Nach den tödlichen Schüssen in Stade: Der Preis der Sicherheit (Kommentar)
Sechs Fachkräfte wurden in Stade getötet. Nun wird über Schutz und Sicherheit diskutiert. Doch Soziale Arbeit braucht Nähe, Vertrauen und offene Türen. Ein Kommentar darüber, was mehr Sicherheit leisten kann - und welchen Preis sie haben könnte.
Am Montag, den 29. Juni, wurden in Stade sechs Fachkräfte getötet. Sie arbeiteten in einer Mutter-Kind-Einrichtung und für das Jugendamt. Ihr Arbeitsalltag bestand darin, Kinder und Familien zu begleiten, Krisen aufzufangen und Schutz zu organisieren.
Fast 20 Jahre habe ich in der stationären Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet. Ich kenne Einrichtungen als Arbeitsorte, an denen Krisen zum Alltag gehören. Orte, in denen Fachkräfte Verantwortung übernehmen, Gefährdungen einschätzen, Konflikte aushalten und Entscheidungen treffen müssen.
Teilweise wurde die Tat als "Familientragödie" bezeichnet. Doch dieser Begriff verschiebt den Blick. Sechs Fachkräfte sind tot. Sechs Menschen wurden an einem Ort getötet, an dem sie ihrer professionellen Aufgabe nachgingen.
Schnell richtete sich der öffentliche Blick auf die Herkunft des Täters, auf mögliche Motive und die Frage, wie der Hilfeplan eskalieren konnte. Weniger im Mittelpunkt steht eine andere Frage: Was bedeutet diese Tat für die Menschen, die jeden Tag in sozialen Einrichtungen arbeiten? Und was bedeutet sie für diejenigen, die dort leben oder auf diese Hilfe angewiesen sind? Für die Mütter und Kinder, die einen Ort verlassen mussten, der für sie nicht nur eine Einrichtung, sondern vorübergehend ihr Zuhause war. Für Familien, die beim Jugendamt Hilfe suchen. Und für Eltern, deren Kinder in Wohngruppen leben und die darauf vertrauen müssen, dass diese Orte sicher sind.

Ich weiß aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung, dass Sicherheit in sozialen Einrichtungen nicht allein durch Kameras, Security oder ein größeres Polizeiaufgebot hergestellt werden kann. Schutzkonzepte und klare Abläufe sind wichtig. Ebenso entscheidend ist es, Gefahren frühzeitig zu erkennen - besonders dort, wo Gewalt aus Kontrolle, Besitzdenken oder dem Gefühl entsteht, den eigenen Willen nicht durchsetzen zu können.
Gleichzeitig lebt Soziale Arbeit von Beziehung. Von Vertrauen und Nähe. Darin liegt ein Spannungsfeld: Wie offen kann eine Einrichtung sein, die Schutz bieten soll? Wie lässt sich gleichzeitig Sicherheit für die Menschen gewährleisten, die den Schutz bieten, aber auch für die, die auf ihn angewiesen sind?
Dafür braucht es die richtigen Rahmenbedingungen: ausreichend Personal, Zeit für Gespräche und sorgfältige Einschätzungen sowie Teams, die Warnsignale gemeinsam bewerten und sich gegenseitig unterstützen können.
Denn Sicherheit bedeutet auch, dass Menschen aufmerksam bleiben können, dass sie nicht dauerhaft am Limit arbeiten, dass Zeit da ist, genau hinzusehen, und dass dafür Geld investiert werden muss.
Wer über mehr Sicherheit in der Sozialen Arbeit spricht, muss deshalb auch über ihren Preis sprechen. Nicht nur darüber, was Schutzmaßnahmen kosten, sondern auch darüber, was es eine Gesellschaft kostet, wenn sie an den Menschen spart, die andere schützen sollen.
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