Englisch können, aber ein paar Begriffe musste ich mir auch erst aneignen. Dass Reetdach ,thatched roof' bedeutet, wusste ich zum Beispiel nicht."
Eines der letzten Reetdachhäuser
Tatsächlich ist das Bördemuseum eines der wenigen Reetdachhäuser, die es in Lamstedt noch gibt. Das hat verschiedene Gründe, weiß Hildebrandt: "In Lamstedt hat es im 19. Jahrhundert mehrfach gebrannt. Und da die feueranfälligen Reetdachhäuser alle sehr dicht beieinander standen, wurden bei einem Brand gleich mehrere Häuser zerstört." Auch während des Modernisierungsschubs zwischen den 1950er und 1960er Jahren sei "viel Bausubstanz und erhaltenswertes Inventar vernichtet" worden.
Was nicht vernichtet wurde, kann heute im Bördemuseum besichtigt werden. So zum Beispiel ein von der Decke hängender Propeller eines Doppeldeckers aus dem Jahr 1908, der dem Lamstedter Flugpionier Wilhelm Heinrich Evers gehörte, der in der Börde mehrere spannende Flugversuche unternommen hatte.
Die Bedeutung der Trachtenkultur in der Börde Lamstedt
Doch vor allem die Trachten erfahren im Bördemuseum eine besondere Präsentation. Sie sind der eigentliche Aufhänger der Ausstellung, denn Lamstedt galt als eine der entscheidenden Trachtenhochburgen im Elbe-Weser-Land, zu dem auch Selsingen, Scheeßel und das Alte Land gehörten. Die Trachten dienten unter anderem dazu, die eigentliche Armut der Börde zu kaschieren. "Deshalb sind sie auch so schön geschmückt und gestaltet. Außerdem machen sie keinen Unterschied zwischen Arm und Reich." So entstand Zusammenhalt und es gab kaum Standesunterschiede. "Damals saßen die Hofbesitzer auch mit den Knechten an einem Tisch", weiß der Museumsleiter.

Bei näherer Betrachtung der Trachten fällt auf, dass sie ungewöhnlich klein sind. "Die Frauen waren im Durchschnitt nur 1,55 Meter groß, die Männer 1,65 Meter." Das zeigt sich auch in der Schlafstätte, der "Butze", die sich in der "Döns" des Bördemuseums befindet, eine Nachbildung einer typischen Wohn- und Schlafstube der Börderaner im vergangenen Jahrhundert.

Hildebrandt: "Die Leute haben nicht im Liegen geschlafen, sondern eher im Halbsitzen. Fast alle hatten Atemprobleme. Schließlich hatte das Haus keinen Kamin. So verteilte sich der Rauch vom Ofen überall." Auch die Lungenkrankheit Tuberkulose sorgte für Atembeschwerden. Als ein Arzt aus Cuxhaven die "Butzenwirtschaft" untersuchte, führte er die Tuberkulose fälschlicherweise auf die mangelnde Hygiene der Butzen zurück und erwirkte ein Verbot.
Seit 60 Jahren halten die Zuständigen des Bördemuseums die Vergangenheit der Börde Lamstedt wahrhaftig am Leben. Nicht zuletzt durch Schulklassen, die das Museum besuchen oder die Nachfahren ausgewanderter Familien, die ihren Ahnen durch das Museum und ihre Mitwirkenden ein Stück näher kommen können.