Zwei Jahre Ausstellung im Torhaus Otterndorf: "Heimat, Flucht, Vertreibung, Ankommen"
Im Torhaus Otterndorf (Kreis Cuxhaven) eröffnet eine berührende Ausstellung über die "Ostpreußischen Wolfskinder". Sie erzählt von Flucht und Überleben nach dem Zweiten Weltkrieg und beleuchtet individuelle Schicksale im historischen Kontext.
Mit einer berührenden Feierstunde ist die Ausstellung "Heimat - Flucht - Vertreibung - Ankommen" im Torhaus Otterndorf eröffnet worden. Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Kooperation des Landkreises Cuxhaven und der Labiau-Stiftung.
Die Ausstellung wird zwei Jahre im Obergeschoss des Torhauses zu sehen sein und spannt einen weiten Bogen über die vergangenen 80 Jahre. Im Mittelpunkt stehen hierbei die "Ostpreußischen Wolfskinder", deren Geschichten oft im Schatten historischer Ereignisse standen.
"Heimat - Flucht - Vertreibung - Ankommen" erzählt den langen Weg von Menschen aus Ostpreußen und deren Nachfahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein besonderes Augenmerk gilt den sogenannten Wolfskindern, ostpreußischen Kindern, die nach 1945 oft allein ums Überleben kämpften.
Dr. Christopher Spatz, promovierter Ostpreußen-Experte, begleitet die Ausstellung als Festredner und Experte mit dem Vortrag "Ostpreußische Wolfskinder". Die Schau verbindet Objekte, Dokumente, persönliche Schicksale und historische Analysen. Fotografien, Briefe und Erinnerungsstücke ermöglichen einen individuellen Blick, ohne kollektive Erfahrungen zu vernachlässigen.
Für den Landkreis ist der Fachbereich Kultur federführend, zu Beginn der Planung unter der Leitung von Katja Bruns-Cordes. Für die Labiau-Stiftung kümmerte sich Brigitte Stramm als maßgebliche Umsetzerin um alles Wichtige.
Gleichermaßen informativ wie berührend
Nach den Grußworten von Sabine van Gemmeren als Vertreterin des Landrats und Otterndorfs Bürgermeister Claus Johannßen begann Christopher Spatz mit seiner gleichermaßen informativen wie berührenden Einführung ins Thema. Historischer Kontext: Wolfskinder, oft getrennt von ihren Familien, flohen nach dem Zweiten Weltkrieg ins benachbarte Litauen. In den Jahren nach Kriegsende spitzte sich die Situation insbesondere für verwaiste Kinder dramatisch zu. In der großen Hungersnot waren diese Mädchen und Jungen sich selbst überlassen.
Litauen wurde demnach für viele von ihnen zum Lichtblick. Dort konnten sie sich Essen erbetteln oder sich als Hilfskräfte bei Landwirten verdingen. "Das funktionierte im Alleingang am besten. Kinder, die einzeln kamen, hatten eine größere Chance, Essen oder Arbeit zu bekommen", erklärte der Historiker und Autor. Daher wurden diese Kinder zwangsläufig zu Einzelkämpfern.
Dieser Aspekt und dass sie durch die Gegend zogen, hatte ihnen den Namen "Wolfskinder" verschafft. "Dieser Name ist jedoch bei den Überlebenden umstritten. Sie seien keine Tiere, sie hätten Eltern gehabt - auch wenn diese verstorben seien - und wenn schon ein graues Tier, dann seien sie eher Mäuse gewesen. Sie waren Kinder - hilfsbedürftige Kinder."
Gespräche mit zahlreichen Überlebenden
Dr. Spatz hat mit zahlreichen Überlebenden gesprochen. Was ihm dabei erzählt wurde, ließ auch die Zuhörer im Torhaus nicht unberührt. Kinder, die zwischen 1945 und 1948 im östlichsten Teil des ehemals deutschen Reichs, vor allem in Ostpreußen allein und heimatlos zurückgeblieben um ihr Überleben kämpften. Die Ausstellung beleuchtet Lebensrealitäten dieser Kinder und die Flüchtlings- und Vertriebenenpolitik in Ostpreußen und Litauen, verknüpft individuelle Schicksale mit historischen Strukturen.
Die Ausstellung soll als Lernort dienen, um Geschichte, Verantwortung und Demokratie lebendig zu vermitteln und regionale Partnerschaften weiter zu stärken. Bürgermeister Johannßen betont die Bedeutung der Ausstellung für die schulische Bildung: "Schulklassen sollten die Ausstellung besuchen und Empathie sowie historische Verantwortung lernen." Historiker Spatz versprach, dieses Vorhaben durch seine fachliche Expertise zu unterstützen.
Die Öffnungszeiten
- Das Torhaus ist mittwochs und sonntags, 14.30 bis 17 Uhr, geöffnet.
- Für Gruppen sind Termine nach Absprache möglich.
- Interessierte melden sich unter Telefon (01 52) 29 21 27 63.
Von Myriam Domke-Feiner