Der Schiffbau in Deutschland steckt in der Corona-Krise. Zahlreiche große Aufträge sind weggebrochen. Foto: Wessels/Meyer Werft
Der Schiffbau in Deutschland steckt in der Corona-Krise. Zahlreiche große Aufträge sind weggebrochen. Foto: Wessels/Meyer Werft
In der Not

Deutscher Schiffbau in Corona-Krise: Nun soll der Staat helfen

07.05.2020

KREIS CUXHAVEN. Der Schiffbau in Deutschland und Europa war bis zur Corona-Krise eine Insel der Seeligen in einer globalen Krisenbranche. Doch nun kommt ein tiefes Loch.

Der Schiffbau in Deutschland steht vor einer schweren Krise, die er ohne staatliche Hilfen nicht überstehen kann. Das ist die übereinstimmende Ansicht der IG Metall Küste und des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Die IG Metall warnte am Donnerstag vor einem Kahlschlag auf deutschen Werften und forderte ein Konjunkturprogramm für den Schiffbau. "Dabei müssen moderne, emissionsarme Technologien im Vordergrund stehen", sagte Bezirksleiter Daniel Friedrich bei einer Video-Konferenz. Es gehe um tausende Industriearbeitsplätze in einer Branche mit einer langfristig guten Perspektive.

Insgesamt beschäftige der Schiffbau in Deutschland mehr als 100 000 Mitarbeiter, die meisten davon in der Zulieferindustrie. Der Verband VSM geht in der Zulieferindustrie von weitaus höheren Zahlen aus und sieht sogar 200 000 Arbeitsplätze in der Branche. Eine Studie im Auftrag der IG Metall Küste kam im vergangenen Jahr auf einen Zuwachs an Beschäftigung von mehr als elf Prozent.

Steigende Aufträge und Umsätze

Die gute Entwicklung der Branche in den vergangenen Jahren mit steigenden Aufträgen und Umsätzen war vor allem auf einen Strategiewechsel des deutschen Schiffbaus nach der Finanzkrise zurückzuführen. Die deutschen und auch die europäischen Werften überließen das Massengeschäft mit großen Containerschiffen, Tankern und Bulkern endgültig den asiatischen Werften in Korea, China und Japan und konzentrierten sich auf High-Tech-Schiffbau.

Aus Deutschland kommen Kreuzfahrtschiffe und Luxusjachten, Fähren und aufwändige Spezialanfertigungen. Der Markt für Passagierschiffe boomte zuletzt, doch auch hier rückt die asiatische Konkurrenz den europäischen Anbietern zunehmend auf den Pelz, mit Preisdruck und staatlicher Schützenhilfe. Nun ist der Markt innerhalb weniger Wochen zusammengebrochen. "Bis 2027 sollten fast 200 Kreuzfahrtschiffe gebaut werden, davon viele in Europa", sagte Friedrich. "Die brauchen die Reeder jetzt erstmal nicht mehr." Die Kreuzfahrtbranche liegt komplett brach und es ist gegenwärtig nicht absehbar, wann wieder Kreuzfahrten angeboten werden. Es gebe aber Signale aus dem Markt, dass die Kreuzfahrt-Passagiere zurückkommen werden, wenn sie es können.

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In Deutschland bedeutet das Kurzarbeit auf den Werften in Ostdeutschland in Stralsund, Wismar und Schwerin sowie bei der Meyer Werft in Papenburg, die gegenwärtig stillstehen. Ebenso die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft, die Fähren baut. Das sind 7000 bis 8000 Arbeitnehmer und damit mehr als ein Drittel der Stammbelegschaften auf den Werften. Auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert, so genannte Leiharbeiter abgebaut. Anderen Werften, die zum Beispiel Jachten bauen oder Marineschiffe oder im Reparaturbereich tätig sind, geht es noch nicht so schlecht.

Keine ausreichenden Mittel

"Wir müssen jetzt die Aufträge strecken", sagte Friedrich. Die Reeder hätten gegenwärtig keine ausreichenden Mittel, um neue Schiffe zu bezahlen und es müsste zunächst das Geschäft wieder in Gang kommen. Das Kurzarbeitergeld solle verlängert und aufgestockt werden, die Arbeitsplätze und Standorte erhalten. Wer staatliches Geld bekomme, dürfe nicht entlassen. "Wir wollen mit allen durch die Krise", sagte Friedrich. Öffentliche Aufträge für Marine- oder Behördenschiffe sollten vorgezogen werden.

Der Schiffbauverband VSM sieht nicht allein die Werften für Kreuzfahrtschiffe in Not. "Es geht um die gesamte Industrie", sagte Hauptgeschäftsführer Reinhard Lüken. Es werde weltweit ein riesiges Loch geben bei den Bestellungen, auch bei den Werften für Frachtschiffe. Das aber seien die Kunden der deutschen Zulieferindustrie. Der Markt werde sicherlich in zwei, drei oder vier Jahren zurückkommen und dann noch komplexere Schiffe verlangen, was den deutschen Werften zugute kommen könne. "Aber nur, wenn es uns noch gibt", sagte Lüken. "Über dieses Loch müssen wir hinwegkommen." (dpa)

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