Bei Allgemeinmediziner Dr. André Kleineidam aus Cuxhaven-Altenwalde steht das Telefon nicht mehr still. Foto: Stoike
Bei Allgemeinmediziner Dr. André Kleineidam aus Cuxhaven-Altenwalde steht das Telefon nicht mehr still. Foto: Stoike
Alltag wird erschwert

Corona-Impfungen sorgen für Chaos in Hausarzt-Praxen im Kreis Cuxhaven

29.04.2021

KREIS CUXHAVEN. Das Angebot von Corona-Schutzimpfungen in den niedergelassenen Arztpraxen des Landkreises Cuxhavens sorgt für Chaos.

Besonders die aufwendige Bürokratie und Terminkoordination erschweren den Alltag - nicht nur zulasten des Personals, sondern auch zum Leid der Patienten. Vor allem die telefonische Erreichbarkeit ist stark eingeschränkt. Entweder geht keiner ans Telefon, es ist permanent besetzt oder der Patient landet in einer ewigen Warteschlange. Doch wo liegt eigentlich das Problem?

Telefon steht nicht mehr still 

Bei Dr. André Kleineidam steht das Telefon seit Beginn des Impfangebots in der Altenwalder Praxis nicht mehr still. Der Hausarzt schildert aufgebracht: "Das Hauptproblem in unserem Praxisalltag sind Patienten, die permanent anrufen und fragen, wann sie geimpft werden." Die Mitarbeiterinnen reden sich zum Teil "den Mund fusselig", so Kleineidam. Die Arztpraxis sei telefonisch für Patienten mit anderen Anliegen deshalb oft nicht erreichbar.

Krankenkassen tragen zum Chaos bei

Die Krankenkassen und das Land Niedersachsen, seien für diesen Zustand verantwortlich. Kleineidam betont: "Dem Land Niedersachsen ist die Terminvergabe komplett misslungen und die Krankenkassen sind uns mit den Priorisierungsschreiben in den Rücken gefallen." Zum Ärgernis des Teams rufen Patienten an, bei denen nicht klar sei, warum sie überhaupt zu diesem Zeitpunkt einen Berechtigungsschein von den Krankenkassen erhalten haben.

"Diskussion über Priorisierungen können wir uns sparen"

Laut Priorisierung der Ständigen Impfkommission (STIKO) seien viele Anrufer längst noch nicht an der Reihe. Der Hausarzt ist sauer: "Die Diskussion über die Priorisierung können wir uns eigentlich sparen. Die findet dank Krankenkassen längst nicht mehr statt." Da die Berechtigungsschreiben offenbar willkürlich versendet wurden, halte er sich bei der Planung strikt an die vorgegebene Reihenfolge der STIKO. Die Impfungen selbst stellen im Praxisalltag keine Hürde dar.

Telefonleitungen glühen

Das ist jedoch nicht bei allen Hausärzten so. Die Mitarbeiterin einer anderen Cuxhavener Praxis klagt ihr Leid: "Unser Arbeitsalltag wird massiv durch die Corona-Schutzimpfungen gestört." Nicht nur glühe die Telefonleitung, vor allem seien die Tage für das Team lang. Das umfangreiche Prozedere und der bürokratische Aufwand für die Impfungen sorgten für Probleme bei der Koordination zulasten des Personals und der Patienten. Andere Hausarztpraxen haben nicht einmal Zeit für ein kurzes Gespräch. Die Antwort auf eine Interview-Anfrage lautet: "Wir haben keine Zeit zu reden, wir müssen impfen."

Impfen in der Schützenhalle

Andere haben für sich ein Konzept entwickelt, um den Praxisalltag insgesamt zu entlasten. So zum Beispiel auch die Praxis de Greck und Dietz in Hemmoor. Dr. Philipp Dietz erklärt: "Um die Ressourcen der Mitarbeiter zu schonen, sind wir in das Schützenhaus meines Heimatdorfs ausgewichen." Alle Corona-Schutzimpfungen der Praxis finden in der Schützenhalle Heeßel statt. Es sind neben medizinischem Fachpersonal auch freiwillige Helfer vor Ort eingesetzt, die beispielsweise Patienten nach der Impfung überwachen.

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Viele Überstunden

Dr. Dietz betont: "Das ist eine großartige Sache. Ohne diese Option hätten wir das nicht wuppen können." Der organisatorische Aufwand sei trotzdem groß, so Dietz. Vor allem die Mitarbeiter der Praxis machen daher viele Sonder- und Überstunden. Auch er habe im Schnitt deutlich weniger Zeit für Patientengespräche. Und die Telefonleitungen seien zu Anfang des Impfangebots heißgelaufen. Das ist mittlerweile nicht mehr so, erklärt Dietz: "Wir halten die Patienten an, ihre Anfragen per E-Mail zu schicken." Die E-Mail-Anmeldung sei eine allgemeine Entlastung für das Praxis-Team. Er arbeite allerdings nun täglich bis spät in die Nacht eine Priorisierungsliste anhand der Empfehlungen der Ständigen Impfkommission aus.

Neues Konzept entwickelt

Die Otterndorfer Praxis von Dr. Stefan Brockmann hat ebenfalls ein Konzept für die Bewältigung der Impfungen entwickelt. Stefan Brockmann berichtet: "Wir haben einen Impftag auserkoren." Jeden Freitagmittag gebe es eine Sondersprechstunde in der Praxis. Die Uhrzeit ändere sich je nach Menge der Impfdosen, die die Praxis erhalten hat. In der Praxis seien die Impfungen ein sehr emotionales Thema. Brockmann merkt an: "Die Patienten sind teilweise den Tränen nahe, weil sie endlich geimpft werden können."

Großer Aufwand für Impfungen

In der Hausarztpraxis von Dr. Ralf Mahler hält sich der Stress bislang in Grenzen. Mahler betont: "Das pure Chaos haben wir hier nicht unbedingt." Die Praxis in Lamstedt bestelle je Woche nur eine gewisse Menge an Patienten für Impfungen ein. Zum einen, weil die wöchentliche Anzahl der Vakzine stark begrenzt sei, zum anderen, weil die Patienten für die zweite Impfung einige Wochen später ein weiteres Mal kommen müssen. Anders könne das die Praxis aber auch nicht stemmen, da der Aufwand für jede einzelne Impfung groß sei: Neben der Verabreichung selbst gehören auch Terminierung, Aufklärung und Nachsorge zum Ablauf.

"Wir müssen da jetzt durch"

Besonders die hohe Terminnachfrage führe auch in Mahlers Praxis zu besetzten Leitungen. Problematisch sei aber vor allem, dass die Patienten von allen Seiten verschiedene Informationen erhalten. Das sorge oftmals für Verwirrung. Mahler sieht das allerdings gelassen: "Wenn wir in Richtung Pakistan und Indien schauen, dann haben wir es hier in Deutschland wirklich gut." Auch, wenn Überorganisation und Bürokratie in Deutschland oftmals für blanke Nerven sorgen, sei es verkehrt, sich unterkriegen zu lassen. Dr. Mahler betont: "Wir müssen da jetzt irgendwie durch. Bald sieht es besser aus."

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