Kriminaltechniker sichern Spuren vor der Mutter-Kind-Einrichtung in der Dankersstraße in Stade. Foto: Vasel
Kriminaltechniker sichern Spuren vor der Mutter-Kind-Einrichtung in der Dankersstraße in Stade. Foto: Vasel
Sorgerecht als mögliches Motiv

Tödliche Schüsse in Stade: Neue Details zu den Hintergründen der Gewalttat

30.06.2026

Nach dem tödlichen Angriff in einer Stader Jugendhilfeeinrichtung sitzt der mutmaßliche Schütze in Gewahrsam. Immer mehr Details zu den Hintergründen der Tat werden bekannt: Im Mittelpunkt steht ein Sorgerechtsstreit um ein Baby.

Der mutmaßliche Todesschütze (45) ist in Gewahrsam. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Stade soll ein Ermittlungsrichter noch im Laufe des Dienstags beim Amtsgericht Stade einen Haftbefehl erlassen. Ihm wird vorgeworfen, am Montag sechs Menschen in Stade getötet zu haben.

Was ist bislang bekannt?

Bei den Opfern handelt es sich laut Polizeisprecherin Isabel Rehmer "um zwei Frauen und einen Mann aus dem Raum Hannover, die sich als Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover in der Stader Jugendhilfeeinrichtung aufgehalten hatten".

Spurensicherung am abgesperrten Tatort in der Dankersstraße. Foto: Vasel

Außerdem wurden zwei Frauen und ein Mann getötet, die Mitarbeitende der privaten Jugendhilfeeinrichtung in der Dankersstraße waren.

Das Baby kam zunächst allein nach Stade

Der in Deutschland geborene Mann aus Hannover hat die Einrichtung mit einem Termin betreten - und mit einer Schusswaffe, für die er keinen Waffenschein besaß. Es ging darum, das Sorgerecht für die drei Monate alte Tochter des nicht verheirateten Paares zu regeln.

Das Kind und dessen Mutter waren zum Tatzeitpunkt nicht im Raum. Nach Tageblatt-Informationen ist das Baby bereits Mitte Mai im Alter von nur zwei Monaten durch eine Inobhutnahme aus Hannover nach Stade gelangt - zunächst allein, ohne die 34-jährige Mutter.

Die Eltern kämpften um das Sorgerecht

Vorausgegangen war eine Auseinandersetzung, bei der die Eltern um das Sorgerecht für ihre Tochter kämpften. Nach Tageblatt-Informationen gab es eine juristische Auseinandersetzung mit der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Jugendamt in Hannover. Streitpunkt war eine Hirnblutung des Babys, bei der im Raum stand, ob ein Elternteil ein Schütteltrauma verursacht hatte.

Kriminaltechniker bei der Arbeit. Foto: Vasel

Später wurden Mutter und Kind gemeinsam in der Einrichtung in Stade untergebracht. Die deutschstämmige 65-jährige Patentante des Kindes begleitete den Vater zu dem Termin in Stade. Er war zuvor nicht als gewalttätig aufgefallen, polizeibekannt war er laut Polizeidirektion Lüneburg nur im Zusammenhang mit Drogen geworden.

Mordkommision wird eingerichtet

Dem Hannoveraner droht jetzt eine Anklage wegen Mordes. Derzeit bereitet die Polizei die Einrichtung einer Mordkommission (MoKo) vor. Polizei und Staatsanwaltschaft betonen weiterhin, dass die Tat keinen politischen oder wirtschaftlichen Hintergrund hat, sondern ganz klar einen familiären. Es gebe bei dem Delikt keinerlei Stader Vorgeschichte.

Die 65-jährige Patentante des Kindes steuerte das Fluchtfahrzeug und wurde nach der Tat zu Ermittlungszwecken in polizeilichen Gewahrsam genommen. Die 34-jährige Mutter sei nicht festgenommen worden, befinde sich aber laut Polizeisprecher Matthias Bekermann "in einer polizeilichen Maßnahme". Das Baby ist laut Polizeidirektion Lüneburg in Obhut des Jugendamtes.

Mutmaßlicher Schütze soll Polizisten bedroht haben

Während der Flucht in einem Mercedes AMG soll der Kindesvater die ihn verfolgenden Beamten mit seiner Waffe bedroht haben, heißt es aus Polizeikreisen. Das Auto fuhr mit einem Rad auf der Felge weiter, weil die Polizei in die Reifen geschossen hatte. Zum Schutz der Bevölkerung sei das Fahrzeug letztlich erst an der B73 bei Haddorf zum Stehen gebracht worden.

TV-Team in der Dankersstraße in Stade. Foto: Vasel

Jörg Wesemann, Vize-Polizeipräsident der Polizeidirektion Lüneburg, lobt die Stader Polizei dafür, wie "schnell, besonnen und umsichtig" sie handelte. Die Polizei hatte die Dankersstraße vor der Jugendhilfeeinrichtung weiterhin den ganzen Dienstag über für die Spurensicherung gesperrt. Stader legten als Zeichen ihrer Trauer und Anteilnahme Blumen und Kerzen nieder.

Innenministerin dankt Einsatzkräften

Auch Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens dankte den Einsatzkräften bei ihrem Besuch im Kreishaus in Stade vor vielen Vertretern nationaler und internationaler Medien: "Meine Gedanken sind bei den Opfern, bei ihren Familien und Freunden und bei all denen, die diese brutale Tat miterleben mussten. Ich wünsche allen, die den heutigen Einsatz bewältigen mussten, ganz viel Kraft dabei, das Erlebte zu verarbeiten und zu bewältigen. Diese schreckliche Tat wird Stade lange beschäftigen und sie wird Spuren hinterlassen.

Nicht nur bei denen, die direkt betroffen sind oder einen geliebten Menschen verloren haben. Deshalb möchte ich mich bei allen bedanken, die heute und in den nächsten Tagen dafür arbeiten, dass das Leben irgendwie weitergehen kann, der unglaublichen Trauer und der Wut zum Trotz."

Landkreis und Hansestadt Stade kümmern sich um die Versorgung und Betreuung der Betroffenen, die noch am Abend in eine Ersatzunterkunft gebracht wurden. Der Standort wird zum Schutz der Kinder und Mütter geheim gehalten.

Von Anping Richter und Björn Vasel

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