Radikale Töchter im Interview: "Eine starke Demokratie muss Kritik aushalten können"
In Nordholz zeigte die Organisation "Radikale Töchter", wie junge Menschen politisch aktiv werden. Im Interview sprechen sie darüber, wie Mut wächst, warum die Demokratie Menschen braucht, die sich einbringen, und über den Entzug ihrer Fördergelder.
Seit 2019 bietet die Organisation "Radikale Töchter" Workshops an, in denen Jugendliche und junge Erwachsene durch die Methoden der Aktionskunst ins politische Handeln kommen. Ziel der Organisation ist es, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu stärken und langfristig demokratisches Engagement zu fördern.
"Die Welt braucht neue radikale Ideen und Maßnahmen, wenn sie ihre Herausforderungen und Probleme lösen will. Vor allem aber braucht sie eins: mehr Mut!", heißt es auf der Website der Wurster Nordseeküste, wo die Radikalen Töchter in Nordholz ihren "Mutmuskel-Workshop" angeboten haben. Im Interview mit Bengta Brettschneider haben sie darüber gesprochen, was für sie "radikal" bedeutet, welche politischen Themen junge Menschen bewegen und auch über den Entzug ihrer Fördergelder durch das Innenministerium. Im Vorfeld wurde sich mit "Radikale Töchter" darauf verständigt, im Gespräch das "Du" zu verwenden.

Der Name "Radikale Töchter" klingt erst einmal ziemlich provokant. Was bedeutet "radikal" für euch eigentlich?
Unser Name ist Programm, wird aber auch oft missverstanden. Radikal heißt für uns nicht extrem und nicht zerstörerisch. Radikal kommt von radix: der Wurzel. Es bedeutet für uns also, ein Problem an der Wurzel zu packen. Regeln nicht als gegeben, sondern als menschengemacht anzuerkennen und sie auf ihren Beitrag zur Gleichwürdigkeit aller Menschen und einer lebenswerten Zukunft zu prüfen.
Ihr sprecht davon, den "Mutmuskel" zu trainieren. Wie muss man sich das konkret vorstellen? Wo sitzt der Mutmuskel?
Der zentrale Gedanke von "Radikale Töchter" ist: Mut steckt in uns allen. Doch ihn zu leben, fühlt sich nicht immer gleich leicht an. Deshalb geht es uns nicht darum, über Nacht zum mutigsten Menschen der Welt zu werden, sondern darum, Mut Schritt für Schritt zu trainieren. Jede kleine, mutige Entscheidung im Alltag ist ein Moment des Wachstums und stärkt uns für die nächste Herausforderung.
In unseren Workshops ermutigen wir Menschen, ihren eigenen Mut zu entdecken und im Alltag fest zu leben. Mit Mitteln der Aktionskunst zeigen wir, wie Mut kreativ, politisch und persönlich zugleich sein kann. Dabei geht es nicht immer um die große Bühne. Auch ein kleiner digitaler Beitrag kann ein starkes Zeichen setzen und das Gefühl eigener Wirksamkeit entfalten.

Viele junge Menschen sagen, Politik interessiere sie nicht. Was erlebt ihr in euren Workshops?
Wir sehen in unseren Workshops ganz klar, dass junge Menschen sich für Politik interessieren - nur anders, als man es oft erwartet. Statt vorgegebene Themen wie im Politikunterricht zu behandeln, fragen wir deshalb zuerst: Was macht dich gerade wütend? Diese Frage öffnet Räume für ehrliche, persönliche Themen, die oft viel politischer sind, als sie auf den ersten Blick wirken.
In einem Workshop im März etwa ging es um den gestiegenen Dönerpreis. Klingt zunächst erst einmal witzig, trifft aber ins Zentrum aktueller politischer Fragen wie: Wie teuer ist unser Essen geworden? Wer kann sich was leisten? Über solche Alltagsbeispiele kommen junge Menschen ins Gespräch über soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und unser demokratisches Miteinander. Genauso wird Politik greifbar und Mut zum Mitgestalten entsteht.
Warum setzt ihr auf kreative Methoden statt auf klassische Vorträge oder Seminare?
Die Wurzeln von "Radikale Töchter" liegen in der Aktionskunst. Sie ist für uns ein unkonventionelles, aber wirkungsvolles Werkzeug, um Menschen ihre eigene Gestaltungskraft spüren zu lassen. Klassische politische Bildung bleibt oft abstrakt. Kunst hingegen macht Haltung sichtbar und aktiviert Emotionen.
In unseren Workshops zeigen wir anhand konkreter Beispiele, wie Aktionskünstler*innen gesellschaftliche Themen ins Licht der Öffentlichkeit rücken. So wird erfahrbar, wie kreativ-politisches Handeln aussehen kann und dass jeder die Möglichkeit hat, Veränderung selbst in Bewegung zu setzen.

Welche Themen bringen Jugendliche aktuell besonders häufig in eure Workshops ein?
Die Themen, die junge Menschen in unsere Workshops einbringen, sind so vielfältig wie drängend. Vieles davon spiegelt aber die Krisen wider, die uns alle beschäftigen: der Rechtsruck, die Klimakrise, Erfahrungen mit Rassismus und Sexismus, aber auch die Auswirkungen aktueller Kriege.
Warum ist es gerade jetzt wichtig, junge Menschen zu politischer Teilhabe zu motivieren? Der Satz "Junge Menschen sind unsere Zukunft" klingt oft abgedroschen und ist doch einfach die Wahrheit. Eine lebendige Demokratie braucht Menschen, die sich einbringen und Verantwortung übernehmen. Deshalb wollen wir jungen Menschen zeigen, dass ihr Engagement zählt und ihr politisches Handeln tatsächlich etwas bewegen kann.
Gleichzeitig sehen wir mit Sorge, dass rechtsextreme Kräfte zunehmend junge Menschen ansprechen. Auch weil es vielerorts an sichtbaren, demokratischen Alternativen fehlt. Genau hier setzen wir an: Wir wollen Räume schaffen, in denen junge Menschen Mut fassen, Haltung zeigen und erleben, wie wichtig ihre Stimme für die Zukunft unserer Demokratie ist.

Manche haben Hemmungen, sich politisch zu äußern - etwa wegen Gegenwind in sozialen Medien. Wie geht ihr damit um?
Natürlich spüren auch wir den Gegenwind, aber für uns ist das kein Grund, leiser zu werden. Im Gegenteil: Er erinnert uns daran, warum unsere Arbeit so wichtig ist. In Zeiten, die von Krisen und Polarisierung geprägt sind, darf es keine schweigende Mehrheit mehr geben. Die extremen Stimmen werden immer laut sein. Umso wichtiger ist es, dass wir dagegenhalten und zeigen, dass Demokratie Haltung braucht. Wir wollen andere ermutigen, mitzumachen und selbst laut zu werden für eine offene, solidarische Gesellschaft.
Das Innenministerium (BMI) hat eurem Demokratieprojekt kurzfristig Fördergelder entzogen, ohne Gründe zu nennen. Gleichzeitig standet ihr zuletzt verstärkt im politischen Fokus. Die Gründerin von Radikale Töchter, Cesy Leonard, hatte nach Friedrich Merz Stadtbild-Debatte eine Petition mit über 250.000 Unterschriften gestartet und dem Bundeskanzler Rassismus vorgeworfen. Anschließend demonstrierten Tausende vor der CDU-Parteizentrale für einen umfassenden Schutz vor Gewalt gegen Frauen. Wie ordnet ihr die Entscheidung des BMI ein?
Es gibt keinen sachlichen Zusammenhang zwischen der Petition und dem Projekt der Organisation. Durch die Absage im laufenden Projekt bleibt die Organisation auf 120.000 Euro sitzen, die von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) und dem BMI bereits Anfang 2025 vorläufig bewilligt wurden. Für uns wirkt die Entscheidung deshalb politisch motiviert. Wir erleben gerade ein mutwilliges Demontieren von demokratischem Engagement durch die Bundesregierung. Unser Fall wird kein Einzelfall bleiben, wenn wir uns jetzt nicht klar dagegen wehren. Eine starke Demokratie muss Kritik aushalten können, ohne sie abzustrafen. Deshalb gehen wir nun juristisch gegen den Ablehnungsbescheid vor.