Ausbilder vs Lehrling: Küchenschlacht in Wingst
WINGST. Man nehme zwei Köche aus verschiedenen Generationen. Ihr Wissen ist der Fond, ihre Kreativität die Würze.
Zwei Lehrlinge sowie je eine Prise Show und Inszenierung runden das Ganze ab. Bei diesem Kitchen-Battle werden keine Messer gewetzt, sondern Kochkünste zelebriert - und Gäste genießen bei Claus Peter ein Sechs-Gänge-Menü.
Wer wird diese Küchenschlacht gewinnen? Silberfuchs oder Paradiesvogel - der Ausbilder oder sein früherer Lehrling? Die Waffen dieses Duells sind Kreativität, Können und Kniffe. Gegeneinander an treten der Wingster Hotel- und Küchenchef Claus Peter (52) und Glenn Wilhelm (28), dessen in der Wingst gestartete Kochkarriere sich aufstrebend gestaltet. Mittlerweile arbeitet der Punk mit Piercings und Irokesenkamm in Eisvogelfarben als Küchenleiter im Bistro der "Bullerei" in Hamburg. Sein Chef ist Tim Mälzer, Promi-Koch und Fernsehnase mit kesser Lippe.
Längst sind Show und Kulinarik eine geschmeidige Legierung eingegangen. In der Wingst beherrscht Claus Peter die Kunst solcher Selbstdarstellung perfekt - und liefert seinen Gästen ganz gerne mal wohl choreografierte Inszenierungen mit sich selbst in der Hauptrolle. Er versichert, ihm gehe es vor allem darum, auf solche Weise seine Lehrlinge in Szene zu setzen. Ihnen will er in dieser ländlichen Region eine gute, solide, handwerkliche Ausbildung mitgeben. Ein nachhaltiges Fundament, mithilfe dessen ihnen die weite Welt offensteht. "Ich möchte die jungen Leute motivieren." Claus Peter hat es selbst so gemacht - ging in die Welt und kehrte in die Wingst zurück. Sein "Team Wise" wird von Maximilian Meyer, Auszubildender zur Fachkraft im Gastgewerbe, unterstützt. Glenn Wilhelms Assistent im "Team Wild" ist Kochlehrling Christian Röndigs. An zwei Abenden sind alle Kräfte eingespannt und sämtliche Teller in Gebrauch, um den jeweils 70 Restaurantgästen ein paar unterhaltsame Stunden mit Gaumengenüssen zu bieten. Eine Nacht der langen Messer wird es nicht. Die Küchenchefs schätzen und verstehen sich schließlich. Sie pflegen kollegial freundlichen Umgang. Schon zwei Tage vorher haben sich alle gemeinschaftlich an die Vorbereitungen gemacht. Aber sie schenken sich auch nichts.
"Wir wissen voneinander, was wir draufhaben", sagt Glenn Wilhelm. Er hat so richtig Lust auf diese Challenge mit seinem früheren Chef. "Das ist doch toll, den Teamkollegen hier was Neues, was Modernes zeigen zu können und frischen Wind reinzubringen", grinst er. "Wir kochen doch alle nur mit Wasser, das ist keine Magie und kein Hexenwerk." Sein Chef Tim Mälzer habe gleich zugestimmt, dass er seine jungen Kollegen in der Wingst unterstützt. Der junge Koch stammt aus Forst/Lausitz in Brandenburg. Als er 16 war, zog er mit seiner Familie nach Hemmoor und begann nach einem Praktikum bei Claus Peter die Kochlehre. Bis 2015 arbeitete er in der Wingst als Geselle. Dann lockte Tim Mälzers "Bullerei" in Hamburg. "Mal sehen, was noch alles kommt", sagt er selbstbewusst.
Serviert werden bei diesem "Kitchen Battle" jeweils zwei Vorspeisen, zwei Hauptspeisen und zwei Desserts - also sechs Gänge für die es jeweils Produktvorgaben gibt: Wels aus Oberndorf und Leindotteröl für die Vorspeise, Limousin-Rind und Kartoffeln für den Hauptgang und Milchprodukte der Molkerei Hasenfleet und Birne für den Nachtisch. Der Rest darf aus dem Reich der Fantasie und Kreativität frei unter dem Titelthema "Speisekammer Osteland und die ganze Welt" zusammengestellt werden. Vor dem Gast liegt eine Stimmkarte. Jeden Gang soll er geschmacklich bewerten von eins (schmeckte nicht) bis zehn Punkte (lecker, schmeckte hervorragend). Wer welches Gericht kreiert hat, wird allerdings erst nach der Punktabgabe für den jeweiligen Gang bekannt gegeben.
An den Tischen wird munter gerätselt und geschlemmt. Der Geräuschpegel hebt sich mit zunehmender Stimmung und die korrespondierenden Getränke vom Weingut Prinz Salm werden eifrig ein- und nachgeschenkt.
Nimmt man als Gradmesser das abzuräumende Geschirr, mundet den Gästen offensichtlich jedes servierte Gericht. Beim Blick auf die meist leeren Teller wird klar: Schecklich ist hier ganz und gar nichts. Eher das Gegenteil: Die Gäste verputzen brav die ihnen vorgesetzten Köstlichkeiten.
Selbst der Nörgler am Tisch gegenüber, der sich seiner Begleitung als versierter Gourmetkritiker präsentieren möchte, kaut genüsslich das zuvor scharf kritisierte Roastbeef. Blitzeblank ist sein Teller. Tatsächlich kitzeln sämtliche Gerichte aus frischen Zutaten die Geschmacksknospen auf andere Weise. "Eigentlich ist doch alles lecker", bringt es eine Wingsterin auf den Punkt, die sich hier einen schönen kulinarischen Abend mit ihrem Mann gönnt. Allerdings fallen doch Unterschiede auf. Exzellent - und da scheinen sich an diesem Abend alle einig zu sein, ist der nach Glenn Wilhelms Rezept zubereitete Rinderrücken, während Claus Peter bei der Nachtisch-Kreation eindeutig die Nase vorn hat. Und an beiden Abenden schafft es der Altmeister, den Duell-Sieg davonzutragen.
Aber wer gewonnen hat, ist eigentlich total egal. Am Ende des kulinarischen Abends steht um Mitternacht fest: Sieger sind alle - vor allem aber die Gäste. Satt, gut gelaunt und müde.
Sechs Gänge:
Menü Claus Peter: "Küchengott R. Katzenberger" (Rauchwelspastete) legt sich genussvoll auf ein Salatbett mit Leindotteröl und Soda-Gurken.
Roastbeef, im Stück gebraten, aus dem Niedertemperaturofen mit aufgeschäumter Meerrettich-Bearnaise, Schmorgemüse und Fondant-Kartoffeln.
Quark-Gratin mit Birnen, dazu Birnensirup-Eis mit Haiti-Vanille.
Menü Glenn Wilhelm: Welsfilet aus Walnussrauch an Weiße-Bohnen-Creme mit Quittenkompott, Bohnensprossensalat mit Leindotter-Vinaigrette.
Limousin-Rinderrücken "sous vide" auf Rote-Beete-Pürree mit Gurkenrelish, Rotweinsauce, frisch geriebenem Meerrettich und Macaire-Kartoffel-Gnocci.
Quark-Honig-Eis auf Hokkaido-Kürbis mit Birnensalat, Birnen-Gel und Pumpernickel-Walnuss-Crossies.
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