Archäologen

Bedeutsamer Siedlungsplatz an Altenwalder Seeburg entdeckt

01.04.2017

ALTENWALDE. Den Archäologen vermag das Lächeln nicht von den Lippen zu weichen, als sie über den streifenförmig aufgegrabenen Maisacker an der Seeburg in Altenwalde marschieren. Von Maren Reese-Winne

Irgendwo musste sie ja sein, die Siedlung, die haargenau zu den bisherigen Funden im Altenwalder Ortskern passt. Hier haben sie sie offenbar gefunden.

Ein Grubenhaus nach dem anderen, ein Brunnen, Herdstellen, Keramik, Glas und Metallfunde aus weit auseinanderliegenden Zeitspannen kamen bei der vierwöchigen Grabung zutage. Etwa 550 Quadratmeter Boden sind geöffnet und fachmännisch erkundet worden.

Moderne technische Verfahren ermöglichen es, dabei zielgerichtet und hocheffizient vorzugehen: Mit der sogenannten geomagnetischen Projektion wird eine Art Schwarz-Weiß-Bild des Bodens erstellt. Überall, wo es „unruhig“ aussieht, wo sich Wege, kreisrunde Formen oder Vertiefungen abzeichnen, wird es interessant.

Ganz gezielt vorgegangen

Das hat an der Seeburg bestens funktioniert. Dass sich hier Interessantes finden könnte, hatte Stadtarchäologe Andreas Wendowski-Schünemann schon vorher mit bloßen Augen erkennen können: Durch das Pflügen sind schon immer mal Scherben an die Oberfläche gekommen.

Dank eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Forschungsprojekts des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung (NIHK) in Wilhelmshaven war es nun möglich, genauer hinzuschauen und Grabungsleiter Karl Johann Offermann konnte den Studenten aus ganz Norddeutschland, die hier mithalfen, richtig etwas bieten: Ein Zeugnis nach dem anderen aus vergangenen Jahrhunderten kam zutage. Nach der groben Öffnung des Bodens ging es an die Feinarbeit. Die Umrisse von Häusern – wahrscheinlich leicht in die Erde versenkte Nurdachhäuser – kamen ans Licht.

Hier war nun besondere Vorsicht geboten, denn jedes Stück Keramik kann Aufschluss darüber geben, wann und wie die früheren Bewohner gelebt und womit sie gehandelt haben.

Neben den dicken Keramikscherben haben auch die kleinsten Funde etwas zu erzählen: Daher wird die Erde gesiebt. Was dabei übrig bleibt, wird am Schlämmcontainer noch mal kräftig gebadet. Mindestens zwei Personen schauen die Funde durch.

So wurden aus den Steinen grün leuchtende Glasscherben („fränkisches Glas“, das erkennt der Fachmann sofort), Glasperlen, Schmelztropfen aus der Glasherstellung, Spinnwirtel (ein Werkzeug für die Wollverarbeitung) und Schlackereste aus den Steinen herausgefischt. Auch Basaltmahlsteine, die auf Schiffen aus der Eifel herantransportiert werden mussten, verraten: Es muss rege auf diesem Siedlungsplatz zugegangen sein.

Glasperlen waren äußerst beliebt und wurden auch als Zahlungsmittel eingesetzt – „so wertvoll wie eine kleine Silbermünze oder ein Marderfell“, weiß Archäologe Dr. Martin Segschneider (NIHK).

Muschelgruskeramik aus dem 9. Jahrhundert (frühes Mittelalter) – mit zerstoßenen Muscheln versetzt – gilt als „typisch nordisch“ und wurde meist in Handelshäfen verwendet. Andere Formen (Segschneider: „Da brauche ich nicht mal hinzusehen“) beweisen: Dies sind Gefäße aus dem ersten Jahrhundert nach Christus.

Die Umrisse von sechs bis sieben Grubenhäusern – einige in unterschiedlichen Zeiträumen übereinander gebaut – sind auf der Grabungsstelle zu entdecken, das älteste aus der älteren römischen Kaiserzeit, also kurz nach Christi Geburt, andere aus der Zeit der Völkerwanderung (etwa 375 bis 570 n. Chr, also rund 1500 bis 1600 Jahre alt).

„Wir glauben, dass Sahlenburg, also der Galgenberg, eher der Fortifikation, also dem Schutz vor Feinden, diente. Altenwalde schmiegte sich dahinter schön versteckt an die Geest“, erklärt Dr. Martin Segschneider.

Wie genau die Handelspartner in den Hafen kamen, müssen die Wissenschaftler noch herausfinden: Die heutige Deichlinie gab es noch nicht. Wie weit die Schiffe fahren konnten – direkt bis an die Geestkante oder über Priele, die sich durch die Marsch schlängelten –, ist noch nicht klar. Direkt unterhalb der Grabungsstelle liegt die Geestkante, nur 150 Meter davon entfernt verläuft die Wettern.

„Diese Entdeckungen passen genau in die mittelalterliche Siedlungsgeschichte Cuxhavens und Altenwaldes und lassen sich mit den bisherigen bedeutsamen Zeugnissen der Geschichte in Altenwalde verbinden“, freut sich Andreas Wendowski-Schünemann. Auch die Altenwalder Burg, der Königshof, die mittelalterliche Siedlung unterhalb der Kreuzkirche (11./12. Jahrhundert), Pfarrkirche, Kloster Wolde und Wallfahrtskirche St. Willehad waren schon archäologische Leckerbissen.

Der Grundstückbesitzer sei übrigens sehr aufgeschlossen und interessiert gewesen, berichtet Karl Johann Offermann. Bereits am Montag kann der Acker an der Seeburg wieder bestellt werden. Aber die Forscher wollen unbedingt wiederkommen – wann, das steht noch nicht fest. Sicher aber, bevor dieser Acker einmal als Baugebiet freigegeben wird.

Doch der nächste Termin steht schon: Im Sommer wird auf dem Nachbargrundstück in Richtung Am Altenwalder Bahnhof gegraben. Auf dem aufgegebenen Bauernhof soll eine große Mehrfamilienhaussiedlung entstehen (wir berichteten).

Weitere Bilder finden Sie in unserer Rubrik „ Bildergalerie“.

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