200 Jahre Seebad

Butterfahrten vor Cuxhaven waren der Hit  

20.08.2016

CUXHAVEN. Mit vollen Tüten endeten in den 70ern und 80ern Bootsfahrten in Cuxhaven: Butterfahrten waren der Hit und die Konkurrenz groß. Von Maren Reese-Winne   

Christian Detzkeit, Kapitän der „Jan Cux II“, war dabei, als sich dieser Markt auftat und sich deutlich rentabler zeigte als die Fischerei.  Den Namen Detzkeit hatte schon sein Vater auf die Gewässer vor Cuxhaven gebracht, indem er in den 50er-Jahren den ersten 24-Meter-Holzkutter Deutschlands, die „Gaby“, in Fahrt brachte und danach den Kutter „NC 315 Katharina“ baute. Als Fischwirt fing auch Christian Detzkeit 1975 bei seinem Vater an, aber „das wurde immer schwieriger“.

So wurde in den 70er-Jahren ein Fischkutter umgebaut, um danach als „Jan Cux“ mit Hochseeangelfahrten in See zu stechen. Ein Riesengeschäft war das, denn das wirklich Attraktive war nicht unbedingt der Fang an der Leine: Durch die Runde um Helgoland durfte auf den Fahrten die große zollfreie Ration verkauft werden. Dumping-Preise machten das richtig lohnend.

„Das Geschäft wurde immer besser und so verkauften wir die ,Katharina‘, um vollends in das Geschäft mit Angel- und Butterfahrten einzusteigen.“ Die Jan Cux II, die bis heute zur Silhouette Cuxhavens gehört, wurde in Auftrag gegeben.

Um zollfrei verkauft werden zu dürfen, mussten die Waren einmal spazieren gefahren werden: „Wir mussten sie einmal ,frei fahren‘ bis kurz vor Helgoland und durften sie dann an ,Reisende‘ verkaufen.“ „Reisende“ waren die Fahrgäste bei den künftigen Fahrten dann schon, wenn das Boot einmal bis zur Kugelbake schipperte. Liebend gern füllten die Passagiere ihre Einkaufskörbe: Drei Schachteln Zigaretten, Käse, Butter ... „ja, sogar Putenkeulen und Monchichis“, erinnert sich Christian Detzkeit.

Zweimal in der Woche fuhr der Schiffsgroßhändler mit dem Lkw vor und brachte tonnenweise Butter. Und das nicht nur für die „Jan Cux“-Flotte: Mindestens sieben, acht Schiffe lieferten sich einen heißen Kampf um die Passagiere. „Das führte dazu, dass es hier zu einem richtiggehenden ,Butterkrieg‘ kam: Da kostete ein Kilo Butter 2,50 Mark, Wahnsinn!“

Auch das Getränkeangebot an Bord verführte die Passagiere zu mancher Extra-Runde: Grog 50 Pfennig, 1 Liter Rum 1,50 Mark. Da kam die Cola nicht mit: Sie war teurer als die harten Sachen.

Die großen Einkaufsfahrten brachten die Passagiere gleich acht Stunden auf See: „Dann durften die Passagiere die große Ration wie auf Helgoland kaufen.“ Vor allem durfte nur auf den großen Fahrten auch Alkohol verkauft werden.

Wer einfach nur Schiff fahren wollte, konnte sich auch die Hände reiben, denn der ganze Spaß kostete gerade mal pro Fahrt eine Mark für die kleinen Touren – ein symbolisches Fahrgeld. „Wir haben rein vom Verkauf gelebt.“ Fahrten zum Beispiel zu den Seehundbänken gab es noch gar nicht.

Mancher legte gleich zwei, drei Touren am Tag zurück, denn vor allem für Rentner waren die Butterfahrten auch der Ort, an dem sie unter die Leute kamen. Vereine oder Gruppen aller Art verlegten ihre Treffen auf das Wasser. Neben dem Rum floss damals auch der Kirsberry – ein Kirschlikör aus Dänemark – in Strömen oder auch der „Eisbrecher“: Rum mit Kirsberry.

Aus ganz Deutschland kamen die Schnäppchenjäger, aber durchaus auch Angler nach Cuxhaven. Die Angelfahrten starteten manchmal auch nachts: Dann ging es von 2 Uhr bis zur Mittagszeit nach draußen. 50 Leihangeln hielt die „Jan Cux“ und sogar 80 die „Jan Cux II“ bereit. Damit holten die Fahrgäste beispielsweise Makrelen, Kabeljau oder Dorsch hoch. Möwen wiesen den Weg zu den besten Fangplätzen, auch an Wracks wurde gerne geangelt.

Das alles war vorbei durch die neuen Regeln des EU-Binnenmarkts. Die kleinen Schiffe dürfen aufgrund der Vorgaben der neuen EU-Fahrgastschiffrichtlinien längst nicht mehr mit Gästen nach Helgoland fahren.

Wie nun weiter sein Geld verdienen? Plötzlich musste für die Ausflugsfahrten Fahrgeld genommen werden. Es brauchte Ideen, um die extra für die Butterfahrten in Dienst gestellten Schiffe in Fahrt zu halten. Und die Passagiere wollten auch etwas sehen. Man probierte neue Touren und Ausflugsfahrten aus: Büsum, Oste, Nord-Ostsee-Kanal, Sylt, Amrum. Auch die Fahrten zu den Seehundbänken sind so entstanden.

„Man muss eben mit der Zeit gehen und ausprobieren, was funktioniert und was nicht“, sagt der 56-Jährige. Nach allerlei Höhen und Tiefen und Erlebnissen wie mit Fahrgästen, die vor Helgoland ins Wasser sprangen oder der Hubschrauber-Abbergung eines Fahrgastes kann ihn so schnell nichts aus der Ruhe bringen. „Zum Glück ist noch nie etwas richtig Schlimmes passiert.“

Bei schlechtem Wetter zu starten, erspart er seinen Fahrgästen und auch bei einer Seehundtour schippert er lieber zehn Minuten früher los, wenn die Tide dies erfordert: „Lieber ein paar Leute weniger, aber dafür zufriedene Gesichter.“

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