Nach Diebstahl in Cadenberge: Wertvolle Bibel nach fünf Jahren wieder da
WINGST. Selbst die kühnsten Optimisten hätten nicht daran geglaubt, dass die Bugenhagen-Bibel ihren Weg zurück in die Wingst findet.
Zu mysteriös waren die Umstände ihres Verschwindens. Zu verworren ihre Wege in der Zwischenzeit. Umso schöner war es für die Mitglieder und Verantwortlichen der Kirchengemeinde Cadenberge-Wingst, ihre Bibel fast unversehrt wieder in Empfang nehmen zu dürfen.
Mit einem Freiluft-Gottesdienst vor dem Bugenhagenhaus in der Wingst wurde die Rückgabe des wertvollen Buches gefeiert. Pastor Bert Hitzegrad skizzierte dabei zunächst den Weg der 487 Jahre alten Bibel in die Wingst. In den Nachkriegsjahren sei der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus in der Wingst immer größer geworden. Viele zugewanderte oder geflüchtete Menschen ließen sich dort nieder. Ihnen war der Weg zum Gottesdienst nach Cadenberge zu weit. Amerikanische Auswanderer, die Familien Fick und Winter, hörten den Wunsch nach einem eigenen Kirchenraum, sammelten dafür Geld und griffen selbst tief ins Portemonnaie. Nach nur anderthalb Jahren Bauzeit wurde das Bugenhagenhaus am 23. Juni 1957 feierlich eingeweiht.
Bleibendes Andenken
Die kleine Kirche in Westerhamm erhielt ihren Namen von einem Mitstreiter Martin Luthers, Johannes Bugenhagen. Denn zur Einweihung des Baus schenkte August Winter der Kirchengemeinde eine historische Bibel. Sie trägt die Inschrift: "Diese Niederdeutsche plattdeutsche Luther Bibel vom Jahre 1533 ist als bleibendes Andenken dem kirchlichen Gemeindehaus zu Westerhamm, Wingst am Tage der Einweihung, am 23. Juni 1957 von der Familie August Winter, zu Holz, Westerhamm gestiftet."
Bis zu ihrem Diebstahl am 20. September 2014 wurde die Bibel immer zur Feier des Kirchweihfestes aus dem Tresor geholt und der Öffentlichkeit präsentiert. Bedeutend ist sie, weil sie noch vor der ersten hochdeutschen Bibel von Martin Luther als Gesamtausgabe im Jahr 1533 erschien. Von ihr gibt es nur noch wenige erhaltene Originalausgaben: in München, Berlin, Braunschweig und nun auch wieder in Westerhamm. Die damalige Pfarrsekretärin Birgit Gerdts kann sich gut an die böse Überraschung, das zersplitterte Fenster und das angerichtete Chaos erinnern. "Bis dahin konnte ich nicht glauben, dass Menschen in Kirchen oder Gemeindehäuser einbrechen. Das Bild des leeren Tresors vergesse ich wohl nicht mehr", sagt sie.
Aktenzeichen XY
Die Ermittlungen leitete Kriminalhauptkommissar Dirk Stehrenberg. Für ihn und sein Team war dies ein Fall in einer ganzen Reihe von Kircheneinbrüchen. Viel Hoffnung auf eine Wiederbeschaffung der Bibel machte er den Cadenbergern damals nicht. "Im Regelfall landen solche wertvollen Stücke in privaten Sammlungen und tauchen nicht mehr. Schlimmstenfalls werden sie sogar vernichtet." Trotzdem geht Stehrenberg mit dem Fall an die Öffentlichkeit, nutzte die Gelegenheit, ihn in einer Sondersendung von "Aktenzeichen XY" vorzustellen. Es gab viele Rückmeldungen, aber nichts Konkretes.
Bewegung in die Sache kam erst im Februar 2019. Ein Mann aus dem Rockermilieu trat an den "Spiegel TV"-Reporter Claas Meyer-Heuer heran. Er bot ihm eine Bibel an, die er von einem Dieb bekommen haben will, der damit seine Spielschulden begleichen wollte. Der Rocker sah die gestohlene Bibel angeblich als schlechtes Omen, gab sie dem Journalisten, damit dieser sie zur Polizei bringen konnte. Der Reporter erinnerte sich an den Diebstahl in Cadenberge und legte auf dem Weg zur Cuxhavener Polizei beim ehemaligen Superintendenten Hilmar Menke einen Zwischenstopp ein. Menke erkannte die Bibel sofort wieder - auch an dem roten Stoffbeutel, den seine Frau Irene eigens für den Transport des wertvollen Buches angefertigt hatte. Da Journalisten das Recht haben, ihre Quellen zu verschweigen, ließ sich der Weg von der Bibel zu den möglichen Einbrechern nicht ermitteln.
Aufwendige Spurensuche
Stattdessen folgte eine aufwendige Untersuchung der Bibel auf Spuren. Jede Seite wurde einzeln mit Spezialgeräten abgetastet. "Ob dass zu den Tätern führen wird, wissen wir nicht. Aber die Technik schreitet immer weiter voran und vielleicht landen wir doch irgendwann einen Treffer", erläutert Kriminalhauptkommissar Stehrenberg die Vorgehensweise. Ihm war es dann auch vorbehalten, die Bibel wieder an die Gemeinde zurück zu geben.
Sicher verwahrt
Der Dank dafür war Stehrenberg gewiss. Genauso wie der Umstand, dass die Bugenhagen-Bibel künftig an einem sicheren Ort gelagert würde. "Das wird nicht unter meinen Bett sein", fügte Pastor Bert Hitzegrad hinzu. Einmal im Jahr, zum Kirchweihfest am 23. Juni wird Küsterin Susanne Bebba sie dann in die kleine Kirche holen. Bis dahin sind alle Beteiligten einfach nur froh, dass der Fall jetzt abgeschlossen ist. "Mit der Bugenhagen-Bibel gehen wir ein Stück zurück in der Geschichte der Christen und der Westerhammer, die sich eine Kirche wünschten. Die plattdeutsche Bibel ist aber auch ein Ausdruck dafür, dass Gott den Menschen nahe ist, dass er ihre Sprache spricht, Zukunft, Orientierung und immer wieder neue Hoffnung schenkt", sagt Bert Hitzegrad.
Von Thomas Schult
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