Tabea Kemme hat ein Jahr mit Höhen und Tiefen hinter sich. Die in Geversdorf aufgewachsene Abwehrspielerin kämpft bis heute mit starken Knieproblemen, machte dann aber im Sommer noch einmal einen großen Karriereschritt: Die 27-Jährige wechselte nach zwölf Jahren in Potsdam nach London zum FC Arsenal. Foto: Böttcher
Tabea Kemme hat ein Jahr mit Höhen und Tiefen hinter sich. Die in Geversdorf aufgewachsene Abwehrspielerin kämpft bis heute mit starken Knieproblemen, machte dann aber im Sommer noch einmal einen großen Karriereschritt: Die 27-Jährige wechselte nach zwölf Jahren in Potsdam nach London zum FC Arsenal. Foto: Böttcher
Fußball

Fußballerin Tabea Kemme will London erobern

17.12.2018

LONDON/GEVERSDORF. Nach zwölf Jahren bei Turbine Potsdam hat Fußball-Nationalspielerin Tabea Kemme im Sommer den Schritt nach London gewagt. Jetzt läuft die Geversdorferin in der englischen Hauptstadt für die Arsenal Women auf.

Nach ihrer schweren Knorpelverletzung im März durfte sie Anfang November im Spiel gegen Birmingham City erstmals Luft in der Women's Super League "schnuppern". Zwischen Training, Physiotherapie sowie dem Erkunden der neuen Heimat berichtet die Fußballerin, die gestern ihren 27. Geburtstag feierte, über die niedersächsische Heimat, die Verbundenheit nach Potsdam, den Stellenwert des Frauenfußballs in England und eine mögliche Rückkehr zur Nationalmannschaft.

Frau Kemme, haben Sie sich schon an den Linksverkehr gewöhnt?

Tabea Kemme: (lacht) Sehr schnell sogar, tatsächlich innerhalb einer Woche. Ich muss aber auch zugeben, dass sich das Auto, das wir vom Verein bekommen haben, meldet, wenn man zu nah am Straßenrand oder am Mittelstreifen ist. Außerdem habe ich meinen Bulli aus Potsdam hergeholt und hatte dadurch viel Übung. Ich bin mit dem Auto sicherer unterwegs als mit dem Fahrrad, dafür ist London nicht so gut geeignet.

Vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: 2018 ist/war für mich…

… ein verletzungsanfälliges Jahr, mein Knie hat mich viel Kraft und Nerven gekostet. Andererseits hatte ich mit dem Wechsel zu Arsenal auch ein Highlight. Ich bin dadurch aus meiner Komfort-Zone rausgekommen, kann jetzt auch mal einen Vergleich ziehen. Das war vorher nie möglich, weil ich ja nur in Potsdam gewesen bin. Nichtsdestotrotz bin ich froh, wenn 2019 da ist und ich hinter diesem Jahr einen Haken machen kann.

Nach zwölf Jahren haben Sie Turbine Potsdam verlassen. Wie schwer fiel das?

Ich glaube, ohne meine Verletzung wäre es mir schwerer gefallen. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken und habe mir immer gesagt, dass ich mit dem Fußball noch mal rumkommen will. Mit der Nationalmannschaft habe ich international schon einiges erlebt, vereinstechnisch wollte ich aber das Ausland nutzen. Ein Wechsel innerhalb der Bundesliga hätte daher keinen Sinn für mich gemacht.

Das Fußball-ABC haben Sie bei der SG Freiburg-Oederquart von 2000 bis 2006 erlernt. Gibt es noch Kontakt zum Verein?

Ich war vor vier Jahren mal bei der Weihnachtsfeier, was sehr amüsant war. Und in dem Dorf, in dem mein Elternhaus steht, gibt es ein kleines Mädchen namens Kari-Lene Stanke. Sie geht mit einem Kemme-Trikot von Turbine Potsdam zum Training und spielt auch bei meiner ersten Trainerin. Ich kenne die Kleine durch ihren Papa, der total fußballverrückt ist und sich sogar Spiele in England anschaut. Ein wenig Kontakt, wenn auch meist über meine Eltern, besteht noch.

Verfolgen Sie die Frauen-Bundesliga?

Also, um ehrlich zu sein, habe ich mich nie viel damit beschäftigt. Jetzt, wo ich nicht mehr in der Liga spiele, aber umso mehr. Der Saisonstart war für die Turbinen etwas holprig, aber nun haben sie einen guten Lauf.

Die Arsenal Women spielen ihre beste Saison in der Vereinsgeschichte. Was macht sie so stark?

Das gesamte Trainerteam schöpft die Möglichkeiten voll aus. Unser Trainer Joe Montemurro beeindruckt mich mit seiner Art und Weise, einen Haufen von 18 Frauen so problemlos zu händeln, ist wirklich tough. Auf dem Platz ist er direkt, weiß genau, was er will und dementsprechend ist auch sein Umgang. Abseits davon könnte man mit ihm auch mal am Abend bei Pasta und Rotwein über das Leben philosophieren. Diese Art von Trainer hätte es wegen der Mentalität in Deutschland sehr schwer.

Englands Frauenfußball kommt in Fahrt. Wie Frauenfußball-verrückt sind die Engländer?

Die Fans sind sinnbildlich dafür, wie es in Potsdam war. Wir haben mit vielen Familien ein klassisches Publikum für den Frauenfußball, vereinzelt aber auch vermeintliche Hooligans, die 90 Minuten durchsingen. Es kommen zwar etwas weniger Zuschauer als in Potsdam, es wirkt aber mehr, weil das Stadion viel kleiner ist als das Karl-Liebknecht-Stadion.

Konnten Sie weitere Unterschiede zwischen England und Deutschland ausmachen?

Englischer Rasen, mehr muss ich nicht sagen. Nein im Ernst, da fallen mir die Trainingsbedingungen ein, die am Luftschiffhafen in Potsdam katastrophal sind. Hier werden jährlich fünf Millionen Pfund nur in die Plätze investiert, weil der Verein sagt, dass das unser Hauptarbeitsmittel ist. Der Support ist bei Männerspielen anders, weil in dieser Millionen-Metropole so viele Kulturen aufeinandertreffen, die den Fußball auf ihre eigene Art und Weise zelebrieren. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal zum Fan werde und es aufregend finde, eine Stunde vor Anpfiff diesen Trubel im Pub mitzuerleben. Aus meiner beruflichen Perspektive als Polizistin wurde ich hier auch positiv überrascht. Beim Premier-League-Spiel zwischen Arsenal und Liverpool habe ich nur zwei Polizeibeamte an der Haltestelle gesehen, und da lief nichts schief. Das kann man sich in Deutschland kaum vorstellen, bei einem Viertligaspiel zwischen Babelsberg 03 und Cottbus ist ja die ganze Stadt dicht.

Es sind noch mehr deutsche Spielerinnen in England aktiv. Warum ist die Women's Super League so attraktiv?

In Deutschland gibt es Wolfsburg, Bayern, Potsdam, Freiburg hat viele Talente, das war es aber auch. Hier in England gibt es Arsenal, Chelsea, Manchester City, Liverpool. Hier haben wir fast jede Woche ein Derby, die Wege sind kürzer. Die Europameisterschaft 2021 in England wird dem Frauenfußball einen Schub geben, den sicher auch deutsche Spielerinnen wahrnehmen werden.

Ihre Vita liest sich mit vier deutschen Meisterschaften, einem Champions-League-Titel, der U20-Weltmeisterschaft und Olympia-Gold sehr beeindruckend. Wann folgt der nächste Titel?

Im Idealfall in einem halben Jahr. Wir haben uns in der Liga eine tolle Ausgangssituation geschaffen, mindestens der zweite Platz, der für die Teilnahme an der Champions League berechtigt, sollte es sein. Wir wollen weiter performen und die Gejagten bleiben. Ich hoffe, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann.

Einen Kurzeinsatz haben Sie im Arsenal-Trikot bislang zu verzeichnen, jetzt pausieren Sie wieder. Kam das Comeback zu früh?

Mein Knie hat noch Knochenödeme, die ich ausheilen lassen muss. Ich bekomme am 28. Dezember noch mal ein MRT-Bild, in der Hoffnung, dass dann alles gut ist und ich nach einem sechswöchigen Aufbau im Februar angreifen kann. Diese Verletzung wird mich aber den Rest meiner Karriere verfolgen, das ist eine langwierige Sache, was für mich und meine Vollgas-Spielweise natürlich schwierig ist.

Seit dem 1. Dezember ist Martina Voss-Tecklenburg Bundestrainerin. Gab es schon Kontakt?

Noch nicht. Sie war aber mal bei einem Turbine-Spiel, um sich die Schweizer Spielerinnen anzuschauen. Ich halte viel von der neuen Bundestrainerin und sehe das sehr optimistisch. Sie hat mit der Schweiz viel erreicht.

Also warten Sie auf einen Anruf?

Ich werde zuerst anrufen, um ihr meinen Status mitzuteilen. Das ist aber noch weit weg für mich. Meine Priorität liegt darin, schmerzfrei mit dem Ball von Linie zu Linie zu rennen.

Das Kapitel Nationalmannschaft ist noch nicht abgeschlossen?

Nein, auf keinen Fall. Da lasse ich mir alle Optionen offen.

Ist die Weltmeisterschaft ein Ziel?

Als ich im Oktober dachte, dass ich meine Verletzung komplett überstanden habe, war es ein kleines Ziel. Das habe ich aber hinten angestellt. Ich will entscheiden, was ich mache und nicht mein Knie.

Zur Person

Tabea Kemme, geboren am 14. Dezember 1991 in Stade, wuchs in Geversdorf auf. Fußballspielen lernte die Polizistin bei der SG Freiburg/Oederquart. Mit 14 Jahren ging sie zu Turbine Potsdam. Seit dieser Saison spielt sie für Arsenal London. Die Abwehrspielerin wurde viermal deutsche Meisterin, Champions-League-Gewinnerin, U20-Weltmeisterin und Olympiasiegerin.

Von Markus Böttcher

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