Jedixa Diaz arbeitet seit 2020 als Flüchtlingsbegleiterin in Otterndorf. Ihren Job sieht sie als Möglichkeit, etwas zu bewirken und das Leben von hilfsbedürftigen Menschen zum Besseren zu wenden. Foto: Anders
Jedixa Diaz arbeitet seit 2020 als Flüchtlingsbegleiterin in Otterndorf. Ihren Job sieht sie als Möglichkeit, etwas zu bewirken und das Leben von hilfsbedürftigen Menschen zum Besseren zu wenden. Foto: Anders
Interview für mehr Verständnis

Bekommt Land Hadeln eine feste Stelle für Flüchtlingsbegleitung?

16.10.2021

OTTERNDORF. Die Gespräche, ob die Samtgemeinde Land Hadeln eine feste Stelle für die Flüchtlingsbetreuung vor Ort schafft, laufen.

Aktuell übernimmt diesen Job Jedixa Diaz. Ihr Arbeitgeber ist jedoch die Diakonie. Warum diese Aufgabe ihrer Meinung nach in staatliche Hände gehört - und was unserer Gesellschaft im Zusammenleben mit Geflüchteten fehlt - verrät sie im Interview.

Wir verfolgen die Lage im afghanischen Kabul über die Medien. Ungläubig schauen wir uns die Bilder an und können es kaum glauben, was dort gerade geschieht. Doch was teilweise so weit weg scheint, kommt durch Menschen zu uns nach Deutschland. Menschen, die ein sicheres Leben suchen, ein neues zu Hause brauchen und die plötzlich mit einer ganz anderen Umgebung konfrontiert sind. Doch sie kamen auch schon vor der Situation in Kabul zu uns nach Deutschland, wo es dann darum geht, einander verstehen zu lernen. Von beiden Seiten. Dieser Aufgabe widmet sich Jedixa Diaz in ihrem Job als Flüchtlingsbegleiterin der Samtgemeinde Land Hadeln. Sie selbst hat einen chilenischen Vater, eine deutsche Mutter und hat viele Jahre in Chile gelebt. Nach ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin in Cuxhaven und ihrer Freiwilligenarbeit für Flüchtlinge ist sie seit 2020 als Flüchtlingsbegleiterin in Otterndorf fest angestellt. Und das mit einem Engagement, das ansteckend ist. Wie es der 37-Jährigen seither ergangen ist, verrät sie im Gespräch mit Julia Anders. Inklusive Antworten, die das Potenzial haben, unsere Perspektive zu erweitern.

Seit Juni 2020 sind Sie als Flüchtlingsbegleiterin aktiv. Was hat sich bei Ihnen, in Ihrer Sichtweise und bei Ihrer Tätigkeit seither getan?

Was sich bei mir persönlich geändert hat ist vor allem die Sichtweise auf die Menschen, die ich betreue. Inzwischen merke ich einfach, wie viel ich von ihnen lernen kann. Einfach, weil sie eine ganz andere Sicht auf die Welt haben, als ich sie habe. Ich war vorher sehr in dieser Nische, dass ich Ihnen etwas beibringen muss, damit sie hier zurecht kommen. Ich habe gemerkt, dass das in vielen Dingen einfach gar nicht so ist. Vielmehr kann ich viel von ihnen mitnehmen. Dieses ‘Belehren' ist da einfach ein ganz falscher Ansatz, um einem erwachsenen Menschen zurecht zu helfen. Das ist das letzte was sie brauchen.

Haben Sie da ein Beispiel?

Ja. Eine Dame kam hier an und es ging ihr nicht besonders gut. Durch ihre Fluchterfahrung hatte sie ein schweres Trauma erlitten. Und ich hatte dann gleich ein funktionierendes Netzwerk parat. Von Traumatherapie, Deutschkurs bis Überlegungen, wie wir die Kinder unterbringen. Doch sie wollte das alles gar nicht. Ich dachte mir am Anfang: ‘Wie, du möchtest jetzt keinen Bauchtanz machen, mit anderen Frauen, mit der gleichen Erfahrung? Warum nicht? Das passt doch so toll?!' Ich dachte, dass wir das doch angehen müssen. Das ist ja eigentlich ein Prozess. Da gehst du rein und dann musst du funktionieren. Da musste ich lernen, dass das völlig ok ist, wenn sie das alles erst einmal nicht möchte. Dass sie ihre Kinder auch bei sich behalten möchte und erst einmal Angst davor hat, sie alleine in der Kita zu lassen. Ich musste lernen, dass wir das Individuum mehr sehen müssen. Am Ende verlieren wir sonst wertvolle Zeit in diesem Integrationsprozess.

Wie sind Sie dann mit der Dame verblieben?

Wir haben an unserer Beziehung, unserem gegenseitigen Vertrauen gearbeitet. Sie kommt ja aus einer Erfahrung, wo sie Angst haben muss um ihr Leben uns das ihrer Kinder. Da musste sie das Vertrauen erst einmal lernen. Sie hat dann überdurchschnittlich viel Eingewöhnungszeit für ihre Kinder in der Kita bekommen. Und ich habe mein Angebot, mit dem ich sie zuvor erschlagen hatte, vorerst zurück gehalten, damit sie ganz in Ruhe ankommen kann. Diese Zeit muss man geben, sonst scheitert der Prozess. So sind wir jetzt zwar auf einem langsameren, aber stabilerem Weg.

An Ihrer Jobbezeichnung lässt sich natürlich einiges ableiten. Wie sehen Sie Ihren Job persönlich und wie gestaltet sich Ihr Arbeitsalltag?

Ich habe tatsächlich keinen Alltag, der jeden Tag gleich ist. Es ist immer etwas Anderes. Das kann von Hausbesuchen bis Beratungsgesprächen, Gesprächen mit den Behörden, Gespräche in der Schule, Begleitung von Therapiegesprächen, Ausschusssitzungen zum Netzwerken oder auch Arbeitsgruppen gehen. Wir schauen regelmäßig, wo wir welche Rädchen noch nachziehen müssen. Das ist wirklich kunterbunt.

Sie selbst haben einen chilenischen Papa, der sich in eine Cuxhavenerin verliebte und dann hier in der Region blieb. Inwieweit glauben Sie, braucht es einen Hintergrund wie Ihren, um diesen Job gut und gewissenhaft auszuführen?

Ich glaube nicht, dass es so einen Hintergrund zwingend braucht. Ich glaube aber auch, dass er dabei hilfreich ist, um sich emphatisch in die jeweiligen Situationen hinein zu versetzen. Ich kenne einfach so viele Dinge selbst. Ich kenne das ‘fremd sein'. Ich weiß, mit was für banalen Sachen man sich teilweise herumschlägt. Etwa die Frage ‘Wie? Ich kann meine Batterie jetzt nicht in den Restmüll packen?' oder ‘Wie? Ich kann hier keine losen Zigaretten kaufen? Ich will doch nur eine. Ich will keine Schachtel'. Oder ‘Wie ich muss mein Kind krank melden, weil es nicht zur Schule geht? Ich bin doch die Mutter?!' Ich selbst habe lange Zeit in der chilenischen Wüste gelebt und wurde hier in Deutschland dann im Kindergarten gefragt, ob ich meine Kinder denn auch eingecremt habe? Auch wenn ich meine Kinder abends noch mit raus nehme. In Chile währe das kein Problem. Hier wird gleich meine Kompetenz als Mutter hinterfragt, ob das denn alles so richtig ist. Das sind viele kleine Dinge. Ich weiß einfach was es heißt, als Mensch hinterfragt zu werden. Deine ganzen Werte, deine Ethik, deine Moral werden hinterfragt. Und das macht auch was mit einem. Das Verständnis aufzubauen, dass es hier einfach anders läuft, ist ein langer Prozess. Das war für mich schwierig und das ist für andere schwierig. Aber du wirst auch nicht glücklich werden, wenn du alles ablehnst und dein eigenes Ding machst.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit persönlich?

Ich habe das Gefühl, dass ich wirklich Dinge in der Hand habe. Dass ich wirklich aktiv etwas beitragen kann zu dem, was mir in unserer Gesellschaft nicht passt. Und das ist etwas, was mich wirklich glücklich macht. Ich habe so viele Möglichkeiten zur Mitgestaltung. Ich gestalte das Leben für andere Menschen mit. Wenn etwas nicht gut läuft, dann muss man doch etwas unternehmen. Und das ist auch etwas, was ich meinen Kindern vorlebe. Dass sie nicht nur zuschauen müssen sondern auch selbst etwas bewirken können. Das ist wertvoll. Das ist schön.

Wie beobachten Sie die Entwicklungen mit dem Umgang von Geflüchteten hier in Deutschland?

In 2015/2016 gab es ja wirklich diese krasse Willkommenskultur. Das ist verpufft. Das haben wir definitiv nicht mehr. Ich glaube aber schon, dass wir uns auf den Weg gemacht haben und jetzt einfach die Strukturen schaffen müssen. Diese ganzen Menschen, die damals hier herüber gekommen sind, leben ja jetzt auch schon eine ganze Weile hier. Es geht jetzt darum, ganz viel Verständnis zu schaffen. Viele Leute erwarten, dass diese Menschen funktionieren. Sie haben ja schließlich auch deutsch gelernt und jetzt muss mal was kommen. Ich glaube, dass wir da damals sehr viel toleranter waren. Jetzt müssen wir daran arbeiten, dass von beiden Seiten mehr Verständnis kommt. Meine Geflüchteten verfallen auch manchmal in Verhaltensmuster wo sie meinen, dass die anderen sich in bestimmten Situationen nur so verhalten, weil sie Ausländer sind. Nur deswegen. Das ist aber ganz oft nicht der Fall. Jeder andere würde auch angemeckert werden, wenn er konstant 20 Minuten zu spät kommt. Es ist das ‘20 Minuten zu spät kommen', nicht das ‘Ausländer sein'. Das ist eine Gegenseitigkeit. Ich glaube, dass die Toleranz nach wie vor da ist - aber wir müssen noch ganz viel daran arbeiten. Wir haben so eine Parallelgesellschaft geschaffen. Und das ist kein Miteinander. Wir müssen mehr Möglichkeiten schaffen das ineinander zu bringen.

Wie kann das konkret aussehen?

Erst einmal braucht es ganz viel Aufklärungsarbeit bei unseren Einheimischen. Es müssen Angebote geschaffen werden, die für alle offen sind. Spezielle Angebote, mit denen speziell Menschen mit und ohne Migrationshintergrund angesprochen werden. Das ist aber nur ein Anschubser. Es muss von beiden Seiten gewollt werdem. Ansonsten haben wir ein Angebot, eine Maßnahme, die nach drei Monaten vorbei ist und nach der jeder seinen eigenen Weg geht. Und dann haben wir nichts geschafft. Dieses ‘Wollen' muss mehr hinein in die Köpfe. Wir müssen die Dinge auf den Tisch legen und nicht hinter verschlossenen Türen darüber sprechen. Ob das jetzt um das ‘Arbeit wegnehmen' oder das ‘Kopftuch tragen' geht. Darüber müssen wir offen sprechen und uns gegenseitig fragen, warum etwas so oder so ist. Warum fühlen wir uns so? Sich selbst und seine Sichtweise zu hinterfragen ist wichtig. Es braucht einen Denkprozess in der Gesellschaft der angestoßen werden muss.

Wie ist ihr Blick auf die aktuelle Situation in Afghanistan?

Für mich ist es besonders schlimm, was das mit meinen Leuten macht, die schon hier sind. Die ganz viel Angst haben um ihre Verwandten, ihre Angehörigen dort. Weil wir eben noch keinen konkreten Plan haben. Das ist für die Menschen beängstigend. Sie kommen zu mir und ich kann ihnen noch nichts Konkretes sagen. Ich kann ihnen nicht sagen, dass wir einen Plan haben wie wir ihrer Familie helfen können. Oder welche Möglichkeit es für gefährdete Menschen hier vor Ort gibt. Die gibt es nämlich noch nicht. Und das finde ich schwer auszuhalten. Wir sehen alle, wie die aktuelle Situation dort ist. Aber wir reagieren nicht. Ich weiß nicht, ob Deutschland noch im Winterschlaf ist oder es noch ausdiskutieren muss. Aber das dauert einfach zu lange.

Ihre Stelle ist ja zunächst bis zum 31. Dezember 2021 befristet. Hat sich daran inzwischen etwas getan? Bleiben Sie? Oder gibt es andere Pläne?

Offiziell weiß ich, dass es Gespräche mit der Samtgemeinde gibt. Meine Stelle ist ja co-finanziert durch die Kirche und die Samtgemeinde. Mein Arbeitgeber ist aber die Diakonie. Die Gespräche gehen aktuell in die Richtung, dass ich nach dem 31. Dezember dann gänzlich bei der Samtgemeinde angestellt sein werde. Und das freut mich auch sehr. Ich sehe die Flüchtlingsbegleitung als staatliche Aufgabe, nicht als kirchliche. Denn wenn ich mir jetzt überlege, dass ich in einem fremden Land ankomme und mein Aufenthalt dort unter dem Dach einer bestimmten Glaubensrichtung geschieht, dann würde ich mich auch schwer damit tun. Es ist schön und notwendig, dass die Kirche sich einbringt. Aber sie machen glaube ich einen ganz anderen Teil, mit einem anderen Schwerpunkt. Anders als der Staat seine Strukturen regelt. Da bin ich wirklich sehr froh, dass mit dieser neuen Wahlperiode sich unser Samtgemeindebürgermeister da so engagiert und sagt ‘ja, wir wollen das, wir wollen auf jeden Fall eine Stelle bei uns haben, die für Flüchtlingshilfe zuständig ist.' Das ist ein Zeichen. Ein großes Zeichen.

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