Die Idylle trügt: Die Krabbenkutter in Wremen bringen nur halb so viel Fang in den Hafen wie in normalen Jahren. Foto: Ulich
Die Idylle trügt: Die Krabbenkutter in Wremen bringen nur halb so viel Fang in den Hafen wie in normalen Jahren. Foto: Ulich
In der Krise

Krabbenfischern aus dem Kreis Cuxhaven steht das Wasser bis zum Hals

04.01.2022

KREIS CUXHAVEN. Die Krabbenfischer der Nordseeküste haben drei schlechte Jahre hinter sich. Und die Aussichten geben kaum Grund zur Hoffnung.

Von Torsten Melchers und Lennart Stock

Nach drei schlechten Jahren in Folge stecken die Krabbenfischer an der gesamten deutschen Nordseeküste tief in der Krise. Betroffen sind auch Fischer aus der Region: "45 Prozent der Betriebe stehen kurz vor der Insolvenz", schätzt Jens Tants aus Spieka. Und Söhnke Thaden aus Fedderwardersiel klagt: "Es wird und wird nicht besser." Der Grund für die Krise: Es wird viel weniger gefangen, aber trotzdem bleiben die Preise im Keller.

"In normalen Jahren kommen unsere Betriebe auf 5000 bis 5500 Tonnen", sagt Kai-Arne Schmidt, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer (EzDK) in Cuxhaven, "aber im gerade abgelaufenen Jahr waren es 3500 Tonnen." Das alleine wäre für die Fischer nicht so schlimm, denn solche Schwankungen sind normal. "Das ist eben die Natur", sagt Tants. Doch diesmal funktioniere der alte Grundsatz der Marktwirtschaft nicht, dass bei geringem Angebot die Preise steigen.

Nur drei Euro pro Kiloprogramm

Die Großhändler haben 2021 im Schnitt etwa drei Euro pro Kilogramm Krabben gezahlt. "Das ist für die Fangmenge, die angelandet wurde, zu gering", sagt Günter Klever, Geschäftsführer von Küstenfischer der Nordsee, einer weiteren großen Erzeugemeinschaft: "Es hätten an die zehn Euro sein müssen." Damit ist 2021 das dritte "besch ... eidene Jahr" hintereinander, wie Krabbenfischer Tants formuliert. Das letzte gute Jahr war 2018. Da waren so viele Krabben in der Nordsee, dass die Großhändler gewaltige Mengen einfroren. Tants fasst die drei Jahre danach so zusammen: "2019 war die Krabbenkrise, 2020 war Corona, da hatten wir keinen Umsatz, und 2021 hatten wir keine Krabben und keinen Preis."

Die Welt für die Fischer scheint aus den Fugen geraten zu sein. Denn zu den niedrigen Fangmengen und den kaum auskömmlichen Erzeugerpreisen kommen weitere Sorgen: Die Betriebskosten steigen (Tants: "Der Sprit ist doppelt so teuer wie vor zwei Jahren"), die Inflation nimmt zu, und eigentlich müsste auch in die immer älter werdende Flotte investiert werden.

Reserven sind aufgebraucht

"Der Winter steht vor der Tür, und es sieht nicht gut aus", sagt Dirk Sander, ebenfalls Geschäftsführer der EzDK: "Nach drei schlechten Jahren sind alle Reserven aufgebraucht." Nach vorläufigen Angaben der Erzeugergemeinschaften sind den deutschen Krabbenfischern im Jahr 2021 halb so viele Krabben ins Netz gegangen wie 2018.

Für 2021 beziffert Philipp Oberdörffer, Fischereiexperte bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, den Umsatz der deutschen Krabbenfischer auf rund 30 Millionen Euro - etwa ein Drittel weniger als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. 2019 waren es gar nur 25 Millionen Euro. "Wenn das so weitergeht, sehe ich da keine wirtschaftliche Zukunft", sagt Oberdörffer.

Die wichtigste Frage ist, wieso der Preis für Krabbenfleisch nicht anzieht, obwohl es große Nachfrage gibt. Laut den Erzeugergemeinschaften funktioniert das System von Angebot und Nachfrage zwischen Krabbenfischern, Großhändlern und Lebensmittelhandel nicht mehr richtig. "Eine total verfahrene Situation", sagt auch Oberdörffer.

"Viele alte Holzschiffe"

Laut Kutterfischer Tants aus Spieka liegt das vor allem an den niederländischen Großhändlern, die den Markt beherrschten. "Die lassen uns so gerade eben überleben." Kai-Arne Schmidt von der EzDK weiß, dass auch die Fischer aus dem Nachbarland eine Rolle spielen: "Früher hat die deutsche Flotte 65 bis 70 Prozent der Menge angelandet, aber seit fünf, sechs Jahren sind die Holländer bei 60 bis 70 Prozent." Dort sei investiert worden in moderne, seegängige Schiffe aus Stahl, "während wir noch viele alte Holzschiffe haben".

Angesichts all dieser Probleme kam dann Corona zur denkbar ungünstigsten Zeit. Die Großhändler aus den Niederlanden kauften kaum noch Krabben, da in Marokkos Krabbenpulfabriken nicht mehr gearbeitet wurde.

Das Pulen ist seit jeher ein Nadelöhr in der Wertschöpfung. Wegen der geringen Fangmengen war das 2021 zwar kein Faktor, sagt Oberdörffer, doch die Händler hätten zunächst die eingelagerten Bestände verkauft, daher sei der Preis tief geblieben. "Es gibt immer einen Versatz in der Krabbenfischerei durch Lager", erklärt der Fischereiexperte. "Wenn das Lager zu einem bestimmten Preis gebildet worden ist, dann ist das auch erst mal der Marktpreis - unabhängig davon, was gerade in der aktuellen Fischerei passiert. Der Preis ist sozusagen eingefroren." Zudem verfügten Großhändler in der Regel über mehrere Monate dauernde Lieferverträge mit Supermärkten und Discountern. Dieses System biete zwar sichere Abnahmen, Preissprünge nach oben seien ähnlich wie bei Milch oder Butter aber langwierig und schwer zu erreichen, erklärt Oberdörffer.

"Die Stimmung kippt"

"In der Mixtur hat das sehr viel Unsicherheit gebracht", sagt Experte Oberdörffer. "Die Stimmung kippt schon Richtung Resignation." Etwas Mut mache den Seeleuten, dass die Lager der Großhändler langsam leer laufen. Auch Kai-Arne Schmidt sieht Licht am Ende des Tunnels. Mit Blick aufs Jahr 2022 sagt er: "Wir sind auf dem Sprung, die Abstiegsplätze zu verlassen." Und auch, wenn Krabbenfischer Tants um seine Existenz bangt, gibt er nicht auf: "So lange es geht, fahren wir raus."

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