Hans-Volker Feldmann: Mit zwei Aktentaschen nach Otterndorf umgezogen
Am Hadelner Himmel zieht eine Schauerfront auf. Gleich verdeckt die dicke Regenwolke die fröhliche Sommersonne. Träge fließt die Medem am bunt-blühenden Naturgarten vorbei. Anne Feldmann stupst lachend ihren Mann Hans-Volker an: "Schau dir mal den Himmel an, so ist unser Leben auch: Sonne und Wolken, hell und dunkel".Anne und Hans-Volker Feldmann sind zwei, die sich noch die Meinung sagen, anstatt stumm nebeneinander auf dem Sofa zu sitzen. Die kann durchaus schon mal geteilt sein. Doch es gibt viele Schnittmengen. Kultur in jeglicher Facette ist für sie so ein Verbindungsglied, ebenso wie die Begeisterung für den Sport und die Natur. Und Lehrer waren beide mit Freude und Leidenschaft. Voß beschäftigt beide Klar, dass Anne und Hans-Volker Feldmann es bedauern, nicht mehr zu unterrichten. Dennoch haben sie genug um die Ohren. Wieder aufgenommen hat Anne Feldmann das Klavierspiel, sie wird in Cuxhaven unterrichtet, und außerdem ist da noch die Coronar-Gruppe beim TSV Otterndorf sowie die Begeisterung, gute Konzerte und Ballettaufführungen zu besuchen und Bücher zu lesen. Großes Engagement zeigt sie im Voß-Museum. Gemeinsam mit Kerstin Gräfin von Schwerin führt sie interessierte Besucher durch das Kleinod für Literaturfreunde und ist stolz, wenn auswärtige Besucher positiv überrascht sind von Otterndorfs Identifikation mit dem Odyssee-Übersetzer, der als Zeitgenosse Goethes eigentlich eher ein Schattendasein im Bewusstsein des Literaturbetriebes führt. Johann Heinrich Voß' Leben und Werk ist auch die Domäne von Hans-Volker Feldmann. Es ist für ihn ein Leichtes, ad hoc Gedichte und Zitate abzurufen und es gibt kaum eine Feldmann-Rede ohne Voß-Reminiszenz. Seine Kontaktpflege als Mitglied der Voß- sowie der Winckelmann-Gesellschaft sorgte dafür, dass viele hochkarätige Kulturexperten Otterndorf besuchten. Während Hans-Volker Feldmann durch seine kommunalpolitische Arbeit im Vordergrund stand und steht (in die CDU trat er 1974 wegen der "Existenzgefährdung der Realschulen" ein), hat sich Anne Feldmann ganz bewusst aus diesem Komplex herausgehalten. Sie sei eben ungeeignet dafür, nur "stumm wie ein Buchsbäumchen herumzustehen". Und falschen Beifall spendet sie schon gar nicht, da sagt sie ihrem Mann lieber offen und ehrlich unter vier Augen, was ihr nicht gefällt. Auch wenn es nicht leicht ist, mit solchen Maßstäben beurteilt zu werden, so schätzt Hans-Volker Feldmann die kritische Stimme zu Hause sehr. In der Politik mischt er auf verschiedenen Ebenen mit. Seit über 20 Jahren ist er Vorsitzender des Kreiskulturausschusses. Als Kommunalpolitiker ist er ebenso engagiert wie streitbar, beherrscht die Kunst des heiteren, geschliffenen Bonmots ebenso wie angespitzte Formulierungen, die ganz schön pieksen können. Als Studenten kennen gelernt Kennen lernten sich Anne und Hans-Volker Feldmann vor über 40 Jahren als Sportstudenten in Halle an der Saale. Er war es, der als forscher Wasserballer und Schwimmer die quirlige, attraktive junge Turnerin erobert hatte. Damals in der DDR zu Zeiten des Stalinismus. "Ich wollte mich nicht binden, denn für mich stand fest, dass ich in den Westen rübergehe", erinnert sich Anne Feldmann. Sie stammt aus einem Magdeburger Künstlerhaushalt. Beide Eltern waren Musiker und dankbar, als in der schweren Nachkriegszeit die Oma aus Frankfurt am Main eines ihrer fünf Kinder zu sich holte. So lebte Anne Feldmann bis zum Alter von 15 Jahren in der jungen Demokratie. Nach der Rückkehr nach Magdeburg besuchte sie ein Sportgymnasium und studierte anschließend Germanistik, Literatur und Sport. "Mein Vorteil war, dass ich aus dem Westen kam, so wurde ich mit Glacéhandschuhen angefasst." Hans-Volker Feldmann wurde 1939 in Halle an der Saale geboren. Als Kriegskind lernte er seinen Vater erst im Alter von zehn Jahren kennen, als der aus Russland zurückkehrte. Geprägt von einer "liebevoll-starken Mutter" wuchsen er und seine Schwester auf. "Ich hatte eine absolut glückliche Kindheit." Früh beschäftigt er sich mit Ornithologie. Zweites große Steckenpferd war der Schwimmsport. Hier schaffte er es bis hin zur DDR-Jugendmeisterschaft über 100-Meter-Rücken. Aus seinem Wunschberuf Fischereibiologe wurde nichts. Das durfte er nicht studieren, weil er nicht in der Nationalen Volksmarine gedient hatte. So landete der Wasserballspieler des SC Chemie Halle beim Sport- und Erdkundestudium. Seine herausragenden sportlichen Leistungen waren Eintrittskarte zur Immatrikulation. "Ich war der einzige aus meiner bürgerlichen Klasse, der zum Studium zugelassen war." Aus Kameradschaft wuchs Freundschaft, wuchs Liebe. Aber eines war beiden klar: "In diesem Regime wollen wir keine Familie gründen." Immer mehr kehrten dem totalitären Staat den Rücken. Vielfach war es die Bildungselite, die sich vom real-existierenden Sozialismus nicht vereinnahmen lassen wollte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann Berlin abgeriegelt werden würde. Und Anne Feldmann drängte zur Flucht in den Westen, doch Hans-Volker war sportlich gerade mit seiner Mannschaft erfolgreich. Flucht 1960 Nach bestandenem Examen landete sie als Junglehrerin in Mecklenburg "mitten in tiefster Walachei". Das Zurückdenken ist immer noch von Grausen erfüllt, weil LPG-Bauern ständig auf der Matte standen, um sie nach ihrer Gesinnung zu befragen. Und auch bei Hans-Volker Feldmann lief es in Halle alles andere als glatt. Die Stasi hatte einen seiner Briefe abgefangen, den er mit falschem Absender verfasst hatte. Seine Kommilitonen wurden bereits zur Handschrift befragt. Mit dem Motorrad brauste er im Herbst 1960 zur Freundin nach Mecklenburg. Von dort marschierten sie, "mit dem, was wir am Leibe trugen", getrennt nach West-Berlin, der Freiheit entgegen. Mit dem Goggo gen Süden Die erste Anschaffung war ein Goggo für 30 Mark - sie genossen ihre Freiheit und machten sich auf den Weg nach Süden. Nach Venedig folgte die Ernüchterung in Göttingen. Ihre Examina wurden in nicht anerkannt, die Zeugnisse mussten überprüft werden. Hans-Volker Feldmann schuftete in einem Bergwerk, Anne Feldmann in einer Wäscherei. "Eine schlimme Zeit", erinnern sich beide unisono. Schließlich legten sie ihre Examen ab. Doch die nächste Hürde folgte flugs. "Wir mussten heiraten", schmunzeln beide. Um nämlich als Lehrer an einen Ort versetzt zu werden, und beide wollten unbedingt ans Wasser, war der Trauschein unabdingbar. So feierten sie ihre Hochzeit in der Küche der Pädagogischen Hochschule "für 200 Mark inklusive Kleid". Die Hochzeitsreise ging nach Otterndorf. Mit zwei Aktentaschen zogen sie 1963 hierher, wohnten möbliert auf einem Bauernhof und unterrichteten an der Johann-Heinrich-Voß-Schule. Schnell lebten sich Anne und Hans-Volker Feldmann ein. "Otterndorf war unser Glücksfall, wir fühlten uns hier sofort gut aufgehoben." Die Familie wuchs um die beiden Söhne, auch ein Häuschen wurde gebaut. Heute ist der älteste Sohn Kieferorthopäde in Cuxhaven, während sein Bruder Kapitän auf großer Fahrt und Jurist ist. Bei Ausgrabungen dabei War es früher Zelturlaub in Skandinavien, so wandeln Anne und Hans-Volker Feldmann heute auf den Spuren der Odyssee rund ums Mittelmeer oder beteiligen sich an Ausgrabungen um den Heiligen Nikolaus im türkischen Patara.
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