Kommentar zum Gemeinderat Wingst: Möchtegern-Bürgermeister und misslungene Leitung
Die Sitzung des Wingster Gemeinderates lief aus dem Ruder, dauerte schlappe vier Stunden und bringt CNV-Redakteur Egbert Schröder ins Nachdenken über Lust und Frust in der Kommunalpolitik.
Bin ich froh, dass keine jungen Leute als Zuhörer am Donnerstagabend (20. August 2026) die Sitzung des Wingster Gemeinderates verfolgt haben. Wenn sie miterlebt hätten, wie Kommunalpolitik auf der unteren und doch - aus meiner Sicht - zugleich wichtigsten politischen Ebene teilweise in Peinlichkeit abgleiten kann, würden sie wohl einen großen Bogen um die Bewerbung für ein Ratsmandat machen.
Wahlkampf hin oder her: Ich weiß nicht, was insbesondere die SPD mit ihrem grantigen Möchtegern-Bürgermeister Michael Schlobohm geritten hat, die Auseinandersetzung über verschiedenste Themen mit einer solchen Schärfe und Bissigkeit zu führen. Immer wieder wurde hauptsächlich der amtierende Bürgermeister Patrick Pawlowski (CDU) verbal angegriffen. Man verlor sich auf der SPD-Seite in - für Außenstehende - nicht nachvollziehbare Details bei Themen wie der "Übungsleiterentschädigung" im Sportverein oder dem Gutachten zum Brückenabriss am Kanal. Durch ständige Wiederholungen von Vorwürfen wurden diese aber leider auch nicht transparenter.

Und Patrick Pawlowski? Ihm ist als Bürgermeister und damit Sitzungsleiter die Diskussionsführung völlig entglitten. Er wirkte an diesem Abend überfordert. Munter redeten die Ratsmitglieder drauflos, obwohl ihnen gar nicht das Wort erteilt worden war. Er erläuterte langatmig und wiederholt Details zu bestimmten Themen, verzichtete aber dagegen, genauso wie sein Verwaltungsvertreter Michael Johnen, dabei auf einleitende Informationen zu den Tagesordnungspunkten. Die Krönung: Dann erteilte er einem Ratsmitglied freigiebig nach dreieinhalb Stunden auch noch in der "Einwohnerfragestunde" munter das Wort und unterband auch nicht ein verbales Scharmützel zwischen einem Zuhörer und Michael Schlobohm.

Wie lange das Ganze ging? Kann ich - Hand aufs Herz - nicht sagen: Nach 3 Stunden und 47 Minuten habe ich die Sitzung verlassen (ich war übrigens nicht der Erste). Ist normalerweise wirklich nicht meine Art (ich kenne aus Hemmoor ähnlich langwierige Sitzungen, aber das Wingster Niveau war ein anderes). Hätte nur noch gefehlt, dass man sich am Ende noch über die Farbgebung von Gullydeckeln in der Hasenbeckallee oder ausschweifend über die misslungene Anlage eines Blumenbeetes in den dunklen Tiefen des Wingster Waldes unterhalten hätte.

Ein Tipp meinerseits an den neuen Rat: Vielleicht solltet ihr euch vor einer Ratssitzung rechtzeitig "interfraktionell" mal zusammensetzen, um strittige Themen zu besprechen und - wer weiß? - sogar im Idealfall so zu lösen! Dann bleibt den Zuhörern einer Sitzung viel erspart und Kommunalpolitik kann allen Seiten auch Spaß machen. Schaufensterreden und Wadenbeißerattacken à la Schlobohm sind überflüssig - gerade in politisch brisanten Zeiten wie diesen. Bürgerinnen und Bürger sind an der Lösung von Problemen in ihrer Gemeinde interessiert - und nicht am parteipolitisch motivierten und überflüssigen Disput.
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