Das Internet lässt Menschen wieder schreiben - Postkarten. Mit Stift und eigener Schrift an Adressen, die ausgelost werden. Zurück kommen bunte Ansichten aus entfernten Ländern - das nennt sich Postcrossing und entwickelt sich zu einer globalen Massenbewegung. Foto: Martenstein
Das Internet lässt Menschen wieder schreiben - Postkarten. Mit Stift und eigener Schrift an Adressen, die ausgelost werden. Zurück kommen bunte Ansichten aus entfernten Ländern - das nennt sich Postcrossing und entwickelt sich zu einer globalen Massenbewegung. Foto: Martenstein
Internet

Kartengrüße von Wildfremden gehen nach Hemmoor

von Christian Mangels | 27.01.2019

KREIS CUXHAVEN. Wer kennt das nicht? 90 Prozent der Post, die im eigenen Briefkasten landet, sind Rechnungen, Werbung oder Schreiben von Behörden. Bei Ursula Martenstein ist das anders: Die 68 Jahre alte Hemmoorerin erhält das ganze Jahr über farbenfrohe Grüße aus aller Welt.

Die Postkarten kommen aus China, Russland oder Moldawien. Mehr als 300 waren es in den vergangenen fünf Jahren. Und als wäre die Anzahl der Karten nicht schon außergewöhnlich genug: Die Absender sind Ursula Martenstein völlig fremd.

Sie haben sich weder gesehen, noch bislang voneinander gehört. Was Ursula Martenstein und die anderen Menschen aus aller Welt verbindet, ist: Postcrossing. Sie sind Teil eines weltumspannenden Netzwerks von Menschen, die sich Ansichtskarten schicken - ganz analog mit Stift auf Karton und einer Briefmarke in der Ecke oben rechts.

Wer sich im Internet-Portal www.postcrossing.com anmeldet, erhält die Adresse eines anderen zufällig ausgewählten Mitglieds. Er schreibt ihm eine Postkarte und wird gleichzeitig zum Empfänger: Ein anderer Postcrosser schreibt ihm eine Karte zurück. Dieses einfache Prinzip lässt sich beliebig oft wiederholen: Je mehr Karten jemand schreibt, desto mehr landen in seinem eigenen Briefkasten.

2005 ins Leben gerufen

Das Netzwerk wurde 2005 von dem portugiesischen Informatiker Paulo Magalhães ins Leben gerufen. Mehr als 50 Millionen Postkarten wurden seither rund um den Globus verschickt und haben nach Angaben des Portals insgesamt gut 254 Milliarden Kilometer zurückgelegt.

Die Rentnerin Ursula Martenstein hat im Fernsehen einen Beitrag über Postcrossing gesehen und es einfach mal ausprobiert. "Seitdem freue mich jeden Tag darauf, zum Briefkasten zu gehen", sagt die Hemmoorerin. Es sei schön, Eindrücke aus wildfremden Ländern zu erhalten und selbst "etwas von Hand zu verschicken". Die Postkarten geben kleine Einblicke in andere Kulturen - und natürlich schaut Ursula Martenstein auch immer nach, wo die Orte liegen, aus denen sie die Grüße erreichen, als Weiterbildung in Geografie sozusagen.

"Die Absender aus Asien gestalten die Postkarten besonders liebevoll", meint die Rentnerin. "Allein die Handschrift ist dort oft ein kleines Kunstwerk." Geschrieben werden die Karten - mit Ausnahme der Inlandskarten - in englischer Sprache.

Lieblingskunstwerk in Paris

Aber was schreibt man einem völlig fremden Menschen? "Viele schreiben etwas über sich selbst oder über die Stadt, in der sie leben", erläutert die Postcrosserin. So hat sie von einer Französin eine Karte bekommen, die deren Lieblingskunstwerk in einem Pariser Museum zeigt. Eine Chinesin hat eine Zeichnung von Shanghai auf die Karte gekritzelt.

Sie selbst verschickt meist Karten mit norddeutschen Motiven - Leuchttürme, Möwen oder die Schwebefähre. "Manche Leute schreiben in ihrem Profil genau, was sie haben wollen", erklärt Martenstein. So hat ihr jüngst ein Mann aus Südamerika geschrieben, der unbedingt ein Motiv mit Gartenzwerg erhalten wollte.

Klar, Grüße per WhatsApp, Facebook oder SMS zu verschicken, geht schneller und ist günstiger. Doch für Ursula Martenstein kommt das nicht infrage: "So eine Karte ist was Handfestes, die halte ich auch noch in 30 Jahren in den Händen und schaue sie mir an." Postcrossing ist für die Cuxland-Bewohnerin auch Ausdruck für ihre Liebe zur Nostalgie.

Postcrossing

Postcrossing ist kostenlos. Bei der Registrierung müssen die vollständige Postanschrift, ein Benutzername sowie eine E-Mail-Adresse hinterlegt werden. Jeder Benutzer erhält eine für andere Mitglieder einsehbare Profil-Seite. Dort können Interessen und Postkartenwünsche eingetragen werden.

Die bevorzugte Sprache bei Postcrossing und beim Versenden der Karten ist Englisch, damit die Kommunikation weltweit funktioniert. Es ist jedoch auch möglich, sich auf Deutsch zu beschränken. Dann erhält man jedoch eine kleinere Auswahl an potenziellen Empfängern.

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