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"Rollende Redaktion"

Mangelnde Zustände am Gymnasium Warstade

08.02.2017 Zuletzt aktualisiert: 21.07.2022 13:29 Uhr

HEMMOOR. In vier Jahren wird Friederike Hauschild mitten in den Vorbereitungen für ihre Abiturprüfungen stecken. Vier Jahre - eine lange Zeit. Von Egbert Schröder

Aber wird ihre Schule – das Gymnasium Warstade – bis dahin mit modernen und zusätzlichen Räumlichkeiten ausgestattet sein? Ist der in Leichtbauweise gebaute „Pappkarton“ bis dahin Geschichte? Nicht nur Friederike hat da so ihre Zweifel – das wurde am Dienstagabend bei der „Rollenden Redaktion“ der Niederelbe-Zeitung deutlich.

Das Prinzip der „Rollenden Redaktion“: Bei brisanten Themen möchte die NEZ Verantwortliche und Betroffene an einen Tisch holen und die Gelegenheit für Fragen, Kritik und Anregungen bieten – so wie am Dienstagabend bei der Diskussion am Gymnasium Warstade.

Seit Jahren und mittlerweile Jahrzehnten bemängeln Lehrer, Schüler und Eltern zahlreiche bauliche Zustände und eine unzureichende Ausstattung mit modernem Mobiliar und Geräten für den Unterricht. Hinzu kommt die Situation in den Klassenräumen, die im „Pappkarton“ untergebracht sind: Um eine Gesundheitsgefährdung durch eine Schimmelpilzbelastung zu vermeiden, werden besondere Hygienemaßnahmen durch eine spezielle Reinigung und regelmäßiges Lüften umgesetzt.

Kein Dauerzustand

Dass dies kein Dauerzustand sein kann, ist allgemeiner Konsens. Aber wie lange ist ein Unterricht dort unter diesen Umständen überhaupt noch tragbar? Über diese und andere Fragen diskutierten – unter der Moderation von NEZ-Redaktionsleiter Felix Weiper – rund 70 Zuhörer mit Schulleiter Thomas Kranenberg, dem Schuldezernenten beim Landkreis Cuxhaven, Friedrich Redeker, den Kreistagspolitikern Lasse Weritz (CDU) und Gunnar Wegener (SPD), Samtgemeindebürgermeister Dirk Brauer sowie den Sprecherinnen des Schülerrates, Friederike Hauschild, des Personalrates, Rita Umland-Nekarda, und des Elternrates, Susanne Kuhlmann.

In der ebenso sachlich wie leidenschaftlich und zum Teil emotional geführten Diskussion wurde die Vielschichtigkeit der Problematik am Gymnasium deutlich. So schilderten Lehrerinnen und auch Mütter von Schülerinnen und Schülern eindrucksvoll, dass trotz der zusätzlichen Reinigungs- und Belüftungsmaßnahmen im „Pappkarton“ immer noch dicke Luft – gerade für Menschen mit Atemwegserkrankungen – herrsche: „Die Schule macht mich krank“, so eine junge Lehrerin.

Container-Variante?

Redeker sowie Weritz und Wegener verwiesen darauf, dass aus Sicht des Gutachters eigentlich die getroffenen Maßnahmen ausreichen müssten, um übergangsweise in den Räumen weiterhin unterrichten zu können. Zudem erfolgten weitere Raumluftmessungen, um gesundheitliche Beeinträchtigungen zu vermeiden. Sei Unterricht dort nicht mehr zumutbar, werde es zu einer Ersatzlösung durch Container kommen.

Aber wann ist die Grenze des Zumutbaren erreicht? Das Schulelternratsmitglied Dr. Rüdiger Hauschild – er ist Biologe und hat sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt – wies darauf hin, dass konkrete Grenzwerte für eine Belastung durch Schimmelsporen nicht existieren würden.

Doch der „Pappkarton“ ist nicht die einzige thematische Baustelle am Gymnasium. So listete Schulleiter Thomas Kranenberg eine ganze Reihe von Mängeln auf, die Millionen-Investitionen in die Schule rechtfertigen würden (siehe auch Bericht unten).

Millionen-Investitionen

Wanderklassen wegen fehlender Unterrichtsräume, keine Mensa, kein Konferenzzimmer oder Aufenthaltsräume für Fahr- und Oberstufenschüler: Es muss dringend gebaut werden. Lasse Weritz und Gunnar Wegener verwiesen in diesem Zusammenhang auf das gerade geschnürte Investitionspaket des Kreistages, in dem jährlich zehn Millionen Euro für Neubau- und Sanierungsarbeiten an den kreiseigenen Schulen enthalten sind.

Wann und wo investiert wird, stehe jedoch noch nicht fest, da es bislang keine Prioritätenliste gibt. Für die Schulen, die nachweislich den größten Investitionsstau hätten, werden aber einzelne Arbeitsgruppen eingerichtet, die den Istzustand analysieren und Empfehlungen abgeben. Für das Gymnasium Warstade – so Redeker – soll noch in diesem Moment eine entsprechende Gruppe erstmals tagen. Gunnar Wegener dämpfte allerdings die Erwartungen, dass in ein oder zwei Jahren neue Räumlichkeiten am Gymnasium in Hemmoor bezugsfertig sein werden: „In Otterndorf haben wir von der Planung bis zum Ende der Bauarbeiten fünf Jahre benötigt.“

Damit steht für Friederike Hauschild wohl heute schon fest: Wenn sie Abitur macht, sind die Bauarbeiten nicht abgeschlossen, haben aber hoffentlich schon begonnen...

Mängelliste:

Der Leiter des Warstader Gymnasiums, Thomas Kranenberg, zeigte gleich zu Beginn der Veranstaltung „Rollende Redaktion“ in einem Vortrag die Schwachstellen der Schule auf. Nachfolgend einige seiner Aussagen:

Sanierungsstau: „Das Gymnasium krankt daran, dass wesentliche Gebäudeteile und ihre Einrichtung seit Jahrzehnten nicht erneuert, geschweige denn saniert wurden.“

„Geringschätzung“: „In der pädagogischen Literatur findet sich zuhauf die Erkenntnis, dass Schülerinnen und Schüler unbewusst, aber treffsicher spüren, welche Geringschätzung ihnen die Gesellschaft entgegenbringt, wenn ihr Lernumfeld nicht stimmt, also dann, wenn es wie hier aus verschmutzten, muffelig riechenden Teppichböden, bekritzelten und löchrigen Möbeln, herabhängenden, ungewaschenen Gardinen, losen Deckenvertäfelungen und undichten Flachdächern besteht. Auf ein solches Lernumfeld treffen unsere Schülerinnen und Schüler leider täglich.“

Istzustand: „Meine Bestandsaufnahme seit 2012 stimmt bedenklich: marode Gebäudeteile, viele Jahrzehnte altes, längst abgängiges Mobiliar, zu wenige Klassenräume, was wiederum zu sogenannten Wanderklassen führt, keine Aula, keine Mensa, kein Aufenthaltsraum für Schüler in der Mittagspause, kein Aufenthaltsraum für Fahrschüler, kein Konferenzraum!“

„Wanderklassen“: „Das Schicksal der Wanderklassen teilen derzeit drei Klassen. Nach Einführung des ‘G9’ werden weitere drei bis vier Klassen betroffen sein. Also: Sechs bis sieben Wanderklassen ohne eigenen Klassenraum! Es kommt hinzu, dass im Zeitalter der Inklusion weitere Räume zur Verfügung stehen müssen, in denen differenzierter Unterricht für Kleingruppen erteilt werden kann. Es bleibt festzuhalten, dass am Gymnasium Warstade in Kürze ein Defizit von rund zehn Klassenräumen besteht.“

Aufenthaltsraum: „Im Gymnasium gibt es keinen einzigen Aufenthaltsraum für Schülerinnen und Schüler.“ Sicherheit: „Der ‘Chemieraum 2’ ist ein innenliegender Raum. Die hörsaalgemäße Einrichtung dieses Chemieraumes legt nahe, dass dieser Fachraum besonders für Lehrerdemonstrationsversuche ausgelegt ist. Der Lehrertisch bietet zahlreiche Anschlussmöglichkeiten, die Schülerinnen und Schüler sehen mangels eigener Möglichkeiten zu. Voraussetzung ist jedoch, dass die Lehrkraft zuvor die Türen zum Flur geöffnet hat, denn die vorhandene Entlüftung ist unzureichend und Fenster existieren erst gar nicht. Können hier wirklich alle Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden?“

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