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Wattkutscher in der Klemme

Neuwerk bald kaum noch zu erreichen

12.07.2018 Zuletzt aktualisiert: 24.07.2022 08:14 Uhr

CUXHAVEN/NEUWERK. Die kleine Insel Neuwerk ist immer schwerer vom Festland aus zu erreichen. Die Zukunft der über 100 Jahre alten Kutschenverbingung zwischen Cuxhaven und dem grünen Eiland ist ungewiss. Grund ist ein immer tiefer werdender Priel, den die Kutschen bei bestimmten Wasserständen nicht mehr sicher durchfahren können. Von Thomas Sassen

Seit vergangener Woche ist das Problem nicht mehr zu übersehen: Der Wasserstand steigt und die beiden Priele im Cuxhavener Watt werden immer tiefer. Neuwerk verliert zunehmend den Anschluss an das Festland. Immer häufiger müssen die Wattwagen vor dem Priel warten oder sogar umkehren. Thomas Fischer, Wattwagenfahrer von der Insel, befürchtet gar, das Neuwerk in wenigen Jahren gar nicht mehr mit Kutsche oder Trecker zu erreichen sein wird. Gleichzeitig bemüht sich die Politik um Arbeitskräfte für das Eiland.

Den Leitdamm und die Verklappungen auf Neuwerk-Reede macht Fischer verantwortlich für die negative Entwicklung. „Die Natur lässt sich nicht verscheißern“, lautet sein Kommentar. Die Folgen haben die Insulaner in den vergangenen zwei Wochen massiv zu spüren bekommen. Drei Tage sind die Gäste nicht auf die Insel gelangt, erzählt Fischer. Alle Wattwagen von Duhnen und Sahlenburg mussten umkehren, weil sie die Fahrt zur Insel und zurück nicht in einer Niedrigwasserphase geschafft hätten. Daraus erwächst für die Insulaner ein wirtschaftliches Problem. 59 Kutschen pendeln täglich zwischen Neuwerk und Festland, 14 von der Insel und 45 von Sahlenburg und Duhnen aus. „An guten Tagen haben wir bis zu 800 Gäste auf der Insel“, sagt Fischer. Wenn die wegblieben, werde es eng. „Dann können wir bald dichtmachen.“ Deshalb drängen er und seine Kollegen auf eine schnelle Lösung.

Watt verändert sich

Dass sich das Watt in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat, wissen die Insider. Fischer und seinen Kollegen macht aber das Tempo Angst, mit dem sich das Prielsystem neuerdings verändert. Bisher machte nur das Sahlenburger Loch den Verantwortlichen beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserbau und Küstenschutz (NLWKN) Kopfzerbrechen. Im Laufe der Jahre wurde dort ein Steindamm aufgeschüttet, mit einer Spundwand befestigt, und von Jahr zu Jahr erhöht. Mit der Zeit entstand so ein massives Bollwerk, das sich auf das Prielsystem ausgewirkt hat. Jetzt ist eine zweite problematische Passage hinzugekommen, das sogenannte Duhner Loch, wo es einen Durchbruch und eine Verbindung von zwei Prielen gegeben hat, die bisher separat zur Weser und zur Elbe entwässerten. Durch die neue Situation hat sowohl die Strömungsgeschwindigkeit und damit auch die Wassertiefe zugenommen.

Ein Phänomen, dass auch Peter Roland von der Bürgerinitiative „Rettet das Cux-Watt“ beobachtet hat. Roland macht ebenfalls die Verklappung von Hamburger Hafenschlick und den Sedimentfang durch den Leitdamm für das Problem verantwortlich. Folgerichtig fordert die Bürgerinitiative die Einstellung der Verklappung von Baggergut bei Neuwerk und die Öffnung des Leitdamms an gewissen Stellen.

NLWKN plant mit Big Bags

Für die Verkehrssicherungspflicht auf der seit über 100 Jahren bestehenden Route zwischen Festland und Neuwerk ist der NLWKN verantwortlich. Dezernent und Leiter der zuständigen Betriebsstelle in Stade ist Martin Rogge. Um die Situation im sogenannten Duhner Loch zu entschärfen, plant der NLWKN den Einbau von großen Sandsäcken, sogenannten Big Bags. Rogge hofft, mit dieser künstlichen Barriere eine sichere Furt zu schaffen für Wattwagengespanne und Fußgänger. Rogge bemüht sich derzeit um die Genehmigung der Nationalparkverwaltung für den baulichen Eingriff. Er ist zuversichtlich, dass in Kürze ausgeschrieben und die Maßnahme noch in diesem Spätsommer realisiert werden kann. Die Finanzierung sei allerdings noch nicht gesichert.

Oberbürgermeister Ulrich Getsch ist über die Problematik informiert. Zusammen mit der Berufsfeuerwehr hat er sich im Frühsommer die heiklen Stellen angesehen. „Wir als Stadt sind für die Wattrettung verantwortlich. Deshalb haben wir natürlich Interesse an einer vernünftigen Lösung“, erklärte Getsch auf Nachfrage.

Wattführer Karsten Bronk vermeidet jedes Risiko. In diesem Sommer hat er bereits einige Touren nach Neuwerk absagen müssen wegen zu hoher Wasserstände, zum Beispiel am vergangenen Montag. „Das Duhner Loch ist leider eine Zicke geworden.“ Vor allem an Tagen nach Halbmond laufe das Wasser nicht weit genug ab, um die Passage mit Gästen wagen zu können. Im Vergleich zu den Vorjahren sei der Wasserstand um bis zu 35 Zentimeter gestiegen“, schätzt Bronk.

Deshalb müsse dringend etwas geschehen, um auch das Wattwandern mit Gästen für die Zukunft abzusichern.

Brücke Cuxhaven und Neuwerk

59 Wattwagengespanne mit mehreren Hundert Gästen verkehren regelmäßig zwischen Festland und Neuwerk und umgekehrt.

14 von der Insel Neuwerk und 45 von Sahlenburg und Duhnen.

Duhnen - Neuwerk: 12,5 Kilometer

Sahlenburg - Neuwerk: 10 Kilometer

Geführte Wattwanderungen sind aus Sicherheitsgründen nur in eine Richtung möglich. Die Rückreise erfolgt mit dem Schiff.

Dauer einer geführten Wattwanderung zur Insel: zwischen drei und vier Stunden.

Unterwegs werden mehrere Priele passiert.

Nadelöhre sind: Sahlenburger Loch (mit befestigter Furt) und neuerdings das Duhner Loch (eine Furt ist dort geplant).

Bauherr: NLWKN (Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten-und Naturschutz)

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