Kleines Buch mit viel Inhalt: Volker Jarcks Großvater hat darin seine Gedanken und Erlebnisse während seines Kriegseinsatzes beschrieben. Die Notizen haben den Anstoß für den Roman „Und später für immer“ gegeben, der in wenigen Tagen im Buchhandel erhältlich ist. Foto: Schröder
Kleines Buch mit viel Inhalt: Volker Jarcks Großvater hat darin seine Gedanken und Erlebnisse während seines Kriegseinsatzes beschrieben. Die Notizen haben den Anstoß für den Roman „Und später für immer“ gegeben, der in wenigen Tagen im Buchhandel erhältlich ist. Foto: Schröder
Ein Enkel, ein Tagebuch, ein Roman

Autor aus Otterndorf lässt Kriegsgeschichten seines Großvaters zum Leben erwecken

von Egbert Schröder | 05.09.2024

Volker Jarck ist der "dankbare Enkel eines Deserteurs". Und wer den neuen Roman des Otterndorfers liest, weiß warum. Sein Großvater hinterließ ein kleines  Kriegstagebuch, das der Ausgangspunkt für  Jarcks Roman "Und später für immer" ist. 

Volker Jarck ist in Otterndorf und Ihlienworth aufgewachsen, bevor er wegen seines Studiums und seiner beruflichen Tätigkeit in der Buchbranche die Region verließ. Der freiberufliche Lektor und Dozent ist aber vor rund drei Jahren gemeinsam mit seiner Frau Sonja aus Köln nach Otterndorf zurückgekehrt.

Normalerweise kümmert er sich als Lektor um die Betreuung von Schriftstellern. Doch Jarck beherrscht auch den Rollentausch und verfasst eigene Bücher. "Sieben Richtige" war sein erster Roman. Darin skizziert er die Lebenswege mehrerer Menschen und lässt ihre Lebenswege kreuzen. Mit Schicksalhaftem ging es auch in seinem zweiten Buch "Robuste Herzen" weiter, bei dem drei Geschwister im Mittelpunkt stehen. Sie leben in "Tallstedt", aber Jarck lässt keine Zweifel aufkommen, dass es auch Otterndorf heißen könnte.

Nun sein dritter Roman. Es ist das bislang persönlichste Buch des 50-Jährigen, denn darin spielt sein Großvater eine zentrale Rolle. Ein Mann, der - wie viele andere Soldaten seiner Generation auch - später nur wenig über seine Zeit in der Wehrmacht, seine Einsätze im 2. Weltkrieg und seine ganz persönliche Gefühlswelt erzählte. Doch nach dem Tod seines Großvaters stieß die Familie auf ein kleines, blaues Buch. Nicht größer als eine Zigarettenschachtel und eigentlich als Jahreskalender gedacht. Werner Jarck hatte darin 1944 das Geschehen in seiner Einheit festgehalten, aber auch seine Sehnsucht nach einem Leben in Geborgenheit mit seiner kleinen Familie formuliert. Als Jarck seine Tagebucheinträge verfasste, wartete in der Heimat seine junge Frau und sein Sohn, den er bis zu seiner Flucht - wenige Wochen vor Kriegsende - noch nicht in den Armen halten konnte.

Ein Buch über
Leben und Tod

Es ist ein Buch über die Zerrissenheit eines Menschen. Ein Buch über Leben und Tod: das Leben in Freiheit nach dem Ende eines langen Krieges oder dem drohenden Tod als Soldat in den letzten Kriegswochen. Werner Jarck entschied sich für das Leben. Er flüchtete, als sich die Gelegenheit nahe seiner Heimat bot, kam bei Verwandten unter, versteckte sich, wurde nicht entdeckt und konnte schließlich 1945 seine Frau und sein Kind in die Arme schließen.

Für seinen Enkel Volker ist diese Episode aus dem Leben seines Großvaters die Grundlage für das Buch "Und später für immer". Er bettet sie in gefühlvollen Worten in die Geschichte des Soldaten "Johann" ein, der als Feldwebel gemeinsam mit einigen Kameraden kurz vor Kriegsende seine Einheit verlässt, um sich nach Hause durchzuschlagen. Die Einsätze bei der Luftwaffe hat er zwar bis auf eine Knieverletzung unbeschadet überstanden, doch jetzt verfolgt ihn die Angst, dass er in seinem Versteck verraten werden könnte. Würde die 16-jährige Frieda, die in der Nachbarschaft wohnt, ihn auf dem Boden bei seinen Verwandten entdeckt und sich in ihn verliebt hat, Johann bei den Nazi-Schergen des Dorfes ans Messer liefern?

"Wenn es doch
ein Ende hätte"

Volker Jarck bewegt sich nicht - wie in den beiden ersten Romanen - zwischen den Erzählsträngen verschiedener Protagonisten seines Buches hin und her, um diese später zusammenzuführen. Er konzentriert sich auf den Soldaten Johann mit all seinen Gedanken, Schwächen und Plänen für die Zukunft. Rückblenden sorgen dafür, dass der Leser mehr erfährt über ihn, seine Zeit im Kreis seiner Kameraden, aber insbesondere über seine Sehnsucht nach Frau und Kind und einem Stück Normalität nach dem Irrsinn des Krieges ("Wenn es doch ein Ende hätte. Das Kämpfen, das Totschießen"). Er vertraut sich seinem "Kalenderbüchlein"an, überlegt genau, was er auf "vierzehn Quadratzentimeter Platz für jeden Tag" schreibt - und was nicht: "Wie viel Wahrheit vertrug so eine dünne Seite Papier? Wo anders als im verschwiegenen Innern konnte Johann sagen, was ihm quer durchs Herz ging", heißt es an einer Stelle des Buches.

"Mich hat eine
Geschichte gefunden"

Volker Jarck ist es gelungen, das Schicksal eines Deserteurs fast 80 Jahre nach Kriegsende sensibel zu erzählen. Ein Soldat, der "es wagt, feige zu sein". Die Geschichte wirkt nicht überladen, sondern authentisch. Wie groß die Parallelen zum Lebensweg seines Großvaters aber tatsächlich sind, weiß der Autor nicht. Er kann es nicht wissen. Werner Jarck hat die Geschichte nie ganz erzählt.  "Wir waren nicht dabei. Diese Geschichte will nicht historisch wahr sein, sondern menschlich", sagt Volker Jarck. Das ist ihm mit "Und später für immer" gelungen. Jarck ist dankbar für die Chance, seinem Großvater auf diese Weise ein Stück nähergekommen zu sein: "Mich hat eine Geschichte gefunden. Achtzig Jahre alt. Und ich möchte sie allen widmen, die durch Kriege getrennt waren oder sind." 

Die Idee zu diesem Buch kam ihm übrigens, als er am 23. Februar 2022 in den Notizen seines Großvaters blätterte. Einen Tag später griff Russland die Ukraine an. Es herrscht wieder Krieg in Europa ...

Der gebürtige Otterndorfer Volker Jarck ist als Lektor, Autor und Dozent tätig. Der 50-Jährige ist mit seiner Frau vor drei Jahren in die Medemstadt gezogen. Dort entstand auch die Idee zu seinem neuen Buch "Und später für immer". Foto: Schröder

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