Im Landkreis Cuxhaven könnten Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen bei einer Niederlassung mit einer finanziellen Förderung der Kassenärztlichen Vereinigung in Höhe von bis zu 75.000 Euro rechnen. Dennoch sinkt die Zahl der Praxen. Foto: dpa/Carmen Jaspersen
Im Landkreis Cuxhaven könnten Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen bei einer Niederlassung mit einer finanziellen Förderung der Kassenärztlichen Vereinigung in Höhe von bis zu 75.000 Euro rechnen. Dennoch sinkt die Zahl der Praxen. Foto: dpa/Carmen Jaspersen
Kein Interesse am Landleben

Hilferuf von Arzt im Kreis Cuxhaven: Tausende Familien ohne festen Kinderarzt

von Maren Reese-Winne | 30.11.2023

Mit seinem Versorgungsgrad von unter 80 Prozent in der Kinder- und Jugendmedizin gilt der Kreis Cuxhaven offiziell noch nicht mal als unterversorgt - in der Praxis bedeutet das aber für viele Eltern im Notfall blanken Horror. Was tun?

Ein Kinderarzt, der das erste Mal in seiner Karriere einen Annahmestopp für Neupatienten aussprechen muss, wütende und verunsicherte Eltern, die nicht mehr wissen, wohin mit ihren fiebernden Kindern: Was gerade im Kreis Cuxhaven passiert, könnte überall im Lande sein - und ist es auch: "Das Thema bewegt in ganz Niedersachsen - wenn nicht in ganz Deutschland - Eltern, Bürgermeister und Landräte", sagt Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) in Hannover.

Der Versorgungsgrad mit Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten im Kreis liegt aktuell bei 77 Prozent; vier weitere Sitze könnten noch besetzt werden, so Haffke. 77 Prozent gelten nach offizieller Lesart noch nicht als  Unterversorgung (die tritt erst bei unter 50 Prozent ein). Eine Überversorgung wird beim Überschreiten der 110-Prozent-Marke festgestellt.

Noch keine offizielle Unterversorgung

Davon ist der Landkreis Cuxhaven weit entfernt. Neun kreisweit niedergelassene Kinderärztinnen und -ärzten sind für die Versorgung von 33.484 Kindern und Jugendlichen im Landkreis Cuxhaven zuständig. Laut Bedarfsplanung so Haffke, soll ein Kinderarzt 2865 Kinder und Jugendliche betreuen (theoretische Verhältniszahl laut Bedarfsplanung). Die sind natürlich nicht in jedem Quartal krank und viele werden auch in allgemeinmedizinischen Praxen versorgt.

Der Nordholzer Kinderarzt Michael Scheel spricht auf seiner Homepage www.kinderarzt-cuxland.de von weiteren drei in Kürze schließenden Kinderarztpraxen und rechnet bald mit dann mit insgesamt 6,5 unbesetzten Sitzen. Bei einer Patientenzahl von realistischerweise 1000 bis 1500 Kindern pro Quartal drohten mindestens 7000 Familien mit Kindern in diesem Winter und darüber hinaus ohne Versorgung zu sein.

Kinderarzt Michael Scheel macht schon lange online auf den drohenden Engpass hin und rät allen Eltern, die Stimme in Richtung Politik zu erheben - im Netz muss er sich auch harter Kritik stellen. Regelmäßig legt er öffen, wie viele Fälle an einem Tag behandelt wurden, aber auch weggeschickt werden mussten. 
Foto: Kinder- und Jugendarztpraxis Cuxland

"Die Prognose könnte stimmen", so die Einschätzung des KVN-Pressesprechers. Allerdings habe die Vereinigung bisher noch keine Kenntnis über demnächst aussteigende Kinderärztinnen oder -Ärzte im Kreis Cuxhaven.

Was die KVN tun kann

Die Kassenärztliche Vereinigung könne zwar eingreifen und steuern, jedoch nur in bestimmten Grenzen: "Die KVN kann keine Ärzte delegieren (freie Berufsausübung) und auch keine zusätzlichen Ärzte ausbilden (dafür ist das Land zuständig)", erklärt Detlef Haffke. Die KVN-Bezirksstelle Stade sei bemüht, die vakanten Arztsitze zu besetzen. Pro Arztsitz könne eine finanzielle Förderung von bis zu 75.000 Euro gewährt werden.

Auf Wangerooge gibt es ein KVN-Praxismodell

Eine KVN-Eigeneinrichtung sei schließlich die ultima ratio zur Sicherstellung der Versorgung: Detlef Haffke erklärt, was das ist: "Finden sich zum Beispiel in einer strukturschwachen Region keine Ärzte, die eine Praxis eröffnen oder übernehmen wollen, können Kassenärztliche Vereinigungen sogenannte Eigeneinrichtungen zur unmittelbaren medizinischen Versorgung der Versicherten betreiben. Die KV stellt dabei die  Räumlichkeiten, das Inventar (einschließlich medizinischer Geräte und das Praxispersonal) und stellt eine Ärztin oder einen Arzt an, der ein festes Honorar von der KV erhält."

Reizvolle Lösung für Einsteiger

Insbesondere für junge Ärztinnen und Ärzte hätten solche Eigeneinrichtungen den Vorteil, dass sie in einem Angestelltenverhältnis arbeiten könnten und nicht das wirtschaftliche Risiko einer eigenen Praxis tragen müssten."
Die derzeit einzige Eigeneinrichtung der KVN wird auf der Nordseeinsel Wangerooge im Rahmen einer Hausarztpraxis betrieben.

Das grundsätzliche Problem sei jedoch seit Jahren  immer dasselbe: "Immer weniger Medizinerinnen und Mediziner wollen sich in ländlichen Regionen niederlassen." In die Röhre schauen hierdurch in immer mehr ärztlichen Disziplinen die Patientinnen und Patienten, die oft Monate bis Jahre auf Termine warten oder quer durchs Land zu den Praxen fahren müssen.

Und wenn Eltern nicht mehr wissen, wohin mit ihrem kranken Kind? "Über die Terminvermittlungsstelle (Telefon 116 117) können sich Eltern Termine bei Kinder- und Jugendmedizinern vermitteln lassen", so Haffke. Darüber hinaus behandelten auch Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin Kinder und Jugendliche.

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

(1 Stern: Nicht gut | 5 Sterne: Sehr gut)

Feedback senden

CNV-Nachrichten-Newsletter

Hier können Sie sich für unseren CNV-Newsletter mit den aktuellen und wichtigsten Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven anmelden.

Die wichtigsten Meldungen aktuell


Bild von Maren Reese-Winne
Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

mreese-winne@no-spamcuxonline.de

Lesen Sie auch...
Gewinn für beide Seiten

Süderwisch: Messe "Deine Chance" bringt Unternehmen und Jugendliche zusammen

von Redaktion

Die jährliche Ausbildungsmesse in Süderwisch brachte Jugendliche mit Unternehmen zusammen. Sie konnte Einblicke in ihre beruflichen Perspektiven gewinnen und erste Schritte in Richtung Praktikum gehen. Ein wertvoller Austausch für beide Seiten.

Ambulante Reha wird großer Trend

Reha-Centrum Cuxhaven in neuer Regie: Warum Martin Gojny bewusst jetzt verkauft hat

von Maren Reese-Winne

Seit Anfang des Monats befindet sich das Reha-Centrum Cuxhaven in Döse in Händen eines bundesweit tätigen, in München angesiedelten Verbunds von Reha-Einrichtungen. Martin Gojny hat den Käufer genau ausgesucht und erläutert die Gründe dafür.

Mehr Besucher, neue Gemälde

Cuxhaven: Ringelnatz-Museum knackt Besucherrekord und plant neue Ausstellungstour

von Jens Potschka

Das Joachim-Ringelnatz-Museum in Cuxhaven verzeichnet mit 6451 Gästen einen Besucherrekord. Ein ungewöhnlicher Schatz aus Gemälden und Schenkungen lockt die Besucher an, während eine neue Ausstellung auf große Tour geht.

Für mehr Gleichberechtigung

Equal Pay, Gewalt, Care-Arbeit: Frauenstreik in Cuxhaven macht Missstände sichtbar

von Bengta Brettschneider

Plakate, Reden und ein Kinofilm über den historischen Frauenstreik in Island: Beim Aktionstag vor dem Bali-Kino in Cuxhaven macht auch Innenministerin Daniela Behrens deutlich, warum Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht ist.