Geschichte

Der Korb war im Cuxhavener Hafen das Maß aller Dinge

03.04.2018

CUXHAVEN. Korbflechterei Hertel: Im Kern des alten Flecken Ritzebüttel, in der Großen Hardewiek, reihte sich vor etwa 100 Jahren ein Handwerksbetrieb an den anderen. (tas)

Stattliche Häuser aus der Gründerzeit erinnern noch heute an diese Zeit. Einer dieser Firmengründer war der Korbmacher Johann Christian August Hertel. Der 1873 in Ritzebüttel geborene Hertel war ein geschäftstüchtiger Mann. Mit dem Aufblühen von Fischerei und Fischverarbeitung in Cuxhaven erkannte der Sohn eines Tischlers seine Chance. Als selbstständiger Korbmacher konnte er gutes Geld verdienen. Die Seefischer aus Finkenwerder und Blankenese und die aufkommenden Fischdampferreedereien waren gute Kunden. Der Weidenkorb war seit Beginn der Seefischerei das Transportgefäß für frischen Fisch. Er war stabil, trotzdem relativ leicht und konnte kostengünstig hergestellt werden. Außerdem hatte der Weidenkorb den Vorteil, dass das Wasser aus dem abtauenden Eis ablaufen konnte. So blieb der Fisch frisch. Das Flechtmaterial Weide war überall günstig zu ernten. Bis Ende der Sechzigerjahre war der Weidenkorb in der Fischerei das Maß aller Dinge. Genau einen Zentner Fisch fasste der Standardkorb. Die Fangmenge jedes Fischdampfers wurde auch in Korb gemessen. So brachten die großen, nach dem Zweiten Weltkrieg gebauten Fischdampfer, wenn es gut lief, bis zu 1000 Korb Frischfisch an den Markt. 1901 hatte Johann Christian August Hertel das dreistöckige Haus in der Großen Hardewiek 41 bauen lassen. Zur Straße hin befand sich der Laden mit einem großen Schaufenster, im Hof die Werkstatt. Heute leben Eduard August Hertel, Enkel des Firmengründers, und dessen Frau im Erdgeschoss des schmucken Hauses. Auf den ersten Blick erinnert nichts mehr an das Gewerbe seines Vaters und Großvaters. Die Ladenräume sind zur Wohnung umgebaut. An die Werkstatt erinnert nur noch eine drei Meter lange und sechzig Zentimeter breite gemauerte Grube im Hof, die sogenannte Weichbütte. Darin wurden die Weidenzweige und das Peddigrohr vor der Verarbeitung einige Tage eingeweicht. Dabei wurde es weich und geschmeidig. Sein Vater habe Korbmacher gelernt, wie auch sein Onkel Emil, erzählt Eduard Hertel. Für ihn kam das nicht mehr infrage, ergänzt der 84-Jährige. Als Elektriker, zuletzt bei den Überlandwerken, habe er sein Geld verdient. In den 1970er-Jahren war es vorbei. Die Körbe fanden keine Abnehmer mehr. Kunststoff verdrängte das Naturmaterial. Während des Zweiten Weltkriegs ruhte der Betrieb bei Familie Hertel. Sein Vater und sein Onkel waren zum Militärdienst eingezogen. Nach dem Krieg arbeitete der Vater weiter in seinem Beruf, allerdings nicht mehr selbstständig, sondern im Angestelltenverhältnis bei der Reederei Nordsee. Bereits Anfang der 1930er-Jahre hatte die Reederei eine eigene Korbflechterei aufgebaut, um die große Zahl an benötigten Behältnissen produzieren zu können. Die Reparatur war eine weitere Aufgabe. Eduards Vater und auch dessen Onkel, Opa und weitere Familienmitglieder arbeiteten in den 1930er-Jahren für die Nordsee. Die Werkstatt soll sich dem Erzählen nach in einem Backsteingebäude an der Kapitän-Alexander-Straße befunden haben (heute Restaurant „Hafenblick“) mit der Zimmerei im Erdgeschoss, der Tischlerei in der ersten Etage und der Korbmacherei in der zweiten. Geschäft und Werkstatt in der Großen Hardewiek liefen in dieser Zeit weiter.

Ausklopfer, Wäschetruhen, Kinderwagen, Rohrstöcke und Körbe jeder Größe aus Weide und Peddigrohr stellten Hertels her. Hin und wieder auch einen Strandkorb besonderer Bauart, wie ihn ein Vermieter aus Duhnen als Strandbüro bevorzugte. Die wichtigsten Kunden blieben aber die Fischer. Sie benötigten die Zentnerkörbe in großer Zahl und Reparaturen waren an der Tagesordnung. Offenbar war der Bedarf so groß, dass die Handwerksrolle im Jahr 1928 vier Korbflechtereien für Cuxhaven ausweist: Neben Hertel, Max Rieckenberg in der Neuen Reihe 6, Berta Reisen in der Wernerstraße 57 und Gustav Wahlgren in der Emmastraße 33. Weide ist ein Naturprodukt und vergänglich. Vermutlich liegt es daran, dass in der Familie nichts außer einem alten Teppichklopfer und einem Firmenstempel heute noch an die Firmengeschichte erinnert.

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