Ob Geige, Bass, Blockflöte oder Klavier: Die Instrumentenbandbreite ist groß. Foto: Robert Michael / dpa
Ob Geige, Bass, Blockflöte oder Klavier: Die Instrumentenbandbreite ist groß. Foto: Robert Michael / dpa
Das Sonnabend-Gespräch

Musikschulleiter aus Kreis Cuxhaven: "Niemand ist unmusikalisch"

von Egbert Schröder | 15.12.2023

Wolfgang Haack (62) leitet seit 2010 die "Musikschule an der Oste". Mit Haack sprach unser Redakteur Egbert Schröder unter anderem über die Bedeutung der Musik und des Erlernens eines Instrumentes für die eigene Persönlichkeit.

 Was kann Musik aus Ihrer Sicht beim Menschen bewirken?

Nur Positives.

Heißt was?

Es gibt natürlich wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse dazu, aber die will ich gar nicht zitieren. Es ist jedoch erwiesen, dass aktives Musizieren vielerlei Sinne schärft. Die, die zum Beispiel ein Instrument erlernen wollen, müssen auch den Ehrgeiz haben und dabei bleiben, bis sie es schaffen. Es ist ein Erfolgserlebnis, dies beim Vorspielen auch zu Gehör zu bringen. Das ist ein wichtiges Ereignis für jeden Schüler und jede Schülerin - und damit meine ich Schüler von 6 bis 99 Jahren. Es werden Sozialkompetenzen geschärft und die Resilienz gestärkt, lösungsorientiert letzten Endes sein Ziel zu erreichen.

 Muss ich eigentlich von Natur aus musikalisch sein, um ein Instrument zu erlernen? Oder reicht auch Talentfreiheit?

Mir wird häufig von Menschen gesagt, dass sie "talentfrei" seien, aber dennoch gerne ein Instrument erlernen wollen. Den Begriff, dass jemand "unmusikalisch" ist, lehne ich ab.

 Warum?

Dann würde der- oder diejenige keine Musik hören, das Autoradio nicht nutzen, bei einem Fest nicht auf die Tanzfläche gehen oder bei einer Trauerfeier nicht zutiefst von der Orgelmusik berührt sein. Der Mensch ist grundsätzlich musikalisch. Es ist etwas anderes, sich musikalisch auszudrücken. In der Musikphilosophie sagt man, dass quasi die Stimme das beste Instrument ist. Es ist ein Instrument, um zu kommunizieren, daher ist jedes andere Instrument quasi eine "Krücke", um sich musikalisch auszudrücken. Ich mag nicht gerne singen, da ich meine Stimme nun nicht besonders schön finde. Daher nutze ich eben ein Instrument als diese "Krücke". Das kann ein Saxofon ebenso sein wie ein Klavier oder ein Bass.

 Dann stelle ich die Frage anders: Gibt es das falsche Instrument für einen Menschen, der gerne musikalisch tätig sein würde? Ein Saxofon zu beherrschen ist wahrscheinlich anspruchsvoller als ein Triangel-Spiel. Wobei ich natürlich nichts gegen Triangel-Musik habe ...

Es gibt in Wirklichkeit kein Instrument, das leicht zu erlernen ist. Wenn es jemand zu einem bestimmten Instrument treibt, dann sollte man auch dabei bleiben. Es handelt sich dann um einen Zeitfaktor, bis man auf dem Instrument spielen kann. Da sollte man sich auch nicht vom Weg abbringen lassen.

 Welches Instrument ist ideal für den Einstieg?

Da kommt man an der Blockflöte nicht vorbei.

 Auch wenn es sich manchmal schräg anhört ...

Ja, aber es geht um ganz elementare Geschichten. Man hat eine Kontrolle des Luftstroms, was gut für die Lunge ist, und man erzeugt Töne. Ob aus dem Blockflötenspiel dann später das Saxofon-, Trompeten-, Tuba- oder Klarinettenspiel wird, muss sich zeigen.

 Wie groß ist die Bereitschaft bei Jüngeren, ein Instrument zu erlernen? War die Bereitschaft "früher" ausgeprägter?

Das ist natürlich eine schwere Frage. War die Bereitschaft "früher" tatsächlich größer? Durch Corona ist es allerdings schon schwerer geworden, viele Jugendliche für Musik zu begeistern und zu halten.

 Warum hat Corona daran einen solchen Einfluss?

Wir hatten vor Corona 900 Schüler; jetzt haben wir 650. Dazwischen lag die Zahl bei 290. Das hat mir als Leiter der Musikschule schon schlaflose Nächte bereitet. Ich habe heute den Eindruck, dass inzwischen die musikalischen Bedürfnisse schon wieder stärker geweckt werden und wir im Instrumentalbereich zulegen. Aber häufig ist es eine Mischung aus Eigeninitiative und der Anmeldung von Eltern für ihre Kinder bei der Musikschule. Das muss man ehrlicherweise sagen.

 Stichwort Eltern: Wie sieht es bei den älteren Jahrgängen aus? Gibt es da ein gesteigertes Interesse, in seiner Freizeit die "Musikschul-Bank" zu drücken?

Wir haben viele Erwachsene in einem sogenannten "Spätzunder"-Kurs aufgefangen und planen jetzt auch noch ein Ensemble. Generell möchten wir an unserer Musikschule möglichst ein "Breitband-Angebot" haben, denn das ist unsere eigentliche Aufgabe - von der Pop- und Rock-Band über Kammer- und Unterhaltungsmusik. Wir möchten erreichen, dass die, die zu uns kommen (und das sind auch viele Erwachsene), eine für sie passende Musikrichtung finden. Wir sind dafür da, ihnen ein entsprechendes Angebot zu machen.

 Von den Älteren zu den Jüngeren: Wird an den Schulen ausreichend Musikunterricht erteilt?

Das ist ein riesiges Problem. Mir blutet das Herz, wenn ich von unseren Schülerinnen und Schülern höre, dass an ihren Schulen kein oder kaum Musikunterricht erteilt wird. Dort, wo er gegeben wird, ist es ein sehr kompetent vermittelter und guter Unterricht. Es ist äußerst bedauerlich, wenn ein solcher Unterricht an allgemeinbildenden Schulen überhaupt nicht mehr erteilt wird. Kunst und Kultur gehören einfach zum Leben dazu - insbesondere für die Kinder. Allein die Erfahrung, gemeinsam in einem Kinderchor zu singen, ist so wichtig. Wir brechen uns aber einen dabei ab, was ist Amerika und England normaler Schulalltag ist.

Der Stader Wolfgang Haack leitet seit 2010 die "Musikschule an der Oste", an der rund 20 Kolleginnen und Kollegen unterrichten. Foto: Schröder

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Egbert Schröder

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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