Am 12. Mai gingen Beschäftigte der Helios-Klinik Cuxhaven erstmals für einen Warnstreik auf die Straße. Der in der Woche darauf folgende Verhandlungstag ist abermals ohne Einigung zu Ende gegangen. Der Konzern erhebt scharfe Kritik. Foto: Reese-Winne
Cuxhaven eindeutig mit Sonderstatus

Krankenhaus Cuxhaven: Helios vermisst bei Verdi Realitätssinn

von Redaktion | 23.05.2022

CUXHAVEN. Ergebnislos ist die dritte Tarifrunde zwischen der Gewerkschaft Verdi und acht Helios-Kliniken in Niedersachsen - darunter auch der in Cuxhaven - zu Ende gegangen. Der Ton wird schärfer.

"Wir können nicht erkennen, dass Verdi ernsthaft verhandeln will. Die geforderten Tarifanpassungen sind utopisch und lassen jeglichen Realitätssinn vermissen", sagt Regionalgeschäftsführer Reiner Micholka (Region West), verantwortlich für drei von acht niedersächsischen Helios- Kliniken.

In einer Pressemitteilung äußert sich der Konzern zu derzeitigen Lage, die unlängst zu Warnstreiks an den Klinikstandorten geführt hat: Verdi möchte eine Entgeltsteigerung von 15 Prozent für ein Jahr sowie eine Corona-Prämie von 1500 Euro erstreiten und fördere zudem eine Anhebung der Jahressonderzahlung auf 100 Prozent.

"In die Irre geführt"

"Offensichtlich betreibt Verdi durch absurde Gehaltsforderungen aggressive Mitgliederwerbung. Unser Pflegepersonal wird durch die Fantasiebeträge leider völlig in die Irre geführt", sagt Franzel Simon, Regionalgeschäftsführer Region Nord, der für die anderen fünf der acht Kliniken in Niedersachsen - auch Cuxhaven - verantwortlich ist. "Unseren Mitarbeiter:innen soll vorgegaukelt werden, dass es hier riesige Spielräume gibt. Das ist schlichtweg falsch", sagt Simon.

Eigenes Angebot als "fair" beurteilt

Helios sei selbst mit einem fairen Angebot in die Verhandlungen gegangen: 4,6 Prozent mehr Gehalt für die nächsten zwei Jahre. Hinzu kämen konkrete Angebote zu einer Corona-Zahlung, der Pflegezulage und im Bereich der Jahressonderzahlung.

Cuxhaven eindeutig mit Sonderstatus

Für die Klinik in Cuxhaven sehe Helios darüber hinaus noch weiteren Handlungsbedarf. Daher sei ein standortindividuelles Angebot, zusätzlich zu allen Punkten im Verhandlungsverbund, eingebracht worden. Trotzdem habe sich Verdi keinen Millimeter auf das Verhandlungsangebot zubewegt.

"Märchen erzählt"

"Stattdessen wird weiter das Märchen erzählt, dass Pflegekräfte bei uns schlecht verdienen. Nachweislich ist die Situation aber eine ganz andere: Mit unseren Haustarifen liegen wir im und zum Teil sogar über dem Branchenschnitt", sagt Reiner Micholka. Seit 2018 hätten die Helios- Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in Niedersachsen einen Reallohnzuwachs von 9,7 Prozent. Der Kaufkraftverlust durch die steigende Inflationsrate sei damit bereits eingerechnet. In den vergangenen fünf Jahren hätten die jährlichen Tarifanpassungen zwischen 3,4 und 5,0 Prozent - also deutlich über der Inflationsrate - gelegen. "Das zeigt eindeutig, wie überzogen und unangemessen die Verdi-Forderung ist, die in dieser Höhe deutschlandweit und über alle Branchen hinweg völlig aus dem Rahmen fällt", sagt Franzel Simon.

Investitionskraft bewahren

Helios habe durch die Regulierung im Gesundheitssystem keine wesentlichen Möglichkeiten, selbst die Einnahmen zu erhöhen. "Daher müssen wir die Balance zur Ausgabenseite halten, um auch weiter in unsere Häuser investieren zu können. Denn nur mit weiteren Investitionen können wir im harten Wettbewerb bestehen und auch in Zukunft qualitativ hochwertige medizinische Leistungen für unsere Patientinnen und Patienten anbieten."

Ferner monieren die beiden Regionalgeschäftsführer, dass in der Öffentlichkeit ein völlig verzerrtes Bild von der Einkommenssituation von Pflegekräften entstanden sei, das Verdi auszunutzen versuche.

"Finanziell attraktiv"

Dabei sei der Pflegeberuf im Verhältnis zu vergleichbaren Berufen auch finanziell attraktiv. Laut Statistischem Bundesamt hätten vollzeitbeschäftigte Pflegekräfte in Krankenhäusern im Jahr 2021 brutto durchschnittlich 34 Prozent mehr als 2011 verdient; in der Gesamtwirtschaft (produzierendes Gewerbe und Dienstleistungen) habe diese Steigerung nur 21,7 Prozent betragen.

Gesundheits- und Krankenpfleger hätten im Jahr 2021 durchschnittlich 3697 Euro brutto im Monat verdient; überdurchschnittlich im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Beschäftigte mit vergleichbarer Qualifikation (produzierendes Gewerbe und Dienstleistungen) hätten durchschnittlich 3399 Euro erhalten. Damit liege der monatliche Bruttoverdienst von Krankenpflegekräften um 8,8 Prozent über dem der Beschäftigten mit vergleichbarer Qualifikation.

Dennoch betonen beide Helios-Regionalgeschäftsführer ihre Bereitschaft, auch in diesem Jahr eine angemessene Lohnsteigerung mitzutragen. "Unser faires Angebot liegt auf dem Tisch. Unter der Maßgabe, dass Verdi zu seriösen Gesprächen bereit ist, haben wir bereits dem nächsten Verhandlungstermin zugestimmt." Zudem appellieren Simon und Micholka, die Tarifverhandlungen nicht durch Streiks auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten auszutragen.

CNV-Nachrichten-Newsletter

Hier können Sie sich für unseren CNV-Newsletter mit den aktuellen und wichtigsten Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven anmelden.

Die wichtigsten Meldungen aktuell



Redaktion

Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung
Tel.: 04721 585 360

redaktion@no-spamcuxonline.de

Lesen Sie auch...
Abenteuersommer Altenwalde

Cuxhaven: Ferienaktion für Kinder mit neuem Rekord - und am Ende winkt Brennholz

von Maren Reese-Winne | 11.08.2022

CUXHAVEN-ALTENWALDE. Wer sich derzeit über den Menschenauflauf morgens am Altenwalder Bürgerpark wundert: Das hat mit der Aktion "Hammer - Das Bretterdorf" zu tun.

Verkehr

Ärger am Bahnhof Cuxhaven: Autofahrer blockieren Behindertenparkplätze

von Jens Potschka | 11.08.2022

CUXHAVEN. Am Bahnhof hat die Stadt Cuxhaven fünf sogenannte "Kiss & Ride"-Plätze eingerichtet. Diese werden jedoch kaum genutzt - stattdessen stehen viele Autofahrer in verbotenen Zonen

Drohneneinsätze

Jedes Jahr rettet die Jägerschaft Land Hadeln/Cuxhaven Rehkitze vor dem Tod

von Tim Fischer | 11.08.2022

KREIS CUXHAVEN. Jedes Jahr sterben viele Rehkitze auf den Feldern durch Mähwerke. Auch in diesem Jahr gab es deshalb einige Rettungsaktionen um die kleinen Tiere im Cuxland zu schützen. 

Schnäppchenjagd

Trödelfieber: Flohmärkte im Kreis Cuxhaven locken seit 50 Jahren mit Ramsch und Raritäten

von Christian Mangels | 11.08.2022

CUXHAVEN. Am 12. August 1972 ging der erste Flohmarkt an der Elbmündung über die Bühne. Angeboten wurde unter anderem ein Oldtimer für 201.000 Mark.