Otterndorferin feiert 100. Geburtstag - bewegende Lebensgeschichte einer Zeitzeugin
Hannelore Brüning aus Otterndorf feiert den100. Geburtstag in erstaunlicher Rüstigkeit. Ihre Lebensgeschichte ist bemerkenswert - ebenso wie die ganze Frau. Die überzeugte Demokratin warnt vor den Gefahren des Krieges.
"Seit Jahren habe ich rumgetönt, ich will die Eins mit zwei Nullen. Aber jetzt fühlt sich die Wirklichkeit doch ein bisschen komisch an." Die Geburtstagsgesellschaft erlebte am 14. März im Restaurant Leuchtfeuer eine in vielfacher Hinsicht bemerkenswerte Frau. Munter und rüstig feierte Hannelore Brüning mit Familie und Wegbegleitern ihren 100. Geburtstag. Mit erstaunlicher geistiger Beweglichkeit parierte sie schlagfertig die wohlmeinenden Festreden mit humorvollen, dabei weisen Repliken.
Diese frühere Otterndorfer Kommunalpolitikerin hat auch im hohen Alter noch etwas zu sagen. Sie kann kluge Ratschläge erteilen und zieht aus der selbst erlebten Geschichte eines prallen Lebens - gespickt mit Freud, aber auch viel Leid - Rückschlüsse. Und als überzeugte Demokratin wurde sie selbst an ihrem glücklichen Ehrentag nicht müde zu mahnen: "Ich bin körperlich unbeschadet aus diesen schweren Zeiten rausgekommen. Nee, nicht ganz. Diesen Zeigefinger schaue ich mir in letzter Zeit sehr genau an. Denn die Fingerkuppe habe ich für Führer, Volk und Vaterland gelassen. Man hat mich als 18-Jährige vom Arbeitsdienst zum Scheinwerfereinsatz geschickt. Und in den Rasterlöchern habe ich die Fingerkuppe verloren. Und diesen Finger erhebe ich mahnend, dass nicht wieder 18-Jährige in den Krieg geschickt werden. Aber die Welt wird im Moment wirklich von Verrückten regiert ..."
Hannelore Brüning erblickte am 14. März 1926 das Licht der Welt, wuchs in Berlin in ärmlichen Verhältnissen auf und war verblendet von den Nazis, die mit ihren perfiden Methoden das Einzelkind für sich kaperten. Nach dem Besuch der Handelsschule begann sie ab 1942 eine Ausbildungsstelle als Fernschreiberin beim Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Bis Sommer 1943 arbeitete sie dort, wurde anschließend zum Reichsarbeitsdienst einberufen und kam in verschiedenen Orten in Mecklenburg in der Landwirtschaft zum Einsatz. Ab September 1944 kam die Order zu besagter Scheinwerferbatterie. In Pilsen beging sie 1945 ihren 19. Geburtstag und erhielt neben selbst gemalten Bildchen, zwei Scheiben Kommissbrot die Entlasspapiere.

Vierfruchtmarmelade als Glücksfall
Anfang Mai 1945 lief sie durch die Trümmer des brennenden Berlins. Von ihrem Zuhause standen nur noch das Treppenhaus und die Fassade. Von Mutter und Verwandten fehlte jede Spur. Wie ein Wunder kam es ihr vor, als eine Tante erschien und mitteilte, dass ihre Mutter, Onkel und Tanten wohlbehalten seien und in einem provisorischen Krankenhaus arbeiteten.
Ein Lazarettzug sollte die Familie Richtung Westen bringen. Vorher war Hannelore mit dem rechten Fuß in einen Eimer Vierfruchtmarmelade getreten. Ein Glückstreffer. Durch den "blutverkrusteten" Fuß stellte die Militärpolizei ihre Anwesenheit nicht in Frage. Am 8. Mai 1945 landete die Familie in Lübeck. Der Onkel klaute einen Leiterwagen, sie ein Fahrrad und quer ging es durch Schleswig-Holstein. Ziel war Ihlienworth, wo angeheiratete Verwandtschaft lebte. Ein kleines Boot brachte die Flüchtlinge heimlich über die Elbe.
Am 2. Pfingsttag 1945 traf Hannelore mit ihrer Mutter, vier Tanten und einem Onkel in Medemstade ein. In einem leeren Stall fanden sie ein erstes Dach über dem Kopf. Die Verwandten und auch wenig später ihre Eltern gingen zurück nach Berlin. "Ich verdiente meine ersten Groschen beim Schuster in Ihlienworth und hörte, dass im Landratsamt in Otterndorf Kräfte gesucht werden." Als Stenotypistin fing sie im Ernährungsamt an und wurde schnell zur Vorzimmerdame des Oberkreisdirektors Bobrowski befördert.
Persönliche Glück beim Kreis Land Hadeln gefunden
Die Stellung brachte ihr auch persönliches Glück. Denn der "arrogante Schnösel aus dem Personalamt" wurde zur Liebe ihres Lebens. Mit Robert Brüning, gebürtig aus Osterbruch, war sie bis zu seinem Tod glücklich verheiratet - und sie bauten sich in Otterndorf ein schönes gemeinsames Leben auf. Ihre Tochter Susanne kam 1958 zur Welt. Hannelore Brüning hielt ihrem Mann gerne den Rücken frei, als dieser bei der Kreisverwaltung Karriere machte.
Ab 1973 nahm sie stundenweise einen Bürojob an der Landwirtschaftsschule in Otterndorf an. 1977 war sie dabei, als aus einer Schnapsidee das erste Altstadtfest aus der Taufe gehoben wurde und war im Komitee aktiv. 1985 entschied sie sich, in der Kommunalpolitik mitzumischen, kandidierte für die CDU und landete sofort einen Achtungserfolg. Gern erinnert sie sich an die "wunderbaren, interessanten und erfolgreichen Jahre in der CDU-FDP-Gruppe mit Hermann Gerken als Bürgermeister" - auch wenn es oft mit der SPD zum Clinch kam. Zeitweise war sie stellvertretende Bürgermeisterin und im Aufsichtsrat der Hadler Bau. Nach der aktiven kommunalpolitischen Zeit baute sie mit großem Engagement ehrenamtlich die Puppenstube mit auf.
Otterndorfs Bürgermeister Claus Johannßen lobte: "Es ist jedes Mal eine Freude, Sie in junger Frische zu erleben." Für die Samtgemeinde überreichte Samtgemeindebürgermeister Frank Thielebeule eine Urkunde. Landrat Thorsten Krüger überbrachte auch Glückwünsche von Ministerpräsident Olaf Lies und zeigte sich beeindruckt von ihrem Lebenslauf: "Wenn ich mit 100 Jahren so aussehe, dann feiere ich auch." Bundestagsabgeordneter Christoph Frauenpreiß betonte: "Das Land hat Ihrer Generation viel zu verdanken." Seiner "mütterlichen Freundin" bescheinigte der politische Weggefährte Hans-Volker Feldmann zahlreiche Attribute wie ansteckender Humor, logisches Denken, Genussfähigkeit, Fleiß oder Verlässlichkeit. Für die Familie ergriff Carsten Jeratsch aus Berlin das Wort und dankte seiner lebensbejahenden Verwandten, dass sie immer mit Rat und Klarheit da gewesen sei.