Von SS und Gestapo misshandelt: Das bewegte Leben eines Juden aus dem Kreis Cuxhaven
Die bewegende Geschichte des Cuxländers Julius Brumsack, der trotz Verfolgung und Vertreibung seinen Weg zurück nach Deutschland fand und sich unermüdlich gegen Antisemitismus einsetzte, berührt tief und bleibt unvergessen.
"Was wären wir heute für ein Land, wenn wir mit unseren jüdischen Mitmenschen nicht so umgegangen wären?" Mit dieser Frage eröffnete Friedhelm Ottens, Erster Kreisrat des Landkreises Cuxhaven, die Lesung von Elfriede Brumsack in der Stadtscheune in Otterndorf.
Es sei "herzzerreißend und unerträglich, wenn man an die jüdischen Menschen denkt", so sein persönlicher Gedanke. Vorbereitet wurde der Abend in der Otterndorfer Stadtscheune im Rahmen des Themenjahres "Demokratie und Erinnerungskultur" 2026 des Landkreises Cuxhaven von Julia Kuhnt, die für das Archiv und Kranichhaus tätig ist. Mit Erfolg: Der Abend war gut besucht und ging allen wahrlich unter die Haut.
Ein Rückblick: Elfriede Brumsack hat nach jahrelanger Recherche das Schicksal ihres Schwiegervaters aufgearbeitet - die Lebensgeschichte von Julius Brumsack. 1915 geboren, wuchs er zunächst unbeschwert auf. Gemeinsam mit seinem Cousin begann er eine Lehre in einer Textil-Manufaktur in Sehnde. Doch 1936 wurde sein Leben erschüttert: Polizisten stürmten das Geschäft, warfen ihm Spionage für Russland vor, beschlagnahmten seine Leica-Kamera, Briefe und Fotos. Ein SS-Mann und zwei Gestapo-Beamte misshandelten ihn. Wochen später erhielt er seine Kamera zurück - verbunden mit einem Tritt, der ihn eine Treppe hinunterstürzen ließ.

Doch das war nur der Anfang. Zwei Jahre später brannten Synagogen, Geschäfte wurden geplündert, "Juden raus" hallte durch die Straßen. In der Nacht des 9. November 1938 zerbrach jede Hoffnung. Julius Brumsack entschloss sich zur Flucht. Über London gelangte er nach Glasgow. 1940 wurde er britischer Soldat in einer Brigade jüdischer Flüchtlinge. Er kämpfte in Nordfrankreich, schlief unter freiem Himmel, litt unter Angst und Heimweh. Am 8. Mai 1945 erlebte er in Brüssel die Kapitulation Deutschlands und kam später als Besatzungssoldat nach Bielefeld.
Dramatische Rückkehr
Kurz darauf kehrte er nach Beverstedt zurück - mit dem Wunsch, sein Zuhause wiederzufinden. Stattdessen begegnete ihm Fremdheit. Die neue Bewohnerin seines Elternhauses sagte: "Ich dachte, Sie wären längst tot." Das Inventar der Familie war versteigert worden: 385 Gegenstände, verteilt auf über 100 Käufer. 1948 zog er mit seiner Frau Emmi endgültig nach Beverstedt zurück. Doch viele im Ort wollten sich nicht erinnern. Julius Brumsack kämpfte zwei Jahrzehnte um Wiedergutmachung. 1951 erhielt er sein Elternhaus zurück, gründete eine Familie und baute ein erfolgreiches Textilgeschäft auf. Doch der Schmerz blieb. Wirklich angekommen sei er nie, berichtete seine Schwiegertochter.
Bis ins hohe Alter engagierte er sich gegen Antisemitismus. 2009 zog er in ein Stift bei Oldenburg. Er war bereits etwas verwirrt, als er sagte, die Gestapo sei gekommen. Sein Sohn Hans versuchte, ihn zu beruhigen: "Das ist alles vorbei." Seine Antwort: "Nichts ist vorbei." Am Ende herrschte Stille in der Stadtscheune. Betroffenheit war bei einigen Fragen aus dem Kreis der Zuhörer spürbar - und die Erkenntnis, dass hinter der Geschichte von Julius Brumsack nur eines von unzähligen Schicksalen steht.
Von Heidi Giesecke