"Das Paket am Süderwall": Verena Liebers fesselt Otterndorf mit szenischer Lesung
In der Stadtscheune Otterndorf erweckte Verena Liebers mit ihrer szenischen Lesung "Das Paket am Süderwall" die Fantasie zum Leben. Ein Abend voller Musik, Spannung und einer Prise Humor, der Publikum und Mitwirkende begeisterte.
Ein verständliches Nicken ging durch den vollbesetzten Saal in der Stadtscheune, als Verena Liebers mit musikalischer Begleitung durch Marissa Burchardt und den Mitwirkenden Alina Stolter und Claudia Neumann die szenische Lesung "Das Paket am Süderwall" als Uraufführung präsentierte. Das Kulturbüro der Stadt Otterndorf hatte das richtige Gespür, Verena Liebers erneut nach Otterndorf, der Kulturhauptstadt des Landkreises Cuxhaven, wie Bürgermeister Claus Johannßen, stolz zur Begrüßung betonte, einzuladen.
Für einige Zuschauer war die Autorin keine Unbekannte. 2005 war Verena Liebers bereits als Literaturstipendiatin fünf Monate Gast im Gartenhaus am Süderwall. Anlässlich des Stadtjubiläums residierte sie dort erneut im Oktober vergangenen Jahres. Die besondere Atmosphäre dieses Wohnens am Süderwall inspirierte sie zu der fantastischen Geschichte. "Sie ist im Oktober entstanden und mit dem spontanen Treffen der Mitwirkenden - Juristin Alina Stolter und Claudia Neumann, Mitarbeiterin des Kulturbüros Otterndorf - hat sich etwas Schönes entwickelt", erzählte Verena Liebers.
"Stets auf der Suche nach der eigenen Spur", erklang Marissa Burchard mit Gitarrenbegleitung. Ein Refrain aus einem Text von Karsten Rademacher, mit dem sie regelmäßig im Trio auftritt. Während sie danach zur Querflöte überwechselte, wurden Pakete unter die Zuschauer verteilt. Die Paketboten waren in Eile. Sie ächzten und stöhnten unter ihrer Last. Vergessen wurden in der Hektik ein Regenschirm und eine Jacke.
Töne eines Glockenspiels kündigten die Wetterfee (Alina Stolter) an. "Es war furchtbares Wetter im Oktober", erzählte Verena Liebers. Passend dazu von Marissa Burchard das Lied "Fresenhof" von Knut Kiesewetter. "Rotes Haus mit grünen Fenstern und einem weißen Gartentor", so beschreibt die Autorin das Gartenhaus. "Keine Hausnummer, kein Straßenschild, eine Befestigung der Stadt als Park, durch den tagsüber Leute unterwegs sind. Hinten eine Garage vom Nachbarhaus. Wenn der Nachbar hineinfährt, hört es sich an, als wenn er in mein Zimmer fährt." Nach dieser Beschreibung kann sich jeder das Gartenhaus vorstellen, falls er es nicht sowieso schon kennt.
Ein Paket mit Büchern ist bestellt. Aber es gibt Schwierigkeiten beim Ausliefern. "Überprüfen Sie ihre Adresse!", heißt es. Daten gehen hin und her, aber das Paket bleibt aus. "Jemand fragte, ich antwortete per Mail. Das Gartentor klapperte, dann war ein Husten zu hören", beschreibt Liebers. Die Situation wird etwas unheimlich. Sturmgeister mit Tüchern in Regenbogenfarben flattern durch den Raum: "Stürme toben, Stürme brausen, Stürme heulen. Der Sturm ist abgezogen, der Himmel wieder blau."
Die musikalischen Einlagen von Landschaft, Wetter und den Menschen waren sehr gut ausgesucht. Der Wechsel vom Erlebten zur Fantasie gelang wunderbar. Der kleine Mensch Bo aus dem Internet war plötzlich real und führte die Autorin zur Brücke über die Medem, in der alle vergessenen Sachen schwammen. Er angelte ihr erwartetes Paket heraus und - unvorstellbar - es war trocken. "In der Wirklichkeit musste ich es seinerzeit bei einer Poststelle abholen", lachte Verena Liebers.
Es war ein unterhaltsamer Abend, der allen Mitwirkenden, wie auch dem Publikum, viel Spaß gemacht hatte und einmal mehr den Humor und die Fantasie der Künstlerin zeigte.
Von Heidi Giesecke