"Lenzsch und Tochter" sind Schausteller aus Leidenschaft
HEMMOOR. Virginia Lenzsch und ihre Tochter Jasmin Hinsch sind Schausteller. Sie sind im Kreis Cuxhaven und über ihre Grenzen hinaus bekannt, zogen von Markt zu Markt - bis Corona kam.
Virginia Lenzsch und ihre Tochter Jasmin Hinsch sind Schausteller durch und durch. Die 66-Jährige und ihre 24 Jahre jüngere Tochter sind als "Lenzsch und Tochter" seit Jahrzehnten in der Region bekannt und fallen allein schon durch ihre markanten rot-weißen Schürzen auf. Die Corona-Pandemie hat beiden - wie vielen anderen Schaustellern auch - stark zugesetzt, aber unterkriegen lassen sie sich davon nicht.
Für Lenzsch und Hinsch brach während der Pandemie eine Welt zusammen: Waren sie es bis dahin gewohnt, den Großteil des Jahres durch die Region zu touren, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, war von jetzt auf gleich vorübergehend Schluss damit. Plötzlich ging es für sie ums Überleben. Um dieses zu sichern, öffneten die beiden ihren Imbiss-Stand am Kreisel im Hemmoorer Zentrum an der Portland-Apotheke. "Dort haben wir jeden Morgen eine Bratwurst gegessen - aber jeder nur eine halbe, wir sind ja vernünftig", berichtet Jasmin Hinsch. "Im Zentrum von Hemmoor waren wir streng an Öffnungszeiten gebunden. Da war man nicht so frei, wie in unserem normalen Leben."
Reise von Markt zu Markt
Normalerweise reisen die beiden von März bis zum 23. Dezember von Markt zu Markt, von Schützenfest zu Schützenfest und bieten ihre Waren, Bratwurst, Pommes, Hamburger oder auch Hot Dogs an. "Die Kirchturmspitze ist uns wichtig" erklärt Virginia Lenzsch, die gebürtig aus Cadenberge stammt, warum sie nicht weiter als Buxtehude oder Haseldorf in Schleswig-Holstein ziehen. Das ist auch der Grund dafür, warum das Mutter-Tochter-Gespann im Cuxland so bekannt ist. Und obwohl ihr Standort in Hemmoor denkbar nah an der Heimat war, machte dies die beiden nicht so glücklich wie das Umherziehen in Niedersachsens Küstenregion. "So ein bisschen hat man sich gefühlt wie ein Vogel im Käfig", sagt Virginia Lenzsch. "Dieser Wahnsinn, dieses Hektische, dieser Stress: Das macht unseren Beruf aus. Das Unberechenbare. In Hemmoor am Kreisel war absolute Ruhe."
Die Kunden dort wären einfach andere gewesen, zwar gute und auch viele neue, aber eben nicht dieselben wie auf den Märkten. Und auch wenn es dort eben nicht dasselbe war wie sonst, ist es beiden sehr wichtig sich bei Christian Förster von der Portland-Apotheke zu bedanken. "Er hat es geduldet, dass wir auf seinem Grundstück neben der Apotheke stehen. Sonst weiß ich nicht, wie wir zurechtgekommen wären", sagt Lenzsch. "Wir sind sehr dankbar und wir haben jederzeit die Möglichkeit, dorthin zurückzugehen."
Viel Arbeit für die Schausteller
Nicht nur in der Corona-Zeit ist das Leben eines Schaustellers schwer. Auch sonst beschreibt Virginia Lenzsch ihr Dasein als "ganz hartes Brot". Neben der für die Gäste offensichtlichen Arbeit des Verkaufes an den Wochenenden fallen zudem noch Auf- und Abbauarbeiten sowie Reinigung und Reparatur an. "Und wie überall nimmt auch bei uns die Büroarbeit immer weiter zu", ergänzt Jasmin Hinsch. Hinzu komme, dass die beiden als Schausteller selbstständig sind und somit jeder freie Tag bedeute, die Arbeit nur aufgeschoben zu haben.
Immerhin sei das Arbeitspensum durch die hygienischen Anforderungen im Zuge der Pandemie nicht gestiegen, da die beiden eigenen Angaben zufolge auch schon vor der Pandemie auf fast jedem Markt kontrolliert worden seien. "Ja, zum Glück, und das ist gut so," sagt Jasmin Hinsch.
Trotz der schweren Arbeit hatte sie sich aber nie etwas anderes vorstellen können als im Imbiss zu arbeiten. Nach der Schule absolvierte sie noch die höhere Handelsschule in Cadenberge und stieg dann direkt in den Betrieb ein. "Ich wollte, dass sie noch das Fachabitur in Cuxhaven macht", sagt ihre Mutter dazu. Allerdings habe sie ihren beruflich eingeschlagenen Weg nie bereut, so Hinsch.
Schon ihre Großeltern seien hart im Nehmen gewesen. Der Opa von Hinsch, der den Schausteller-Betrieb der Familie bereits in dritter Generation führte, habe es während des Nationalsozialismus nicht einfach gehabt. Waren Schausteller doch in Deutschland damals sehr schlecht angesehen. Schon mit 15 Jahren wurde er während des 2. Weltkriegs an die Front nach Russland geschickt.
"Aber mein Vater hat es überstanden. Er ist dann mit dem Fahrrad über die Steiermark nach Hause gekommen. Dann hat er eine Bäckerlehre gemacht, was er aber nicht konnte", berichtet Lenzsch. "In dieser wirren Nachkriegszeit hat er sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und fing dann später mit der Selbstständigkeit an." Das nun in der fünften Generation geführte Unternehmen möchte die 66-Jährige noch lange weiterführen. "Bis ich tot umfalle", sagt Lenzsch. "Und wenn es im Verkauf vielleicht nicht mehr geht, macht sie im Hintergrund weiter. Mein Opa ist mit 94 Jahren gestorben und der hat uns bis zum letzten Tag unterstützt. Er hat uns das Frühstück gemacht, Mittag und hat uns den Rücken freigehalten." Und wenn es darauf angekommen sei, habe er sogar die Schürzen gebügelt.
Eine große Familie
Das Familienleben ist für die Schaustellerinnen sehr wichtig. "Eigentlich ist das eine große Familie. Manchmal versteht man sich besser, manchmal eben nicht so gut. Eben wie in einer großen Familie" erklärt Hinsch ihr Verhältnis zu den Schaustellerkollegen. Auch der Umgang mit den Älteren in ihren Reihen scheint besonders relevant zu sein. "Die Älteren bleiben immer ein Teil der ganzen Sache. Wichtige Fragen werden immer im Familienverbund besprochen. Die Älteren altern so auch nicht so schnell, weil sie immer mit gefordert werden."
Auch wenn ihr Vater inzwischen verstorben ist, wendet sich Virginia Lenzsch in Gedanken immer noch an ihn, um sich in Erinnerung zu rufen, wie er wohl entschieden hätte: "Mir fällt dann auch immer ein, was er gesagt hätte, weil wir immer verbunden waren. Bis jetzt haben wir noch nichts falsch entschieden."
"Schausteller ist man"
Ob auch die sechste Generation in Person des 13-jährigen Sohnes von Hinsch den Familien-Betrieb weiterführen wird, sei noch unklar. "Das müssen wir abwarten, aber wir beide glauben es nicht. Irgendwie hofft man es ja, weil es schade wäre, wenn der Betrieb nicht weitergeführt werden würde." Mutter und Tochter würden es allerdings akzeptieren, wenn der Nachwuchs sich gegen eine Fortführung des Familienbetriebs entscheiden würde, zumal auch der Lebensgefährte von Jasmin Hinsch, der als Maschinenbauer arbeitet, wohl nicht für die Arbeit im Jahrmarkt-Imbiss gemacht sei. Virginia Lenzsch ist sich zudem sicher, dass man diesen Beruf nicht lernen könne: "Schausteller kann man nicht werden, das ist man!"
Nachdem Lenzsch und Tochter jüngst auf den Märkten in Selsingen und in Hemmoor waren, freuen sie sich schon auf ihre nächsten Veranstaltungen in Horneburg und den vorbehaltlich der aktuellen Pandemie-Lage stattfindenden Herbstmarkt in Cadenberge vom 16. bis 18. Oktober. "Die Wertschätzung ist in der Corona-Zeit größer geworden", berichtet Jasmin Hinsch zufrieden von den letzten beiden Märkten. "Wir hoffen, dass wir unseren Job 2022 wieder so ausüben können, wie er mal war" ergänzt ihre Mutter und wendet sich wieder dem Betrieb im Imbiss zu.
Von Dominik Steffens
Google News
Wenn Sie etwas googeln, bekommen Sie neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt. Wenn Sie CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinterlegen, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für Sie auf. Hier CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinzufügen.
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.