Manchmal kommen sie nicht mal bis ins Wartezimmer. In einer Kinderarztpraxis in der Wurster Nordseeküste müssen täglich 20 bis 30 Patienten wieder wegschickt werden. Symbolbild: Stefan Puchner/dpa
Manchmal kommen sie nicht mal bis ins Wartezimmer. In einer Kinderarztpraxis in der Wurster Nordseeküste müssen täglich 20 bis 30 Patienten wieder wegschickt werden. Symbolbild: Stefan Puchner/dpa
Infektsaison

Nach Aufnahmestopp bei einem Kinderarzt im Kreis Cuxhaven: Praxen am Limit angekommen

von Lennart Keck | 30.11.2023

Eltern sind außer sich, als sie mit ihrem kranken Kind an der Tür einer Kinderarztpraxis im Kreis Cuxhaven abgewiesen werden - doch zurzeit ginge es wohl nicht anders. Kinderärzte aus dem Landkreis schildern ihre derzeitige Lage.

"An diesem Wochenende musste ich die schwerste Entscheidung in meiner Karriere als Kinderarzt treffen", bedauerte der Nordholzer Kinderarzt Michael Scheel Ende vergangener Woche in den sozialen Medien. Erstmals seit Bestehen seiner im September eröffneten "Kinder- und Jugendarztpraxis Cuxland" musste Scheel einen Aufnahmestopp verhängen und sogar Patienten an der Tür abweisen.

"Am Tag müssen wir etwa 20 bis 30 Patienten wegschicken, die gerne ihr krankes Kind bei uns anschauen lassen wollen", erklärt Michael Scheel auf Nachfrage unserer Redaktion. "Leider haben wir dafür die Kapazitäten nicht, da wir um die Not zu lindern schon an der maximalen Kapazitätsgrenze arbeiten."

Eltern aus Kreis Cuxhaven ärgern sich

Bei den Erziehungsberechtigten stößt das Vorgehen des Nordholzer Arztes nur bedingt auf Verständnis. Ein Leser unserer Zeitung, Name ist der Redaktion bekannt, machte seinem Ärger Luft, nachdem sein Kind an der Praxistür abgewiesen worden war. "Mein vierjähriger Sohn lag bei uns auf dem Boden und krümmte sich vor Schmerzen", berichtete ein Elternteil des Kindes, das schon einmal Patient bei Scheel gewesen sein soll. Die Praxis sei überfüllt, man müsse auf den Bereitschaftsdienst oder die Notaufnahme ausweichen. Beschweren solle man sich bei der Regierung. Das Kind wurde später in der Notaufnahme aufgenommen und verbrachte vier Tage in stationärer Behandlung.

Der Vater ärgert sich: "Dass der Doktor einen Aufnahmestopp für neue Patienten macht, kann ich verstehen. Aber wenn ich meine Patienten habe, dann muss ich die auch ärztlich versorgen."

Auf Anfrage unserer Redaktion bezieht Michael Scheel Stellung zu dem Vorfall und erklärt, dass ein Verweis an den Bereitschaftsdienst nicht erfolgt sei. Durch einen medizinischen Fachangestellten sei vermerkt worden: "Bauchschmerzen seit 2 Wochen, jetzt akut." Der Arzt habe den jungen Patienten daraufhin für die weitere Behandlung in die Notaufnahme verwiesen. "Das Kind ist von uns nach Einschätzung der Lage in die richtige Versorgungsschiene verwiesen worden, was sich ja dann auch im Krankenhaus bestätigt hat", so Scheel.

Kinderarzt aus Kreis Cuxhaven versteht den Frust

Dennoch kann er den Ärger der Eltern gut verstehen und ist selbst sehr unglücklich über die momentane Situation: "Aus diesem Grund habe ich ja viel Geld in die Hand genommen, bin dieses hohe unternehmerische Risiko eingegangen und habe meine Großpraxis gebaut. Damit diese unschöne Situation kein Dauerzustand bleibt, sondern wir das Problem zumindest in näherer Zukunft halbwegs lösen können."

Die Frage, ob sich Scheel bei der Aufnahme neuer Patienten möglicherweise übernommen hat, kann er nicht eindeutig beantworten. "Wir haben, solange es ging, Patienten aufgenommen, aber jetzt ist der Punkt erreicht, wo wir die Notbremse ziehen mussten." Unter anderem, weil sonst das Fehlerrisiko steige, wenn die Zeit für die Pflege knapper wird und der Stress zunimmt.

Andere Praxen im Kreis Cuxhaven ebenfalls am Limit

Dass Kinderarztpraxen im Cuxland allmählich an ihre Grenzen kommen, weiß auch Mirjam Schildger aus Geestland, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin: "Wir versuchen bereits, irgendwo noch Patienten reinzunehmen, die sonst keinen Kinderarzt finden, aber selbst wir sind wirklich am Limit." Einen Aufnahmestopp hat die Kinderärztin noch nicht verhängt, aber derzeit arbeite sie mit einer Zulassungsbeschränkung. Es sei noch nicht vorgekommen, dass sie Patienten nach Hause schicken musste - und damit wolle sie auch gar nicht erst anfangen: "Ohne Überstunden geht es dann nicht. Wer krank ist, muss angeguckt werden."

Für einen halbwegs geregelten Tagesablauf sei jedoch eine konkrete Strukturierung unerlässlich. Die telefonische Anmeldung der Patienten funktioniere noch recht gut. Besonders auffällig und zeitaufwändig seien die "Pille-Palle-Geschichten", erklärt die Fachärztin: "Früher hat es gereicht, wenn Eltern eine Entschuldigung geschrieben haben. Viele Eltern würden bei Husten und Schnupfen vermutlich auch gar nicht kommen, wenn die Schulen nicht nach drei Tagen eine Krank-Schreibung einfordern würden."

Dass der Gesundheitssektor seit Jahren vernachlässigt werde, daran zweifelt die Ärztin nicht: "Es gibt keine Medizinstudienplätze, wir kriegen keine Kollegen ausgebildet. Gerade jetzt fehlen die Leute und es nützt uns nichts, wenn wir jetzt anfangen. Es dauert 12 Jahre, um einen fertigen Facharzt auszubilden und wer will bei den heutigen Bedingungen dann freiwillig in die Praxis kommen?"

Zu wenig Kinderärzte in Cuxhaven

Der Cuxhavener Kinderarzt Uwe Reimpell sieht die Situation gelassener: "Klar gibt es immer mal Engpässe, was in der Infektsaison aber klar ist." Abweisen musste Reimpell ebenfalls noch keine Patienten und auch die Tageskapazitäten seien noch im normalen Rahmen machbar. "Natürlich wird es ein bisschen dichter, aber noch geht alles."Für diese Jahreszeit sei der aktuelle Ansturm nicht ungewöhnlich. Dennoch kritisiert Reimpell die geringe Anzahl von Kinderarztpraxen in Cuxhaven: "Seit Jahrzehnten haben wir in Cuxhaven nur zwei Kinderärzte und andere Städte, die ähnlich groß sind, wie Stade, haben vier."

Dass Patienten zu Terminen nicht zu Terminen erscheinen, erlebt auch Uwe Reimpell, der versucht, diese Fälle durch Erinnerungsanrufe zu minimieren: "Das passiert bei kurzen Terminen, wie Impfungen, aber auch bei Terminen, die bei uns 30 Minuten und länger dauern. Deshalb rufen wir am Vortag immer nochmal an, denn wir wissen, dass ansonsten noch weniger Patienten kommen würden."

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