Demenz als Thema: Collagen zeigen in Ausstellung in Otterndorf Mikes bewegendes Leben
In der Altstadt-Buchhandlung Otterndorf wird mit einfühlsamen Papiercollagen das Thema Demenz erforscht. Die gebürtige Cuxhavener Künstlerin Hanne Sommer zeigt in ihrer Ausstellung die bewegende Geschichte ihrer Tante Mike.
"Mike verändert sich": Unter dieser Überschrift wurde in den Galerieräumen der Altstadt-Buchhandlung in Otterndorf eine Ausstellung zum Thema Demenz eröffnet. Ein Thema, dem man sich vielleicht gerne fernhalten möchte, das aber in einer Gesellschaft, die zunehmend altert, nicht wegdiskutiert werden kann. Hanne Sommer hat sich dieser Krankheit auf ihre ganz eigene Weise genähert.
Sehr behutsam bringt Sommer dem Betrachter in 14 Papiercollagen die Veränderung eines geliebten Menschen, ihrer Tante Mike, näher, eine lebenslustige, kreative Frau, die in der Berufswelt ebenso zu Hause war wie in der Gesellschaft. Äußerlich schrill mit leuchtend roten Haaren, einer auffallenden Brille, spontan und selbstbewusst geht sie durch ihr Leben. Nach 40-jähriger Ehe gelingt es ihr zunächst noch, den Tod ihres Mannes durch Eigenständigkeit zu kompensieren, aber zunehmend machen sich Vergesslichkeit und Depressionen bemerkbar.
Kleinigkeiten, die sich in ihrem Alltag oder ihrer Umgebung verändern, überfordern sie schnell, und auch Routinetätigkeiten werden immer mehr zur Herausforderung. Mike nimmt diese Veränderungen durchaus wahr, deutet sie aber als Krankheit, die sich wieder gibt und nach der sie ihr normales Leben wieder aufnehmen und nach Italien reisen will. Das passiert nicht.
Es wird schlimmer, die Defizite größer. Mike versucht, ihnen zu begegnen, mal hilflos aggressiv, mal mit ausgeprägtem Bewegungsdrang, dann wieder mit kaum stillbarem Verzehr von Schokolade. Sie verliert das Gefühl für Körperhygiene oder passender Kleidung, wehrt sich aber mit voller Kraft gegen jede noch so gut gemeinte Hilfe. Vier Jahre dauert dieser schleichende Prozess, bis Mike dann mit Anfang 90 stirbt - als "Grande Dame", wie sie von ihrer Nichte bis zum Schluss noch wahrgenommen wird.
Hanne Sommer, geboren und aufgewachsen in Cuxhaven, richtete ihre beruflichen Ambitionen lange Jahre auf die Architektur, deren Studium in Berlin, Kassel und Zürich zunächst auch ihren Lebenslauf prägte. Über Tätigkeiten in Planungsbüros in Hamburg und Berlin arbeitete sie dann 24 Jahre lang als Dozentin für Architektur und Städteplanung mit dem Fachbereich Bildende Kunst. Vielleicht der Anfang ihrer künstlerischen Tätigkeit, der sie sich inzwischen ausschließlich widmet.
Die aktuelle Ausstellung wird ergänzt durch andere ihrer Werke, jedoch ohne direkten inhaltlichen Zusammenhang. Bis Ende März können sich Interessierte dem Thema Demenz durch die Augen der Künstlerin nähern und die Collagen zu den Öffnungszeiten der Buchhandlung in der Galerie anschauen. Der rege Besuch der Vernissage lässt vermuten, dass dem Thema einige Aufmerksamkeit sicher ist.
Von Inga Kasparek