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Die Kutterhäfen an der Wurster Nordseeküste - hier Dorum-Neufeld - gehören zu den Besuchermagneten bei Tagesgästen und Urlaubern. Doch in den zurückliegenden Jahren haben sich immer mehr Berufsfischer ohne Nachfolger verabschiedet. Foto: Leuschner
Die Kutterhäfen an der Wurster Nordseeküste - hier Dorum-Neufeld - gehören zu den Besuchermagneten bei Tagesgästen und Urlaubern. Doch in den zurückliegenden Jahren haben sich immer mehr Berufsfischer ohne Nachfolger verabschiedet. Foto: Leuschner
Kutter der Zukunft

Christoph Frauenpreiß im Interview: Wie die Küstenfischerei den Wandel schafft

27.10.2026

Vor dem Deutschen Fischereitag spricht Verbandspräsident Christoph Frauenpreiß (CDU) über Strukturwandel, Fischereidialog und Ernährungssouveränität. Im Interview geht es auch um die Frage, ob die kleinen Tidenhäfen noch eine Perspektive haben.

Herr Frauenpreiß, am 27. Oktober eröffnen Sie als Präsident des Deutschen Fischerei-Verbandes den Deutschen Fischereitag in Wilhelmshaven. Ist das eine Rede, auf die Sie sich freuen, oder eine, die Ihnen angesichts der Lage der Branche schwerfällt?

Nein, ich freue mich sehr darauf, denn für mich ist es ein besonderer Tag. Es ist mein erster Fischereitag als Präsident des Verbandes, und dass ich ihn erstmals in dieser Funktion begrüßen darf, bedeutet mir viel. Mir ist bewusst, dass die Branche vor großen Herausforderungen steht, besonders die Küstenfischerei. Gleichzeitig haben wir auch viele positive Entwicklungen. Die Angler erfreuen sich in der Gesellschaft großer Beliebtheit, und unsere Hochseefischerei verfügt über eine sehr moderne Flotte, die in Europa, wenn nicht sogar weltweit, als Vorreiter gilt.

Sie leben in Cuxhaven, wo moderne Supertrawler der Hochseefischerei liegen. Wenn Sie die Wurster Küste entlangfahren, sehen Sie Häfen wie Dorum-Neufeld oder Wremen, wo kaum noch Kutter liegen. Blutet die Krabbenfischerei vor Ihrer eigenen Haustür nicht gerade unaufhaltsam aus?

Unaufhaltsam ist das nicht, aber wir haben einen Strukturwandel, den wir als Verband und als Politik aktiv begleiten müssen. Die Gelder für die Abwrackprämie sind inzwischen vom Bundestag freigegeben. Im Fischereidialog und in der Zukunftskommission Fischerei wurde festgelegt, dass die Flotte um 30 Prozent reduziert werden muss. Das liegt zum Teil an wegfallenden Fanggebieten durch Offshore-Anlagen, zum Teil an sich verändernden Beständen durch den Klimawandel. Diese Anpassung spürt man derzeit in den Häfen. Wir müssen aber aufpassen, dass sie nicht über die 30 Prozent hinausgeht.

Ein Problem für die Kutterfischer ist das drohende Verbot der Grundschleppnetzfischerei. Mit Kreuzen wie diesem haben Wurster Kutterfischer dagegen in den Wurster Sielhäfen protestiert. Foto: Heike Leuschner

Wie soll das passieren?

Wenn wir den Jungkapitänen eine Zukunft geben wollen, brauchen sie eine Perspektive, in neue Schiffe zu investieren. Kein Fischer investiert in einen Kutter, wenn er nicht weiß, ob der in fünf Jahren noch zukunftsfähig ist. Deshalb müssen wir aus der öffentlichen Hand Perspektiven aufzeigen. Der Kutter der Zukunft zeigt praktisch, wie so ein Schiff aussehen kann, und wir sammeln Erfahrungen, mit denen wir die Fischerei bei neuen Kuttern begleiten können.

Von welchem Geld sollen die Fischer das bezahlen?

Eine berechtigte Frage. Ein weiterer Punkt ist deshalb das EU-Beihilferecht. Den Neubau von Kuttern national finanziell zu unterstützen, ist bislang schwierig. Das muss im Zuge des neuen mehrjährigen EU-Finanzrahmens aufgebrochen werden. Deshalb war ich gerade im Europäischen Parlament in Straßburg, um das Thema zu platzieren. Die Transformation funktioniert nur mit Neubauten.

An der Wurster Küste, aber auch in Fedderwardersiel (Kreis Wesermarsch) ist die Zahl der Kutterfischer auch ohne Transformation bereits stark gesunken. Wie viele Kutter sollen noch aufgeben, bevor der Verband erkennt, wie dramatisch es um die traditionelle Küstenfischerei hier bestellt ist?

Die Entwicklung ist nicht wegzudiskutieren. Mein Vater war selbst im Hafen tätig und hat sich für die Fischer eingesetzt, deshalb liegt mir die Fischerei sehr am Herzen. Jeder Kutter, der aufhört, ist für mich ein trauriges Bild. Abwracken ist aber nicht die Zukunft. Es geht darum, den Fischern eine Perspektive zu geben, damit die nächste Generation unter den aktuellen Rahmenbedingungen wirtschaftlich arbeiten kann. Wer ständig Angst vor einem Verbot der Grundschleppnetzfischerei hat, investiert nicht in seinen Beruf. Die Fischer, die ich kenne, sind leidenschaftlich bei der Sache. Der Ausstieg betrifft vor allem diejenigen, die altersbedingt aufhören möchten. Dazu kommt, wie angesprochen, eine überalterte Flotte. Über Jahrzehnte konnten wir wegen europäischer Vorgaben nicht in die Flotte investieren, und das lag nicht an den Fischern. Deshalb müssen wir sie dabei unterstützen.

Unter der Überschrift "Nasses Land - Sielhäfen" fanden die Probleme und Sorgen der Wurster Kutterfischer in diesem Frühjahr auch auf der Bühne Ausdruck (hier: Hafen von Spieka-Neufeld). Die Theaterproduktion ist Teil der Projektreihe NASSES LAND. Trägerin ist der Landkreis Cuxhaven, die künstlerische Leitung hat das Theater "Das Letzte Kleinod". Foto: Leuschner

Aber die Fischer in den tidenabhängigen Sielhäfen sagen, der "Kutter der Zukunft" sei aufgrund seiner Größe gar keine Alternative für sie.

Das ist klar. Wir reden hier über einen 14-Meter-Kutter, und in unsere Sielhäfen passt der natürlich nicht. Darum geht es aber auch gar nicht. Mit dem Kutter der Zukunft sollen zuerst Erfahrungswerte gesammelt werden. Er ist nicht die Schablone für alle künftigen Kutter, sondern dient dazu, Techniken auszuprobieren. Mit diesen Erfahrungen bauen wir dann Kutter, die auf unsere Sielhäfen zugeschnitten sind.

Ursprünglich sollten rund 670 Millionen Euro aus den Offshore-Windpark-Einnahmen zweckgebunden in den Meeresnaturschutz und in die Förderung einer umweltschonenden Fischerei fließen. Davon ist nach den Haushaltskürzungen der Bundesregierung nur noch ein Bruchteil für die Fischerei übrig geblieben. Stattdessen wurden Hunderte Millionen in den allgemeinen Haushalt - unter anderem zur Finanzierung von Agrarsubventionen - umgeschichtet. Der Frust über diesen Wortbruch sitzt bei den Fischern immer noch tief. Wie gehen Sie als Verbandspräsident, der gleichzeitig Mitglied des Bundestages ist, damit um?

Die Verwendung der Gelder muss man als Präsident des Fischereiverbandes scharf kritisieren. Vertrauen zurückzugewinnen ist jetzt unsere Aufgabe, und ich möchte dabei aber nicht Landwirtschaft und Fischerei gegeneinander ausspielen. Entscheidend ist, wo die Schwerpunkte der Verteilung liegen.

Können Sie das näher erläutern?

Ein Beispiel: In eine Deutsche Umweltstiftung flossen große dreistellige Millionenbeträge. Bei der Fischerei hieß es dagegen oft, es fehlten Projekte. Wer der einen Seite Stiftungsgelder ohne Projektnachweis gewährt und der anderen Seite alles über Projekte abverlangt, misst mit zweierlei Maß. Dass Umweltprojekte verstärkt aufgestockt wurden, ging zulasten der Fischerei. Von den rund 670 Millionen Euro, die einmal im Raum standen, ist heute nicht mehr so viel da, wie die Fischerei braucht. Als Unionspolitiker sage ich: Deshalb sind jetzt Mittel für den Kutter der Zukunft, das Abwracken und die Treibstoffhilfe freigegeben worden. Der Fehler der Vergangenheit darf sich nicht wiederholen. Dass in den Jahren davor nicht vertrauensvoll mit den Geldern umgegangen wurde, da gebe ich Ihnen recht.

Umweltverbände fordern immer schärfere Verbote für Grundschleppnetze im Wattenmeer. Wo ist Ihre rote Linie, an der Sie sagen: Bis hierher und nicht weiter, sonst ist die Krabbenfischerei tot?

Ich bin dafür, nicht nur über Verbote zu reden, sondern auch über Erfolge, und die gibt es in der Fischerei. Für die Grundschleppnetzfischerei gibt es aber derzeit keine große Alternative. Deshalb bin ich dankbar für eine Studie des Thünen-Instituts. Sie zeigt, dass die Grundschleppnetzfischerei den Boden weniger beeinflusst als Ebbe und Flut. Natürlich ist das eine die Natur und das andere der Mensch, aber das muss man zur Kenntnis nehmen. Der Mensch hinterlässt immer einen Fußabdruck, der aber verträglich bleiben muss. Liegt unser Einfluss unter dem der Natur, ist das für uns eine rote Linie, solange es keine verlässlichen Alternativen gibt.

Wir arbeiten trotzdem an Netzen, die weniger Bodenberührung haben. Das liegt auch in unserem Interesse, denn je mehr Boden ein Netz berührt, desto höher die Treibstoffkosten. Wir setzen deshalb auf Anreize statt auf Verbote. Die Umweltverbände sollten anerkennen, dass wir uns um Alternativen bemühen, und die Studien berücksichtigen, die zeigen, dass die Grundschleppnetzfischerei nicht den großen Einfluss hat, den manche ihr zuschreiben.

Gerade wurde ein Fischereidialog zwischen Fischerei- und Umweltverbänden sowie dem Land Niedersachsen abgeschlossen. Darin ging es darum, wo künftig nicht mehr gefischt werden darf. Vor allem die Flächen vor der Wurster Küste sorgten für Unmut. Reicht der vorliegende Plan aus, um EU-Vorgaben und die Kritik des Naturschutzes zu erfüllen?

Der Fischereidialog zeigt, wie Politik, Verbände und Kommunen gemeinsam funktionieren können, weil alle Beteiligten eingebunden waren. Das schafft Akzeptanz, und deshalb freuen wir uns, dass Niedersachsen diesen Weg gegangen ist. Eine frühere Einbindung hätten wir uns in manchen Bereichen zwar gewünscht, in der Summe steht aber ein Ergebnis, das Umweltverbände, aktive Fischerei und Bürgermeister mittragen. Fischerei ist für uns mehr als Fischfang. Sie prägt die Region, touristisch wie für die Einheimischen. Der zuletzt vorgelegte Vorschlag ist ein Kompromiss.

Worin besteht der Kompromiss?

Beim Duhner Watt nehmen wir Flächen auf und gehen ein Stück weiter Richtung Cuxhaven. Dafür geben wir Bereiche frei, in denen die Nordseefischer derzeit fischen. Damit erfüllen wir auch die Vorgaben der EU-Biodiversitätsstrategie. Irgendwann müssen wir uns aber entscheiden, wie wichtig uns Ernährungssouveränität ist und ob wir selbst Fischfang betreiben wollen. Deshalb reicht es nicht, immer nur Flächen stillzulegen. Wir müssen darauf achten, dass aktive Fischerei weiter möglich bleibt.

Interview: Fischereiverband-Präsident über Kutter der Zukunft und Fangflächen

Christoph Frauenpreiß (41) ist Präsident des Fischerei-Verbandes. Foto: CF

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