Das Unternehmen Döhler – hier der Standort Neuenkirchen – gerät durch Vorwürfe über mögliche Hygienemängel bei Tanktransporten unter Druck. Foto: Mangels
Das Unternehmen Döhler – hier der Standort Neuenkirchen – gerät durch Vorwürfe über mögliche Hygienemängel bei Tanktransporten unter Druck. Foto: Mangels
Wie sauber sind die Tanklaster?

Schwere Hygiene-Vorwürfe: Hinweise erhärten Verdacht gegen Tanklaster in Neuenkirchen

von Christian Mangels | 30.03.2026

Hinweise auf mögliche Hygiene-Risiken bei Tanktransporten setzen das Unternehmen Döhler mit Werk in Neuenkirchen (Samtgemeinde Land Hadeln/Kreis Cuxhaven) unter Druck. Ein Branchenkenner spricht von ernsthaften Problemen im System.

Die Vorwürfe gegen Döhler am Standort Neuenkirchen wiegen schwer: Nach Recherchen von cnv-medien.de besteht der Verdacht, dass Tanklaster für Apfelsaftkonzentrat zuvor Chemikalien transportiert haben könnten, ohne dass eine gründliche Reinigung erfolgt ist. Umfangreiche Transportlisten, die der NEZ/CN-Redaktion vorliegen, legen diesen Schluss nahe.

Wie der NDR berichtet, sind die Untersuchungen der Lebensmittelüberwachung des Landkreises inzwischen abgeschlossen, ohne dass Auffälligkeiten bei Döhler festgestellt wurden. Für weiterführende Prüfungen hat der Landkreis das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) eingeschaltet. Die Pressestelle des Landkreises bestätigte die Informationen auf NEZ/CN-Nachfrage.

Die Unternehmenszentrale von Döhler in Darmstadt äußerte sich in einer Stellungnahme an cnv-medien.de ausführlich zu Abläufen und Sicherheitsmaßnahmen in Neuenkirchen und anderen Standorten und widerspricht wesentlichen Anschuldigungen.

Inmitten eines Labyrinths von Rohren und Edelstahltanks drückt ein Döhler-Mitarbeiter aufs Knöpfchen. Archivfoto: Adelmann

Katharina Wallace, Marketing Communications Manager, und Dirk Schweikert, Head of Group Quality, betonen, dass für den Transport von Apfelsaftkonzentrat ausschließlich Fahrzeuge eingesetzt würden, die den lebensmittelrechtlichen Vorgaben entsprechen und dafür zugelassen sind. Man halte sich strikt an die EU-Regeln, nach denen Tankfahrzeuge gekennzeichnet sein und ausschließlich für Lebensmitteltransporte genutzt werden müssen. "Diese Vorgaben sind für uns verbindlich", so Wallace.

Zudem verweist Döhler auf strenge Anforderungen an Logistikpartner. Dazu zählen hygienisch einwandfreie Tanks, klare Vorgaben zu Vorladungen, dokumentierte Reinigungsprozesse, qualifiziertes Fahrpersonal und eine lückenlose Transportdokumentation. Neben gesetzlichen Vorgaben müssten auch interne Qualitätsstandards eingehalten werden. Am Standort Neuenkirchen würden eingehende Tankfahrzeuge systematisch geprüft, sowohl hinsichtlich der Unterlagen als auch des hygienischen Zustands und der Einhaltung aller Anforderungen.

Luftaufnahme des Döhler-Werks in Neuenkirchen: Der Verdacht auf riskante Transporte von Lebensmitteln und Chemikalien bringt das Unternehmen unter Druck. Foto: Airpix Nord

Nach eigenen Angaben liegen Döhler keine Erkenntnisse vor, die die Vorwürfe stützen. "Zum jetzigen Zeitpunkt sind uns keine Fälle bekannt, in denen Tankfahrzeuge mit zuvor nicht lebensmittelgeeigneten Ladungen für Transporte unserer Produkte eingesetzt wurden." Auch interne Kontrollen und der Austausch mit Behörden hätten keine Hinweise ergeben. Den anonymen Hinweis nehme man dennoch ernst. Es seien interne Prüfungen eingeleitet worden, die noch andauern und "mit der gebotenen Sorgfalt" fortgeführt werden.

"Ernsthafte Missstände" beim Transport flüssiger Lebensmittel

Zwischenzeitlich gingen bei cnv-medien.de Hinweise aus Polen ein, die unsere Recherchen zu Hygienemängeln bei Tanktransporten untermauerten. Ein Branchenkenner mit Erfahrung im Transport flüssiger Lebensmittel und in der Tankreinigung spricht von "sehr ernsthaften Missständen", die vielen Menschen außerhalb der Branche kaum bekannt seien. Die der NEZ/CN-Redaktion vorliegenden Transportlisten hält er für "sehr glaubwürdig".

Der Informant schildert, dass es in Einzelfällen offenbar vorkomme, dass Reinigungsstationen die Klassifizierung früherer Ladungen nachträglich von "chemisch" auf "lebensmitteltauglich" änderten. Dies sei "ein äußerst schwerwiegendes Problem".

Gegen die Firma Döhler selbst erhebt der Experte, dessen Name der Redaktion bekannt ist, keine Vorwürfe. Seine Kritik zielt stattdessen auf Speditionen und Reinigungsstationen. Gegenwärtig gebe es keine technischen oder organisatorischen Lösungen, die Unternehmen lückenlos vor Betrug schützen. "Manipulationen können sowohl von einzelnen Beteiligten als auch im Zusammenspiel mehrerer entstehen", erklärt er.

Erst Apfelsaftkonzentrat, dann Methanol: Ein Branchenkenner aus Polen hält die unserer Redaktion vorliegenden Transportlisten für "sehr glaubwürdig". Foto: Mangels

Der Informant beschreibt konkrete mögliche Manipulationsmechanismen: So könnten Reinigungsstationen aus wirtschaftlichen Gründen falsche Angaben zur Ladungshistorie akzeptieren oder übernehmen. Ebenso sei es denkbar, dass Spediteure unvollständige oder irreführende Informationen vorlegen, etwa indem sie frühere Reinigungsnachweise oder Frachtpapiere nicht offenlegen und stattdessen deklarieren, der Tank habe zuletzt Lebensmittel transportiert. Reinigungsbetriebe überprüften solche Angaben in der Praxis oft nicht umfassend, so der Kenner der Materie.

Vor diesem Hintergrund verweist der Experte auf seit Jahren diskutierte digitale Lösungen wie elektronische Reinigungsdokumente, die eine lückenlose Rückverfolgbarkeit von Transport- und Reinigungshistorien ermöglichen sollen. "Diese könnten dazu beitragen, Manipulationen künftig deutlich zu erschweren", sagt der Branchenexperte.

Angespannte Marktlage mit hohen Mautkosten

Als eine zentrale Ursache für Betrug nennt er den starken Preisdruck im Transportsektor, der Auftraggeber häufig dazu zwinge, günstigere Anbieter zu wählen. Die derzeit angespannte Marktlage mit hohen Mautkosten, teurem Kraftstoff, Fahrermangel und sinkendem Transportvolumen verschärfe die Situation zusätzlich. Auch die Öffnung des europäischen Marktes für neue Anbieter, etwa aus der Ukraine, habe zu einem intensiveren Wettbewerb geführt, bei dem Qualitätsstandards nicht immer konsequent eingehalten würden.

Unregelmäßigkeiten im Bereich Lebensmitteltransporte und Tankreinigung sind nach Ansicht des Hinweisgebers keine Einzelfälle und treten in mehreren europäischen Ländern auf. Als Beispiel nennt er ein ukrainisches Transportunternehmen, das in der Vergangenheit durch problematische Praktiken aufgefallen sei. Dabei habe es unter anderem Apfelsaft in den europäischen Markt eingebracht und auf Rückfahrten auch chemische Produkte transportiert. Nach Einschätzung des Informanten könnten ähnliche Vorgehensweisen weiterhin vorkommen.

Insgesamt warnt er vor den möglichen Folgen: Im schlimmsten Fall könnten verunreinigte Lebensmittel bis zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern gelangen und damit sowohl die Sicherheit als auch das Vertrauen erheblich gefährden.

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