Keine Frage, Henryk M. Broder ist immer für Aufregung gut. Er polarisiert und provoziert, wird wahlweise gehasst und verehrt. Am Freitag, 8. November, liest der Journalist, Essayist und Schriftsteller in den Otterndorfer Seelandhallen aus seinem frisch erschienenen Buch "Wer, wenn nicht ich ...". Foto: dpa/Burgi
Keine Frage, Henryk M. Broder ist immer für Aufregung gut. Er polarisiert und provoziert, wird wahlweise gehasst und verehrt. Am Freitag, 8. November, liest der Journalist, Essayist und Schriftsteller in den Otterndorfer Seelandhallen aus seinem frisch erschienenen Buch "Wer, wenn nicht ich ...". Foto: dpa/Burgi
CN/NEZ-Interview

Broder: "Meinungsfreiheit ist in Gefahr"

von Christian Mangels | 03.11.2019

OTTERNDORF. Henry M. Broder kommt am 8. November nach Otterndorf, um sein neues Buch vorzustellen. Vorher haben wir mit ihm gesprochen.

Er bekennt gern Farbe, teilt auch mal aus - und ist für seine streitbaren Standpunkte bekannt: Der Journalist und Essayist Henryk M. Broder kommt am Freitag, 8. November, in die Seelandhallen, um sein neues Buch "Wer, wenn nicht ich...?" vorzustellen. Die Cuxhaven-Niederelbe Verlagsgesellschaft und die Stadt Otterndorf veranstalten die (bereits ausverkaufte) Lesung gemeinsam. Im vergangenen Jahr sollte der Autor in der Medemstadt den Johann-Heinrich-Voß-Preis erhalten. Nach heftiger Kritik, vor allem von der SPD, verzichtete er jedoch auf die Auszeichnung. Im Gespräch mit Jens-Christian Mangels erzählt Broder, warum er den Preis nicht angenommen hat, was er gegen Greta Thunberg hat und weshalb er die Meinungsfreiheit in Gefahr sieht.

Herr Broder, ich würde gern mit Ihnen zu Beginn des Interviews über die Wahl in Thüringen sprechen. Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Björn Höcke hat 23,4 Prozent erzielt. Nun haben Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, und einige andere jüdische Stimmen vor einem Rechtsrutsch in Deutschland gewarnt. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Es ist mir schlicht egal, was Frau Knobloch sagt. Frau Knobloch ist eine andere Generation, angstgeplagt und angstverfolgt. Und ich kann es nachvollziehen und verstehen, wenn sie vielleicht Panik hat. Natürlich hat es einen Rechtsrutsch gegeben. Für diesen Rechtsrutsch gibt es Gründe und die scheint Frau Knobloch nicht zu kennen oder nicht kennen zu wollen. Ich finde es kontraproduktiv, gleich mit dem Nazi-Argument zu kommen. Im Übrigen höre ich das seit 30 Jahren, dass der Antisemitismus und der Rechtsradikalismus jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Die waren nie woanders. Das Argument hat wirklich ausgedient. In der Demokratie gibt es immer Risiken; Demokratie ist ein riskantes Geschäft. Manchmal gewinnen die Falschen und beim nächsten Mal fällt das Ergebnis dann wieder anders aus.

Fühlen Sie sich noch sicher in Deutschland?

Warum sollte ich mich unsicher fühlen?

Weil Sie ein prominenter Jude sind, der gerne auch mal provoziert. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie die eine oder andere Hass-Mail bekommen.

Erstens provoziere ich nicht. Es kann passieren, dass sich Leute provoziert fühlen. Es ist so wie mit den Miniröcken: Wenn sich ein Mann von einem Minirock provoziert fühlt, der Frau zwischen die Beine zu greifen, ist das ein Problem des Mannes und nicht der Frau. In meinem Fall ist es genauso. Zweitens, ich muss Sie enttäuschen: Ich bekomme so gut wie gar keine Hass-Mails. Ich fühle mich inzwischen beinahe diskriminiert, von Frau Kühnast bis zum Thüringer CDU-Kandidaten Mike Mohring, alle bekommen Drohungen. Aber ernsthaft: Wenn jemand Post bekommt, wie sie Frau Kühnast bekommen hat, was wirklich ekelhaftes Zeug ist, dann geht man damit nicht an die Öffentlichkeit. Das animiert nur andere Leute, das Gleiche zu tun. Ich bin nicht auf Facebook, ich bin nicht auf Twitter, ich bin nur mit der "Achse des Guten" im Netz. Ich habe auch keinen Offenbarungszwang, ich muss den Leuten nicht mitteilen, wo ich gerade meine Cola trinke. Wer sich so dermaßen exhibitioniert, muss sich nicht wundern, dass die Leute im Netz durchdrehen.

Derzeit wird ja viel über Meinungsfreiheit gesprochen. Ich denke da an die Debatte um den Literaturnobelpreisträger Peter Handke, der aufgrund seiner politischen Haltung von vielen kritisiert wird, aber auch an den AfD-Mitbegründer Bernd Lucke, der an der Universität Hamburg behindert und beschimpft wird. Sehen Sie die Meinungsfreiheit in Gefahr?

Ja, eindeutig. Wenn sich schon Leute wie Thomas de Maizière, Christian Lindner oder der Historiker Jörg Baberowski nicht frei äußern können, ist die Meinungsfreiheit in der Tat in Gefahr. Wissen Sie, ich halte Proteste, Maßnahmen und Widerstand gegen Rechtsradikale ja für vollkommen legitim. Aber leider gibt es eine Gleichschaltung in der Bundesrepublik: Es wird nicht der Rechtsradikalismus bekämpft, es geht komplett gegen rechts. Und alle wollen in der Mitte sein. Demokratie war und ist immer ein Spektrum - von rechts bis links. Ohne Rechte gibt es auch keine Linke, beide gehören dazu.

Sie sind ja bekannt dafür, ihre Meinung deutlich zu äußern und keiner Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Warum haben Sie im vergangenen Jahr auf den Johann-Heinrich-Voß-Preis verzichtet? Sie hätten ihn ja auch annehmen und sich mit ihren Kritikern in Otterndorf auseinandersetzen können?

Ach, wissen Sie, meine Kritiker haben so viel Gelegenheit, sich mit mir auseinanderzusetzen, dass ich denen nicht auch noch entgegenfahren muss. Ich hatte einfach keine Lust! Die ganze Geschichte ging ja nicht von der Stadt Otterndorf aus, es war eine SPD-Initiative. Ich kann verstehen, dass die SPD mich nicht mag. Ich habe oft genug Hämisches über alle möglichen SPD-Leute geschrieben, genauso übrigens über Grüne, Linke oder die CDU. Aber bei der SPD liegen die Nerven blank, was ich verstehen kann. Wenn sie in einem sozialdemokratischen Stammland, in dem das Gothaer und das Erfurter Programm mal beschlossen wurden, bei 8,2 Prozent angekommen sind, dann kann man schon ein bisschen nervös werden. Zurück zur Frage: Ich habe auf Krawall einfach keine Lust gehabt. Karl Kraus hat mal gesagt: Wer mich beleidigt, entscheide ich. Ich finde das ein gesundes Prinzip.

Trotz aller Kritik kommen Sie am 8. November nach Otterndorf. Rechnen sie mit Protesten oder Störungen aus dem linken Lager? Bringen Sie einen Bodyguard mit ...?

Nein, ich bringe Freunde mit, die mich gelegentlich begleiten, wenn ich lese. Wenn ich irgendwo mit einem Bodyguard hinkommen müsste, würde ich es nicht machen. Dann würde ich den Koffer packen und nach Island oder Malta ziehen. Ich habe neulich meinen Freund Hamed Abdel-Samad in Berlin getroffen, er kam mit drei Bodyguards. Er kann nicht mal aus dem Auto steigen und hinterm Baum pinkeln, ohne bewacht zu werden. Das ist doch kein Leben, mit Bodyguards herumzulaufen.

In Ihrem Blog "Die Achse des Guten" haben Sie angekündigt "wie ein Meteorit in Otterndorf einzuschlagen". Das klingt gefährlich. Müssen die Besucher Helme mitbringen ...?

(Lacht) Nein, die sollen mal lieber Plätzchen mitbringen. Meteorit ist ein subtiler Gag für Eingeweihte. Einen Moment bitte, ich muss mal eben in die Küche gehen (geht in die Küche). Da hängt meine Urkunde. Nach mir wurde nämlich ein Meteorit benannt. Oder war es ein Asteroid? Ah, hier ist es: Es ist der Asteroid "23 68 00 Broder".

Sie haben außerdem geschrieben, "in der Begleitung eines prominenten Sozialdemokraten" zu kommen, "den die SPD aus der Partei ausschließen will". War das ein Scherz oder bringen Sie wirklich Thilo Sarrazin mit?

Ich wollte tatsächlich Thilo Sarrazin mitbringen - und er wollte auch kommen. Aber nun haben sich die Termine überschnitten. Er fliegt am 7. November nach China. Ich werde es jetzt noch mal bei Heinz Buschkowsky versuchen. Mal schauen, ob der Zeit hat ...

Bevor wir zu der Kritik der Otterndorfer SPD kommen, würde ich gern auf Ihr neues Buch zu sprechen kommen, das Sie am 8. November in Otterndorf vorstellen. Der Titel "Wer, wenn nicht ich…?" klingt ja schon ein bisschen selbstverliebt ...

Es ist nicht selbstverliebt, es ist total größenwahnsinnig.

Worum geht es in dem Buch?

Es ist eine Art Klärungsprozess. Ich schreibe einfach über das, was ich in den letzten Monaten erlebt habe. Es gibt kein dominantes Thema in dem Buch.

Kommen wir jetzt zu Ihren speziellen Freunden von der Otterndorfer SPD. Ich würde gern mit Ihnen einmal die SPD-Vorwürfe durchgehen …

Och nö. Das ist doch völlig o.k., wenn die mich nicht mögen. Die meisten haben meine Sachen wahrscheinlich gar nicht gelesen. Aber verstehen Sie, wenn mir jemand "Schwule Sau" auf der Straße nachruft, werde ich mich nicht umdrehen und ein paar Freundinnen aufrufen zum Beweis des Gegenteils. Das mache ich nicht.

Ich starte trotzdem einen Versuch. Die SPD schreibt unter anderem, Broder lasse sich von der AfD anheuern und von Alice Weidel umarmen ...

Stimmt ja auch. Sie hat mich umarmt. Und die Sache mit dem "Anheuern" klingt schon sehr nach "Für Geld macht der Jude alles". Ich werde Ihnen nicht sagen, ob und wie viel Geld ich für meinen Auftritt bei der AfD bekommen habe. Aber glauben Sie mir: Ich tue das, was ich will! Wenn die SPD schreibt, ich lasse mich anheuern, dann würde ich empfehlen, einmal die Vorstands- und Aufsichtsratsposten einiger prominenter SPD-Leute durchzugehen und schauen, für was die sich alles anheuern lassen.

Und dann gibt es noch den Vorwurf, Sie würden die Klima-Aktivistin Greta Thunberg ins Lächerliche ziehen.

Ja, das mache ich. Sie ist auch lächerlich. Steht Greta Thunberg unter Naturschutz? Darf man sie nicht ins Lächerliche ziehen? Würden Sie sich von einer 16-Jährigen am Blinddarm operieren lassen?

Wohl eher nicht.

Aber Sie lassen sich von einer 16-Jährigen sagen, wie sich das Klima entwickelt. Also, es stimmt: Ich ziehe sie ins Lächerliche. Denn sie ist lächerlich.

Greta Thunbergs Bewegung "Fridays for Future" fällt bei Ihnen demnach auch durch?

"Fridays for Future" finde ich ganz prima. Ich habe die Schule früher auch oft geschwänzt. Ich stehe hinter jeder Bewegung, die das Schulschwänzen zum Prinzip erhebt.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Haben Sie nicht langsam genug von der Rolle des ewigen Provokateurs? Möchte nicht ein Henryk. M. Broder auch geliebt werden?

Sie glauben gar nicht, wie sehr ich geliebt werde. Ich war neulich beim Friseur, der wollte kein Geld von mir, er wollte nur ein Selfie. Gestern Abend war ich im Supermarkt, da kam ein Mann auf mich zu und fragte, ob er mir die Hand drücken darf. Ich kann mich über einen Mangel an Liebe und Zuneigung wirklich nicht beschweren. Und noch mal: Ich provoziere nicht. Bei Ihnen klingt das ein bisschen so durch, als würde ich jeden Morgen aufstehen und überlegen, wem ich heute einen verpassen könnte. So ist das nicht. Ich wache morgens auf und denke: Könnte ich nicht noch eine Stunde weiterschlafen?

Gibt es Dinge, bei denen Sie im Nachhinein bereuen, sie gesagt oder geschrieben zu haben? Gibt es Menschen, bei denen Sie sich entschuldigen möchten?

Mal überlegen. Muss ich mich bei Alice Schwarzer entschuldigen? Oder vielleicht bei Claudia Roth? Wenn sich Claudia Roth dafür entschuldigt, dass sie 41 000 Kilometer weit geflogen ist, um den Klimawandel in der Südsee zu studieren und dafür Zehntausende Euro von Steuergeldern verprasst hat, dann werde ich mich bei ihr dafür entschuldigen, dass ich sie einen "Doppelzentner fleischgewordene Dummheit" genannt habe. Versprochen.

Henryk M. Broder

Henryk M. Broder wurde 1946 in Katowice (Kattowitz) geboren und entstammt einer polnisch-jüdischen Familie. 1958 kam er mit seinen Eltern, zwei Holocaust-Überlebenden, nach Deutschland. Broder studierte Jura und Volkswirtschaft in Köln, brach das Studium allerdings vorzeitig ab und arbeitete für die "St. Pauli Nachrichten" in Hamburg.

In den 1970er-Jahren schrieb er für das Satire-Magazin "Pardon" und das Magazin "Spontan". 1981 begann er kurzzeitig in Israel zu arbeiten, veröffentlichte aber weiter in deutschen Blättern, etwa in der "Zeit" und der "Süddeutschen Zeitung". Zu seinen weiteren Stationen zählt eine langjährige Tätigkeit beim "Spiegel", aktuell schreibt er für die "Welt". Vor zwei Jahren erschien sein politisches Tagebuch "Das ist ja irre". Er lebt und arbeitet in Berlin.

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