Flüchtlingsunterbringung:

Notunterkunft Altenwalde bald nur noch stille Reserve

30.05.2016

ALTENWALDE.  Das Land muss seine zunehmend brachliegenden Flüchtlings-Notunterkünfte zurückfahren, auch die Notunterkunft (Nuk) in der Altenwalder Kaserne. Von Maren Reese-Winne

ALTENWALDE. Dirk Verleger, Abteilungsleiter im Innenministerium, machte den Helfern, die am Freitag in der Altenwalder Kreuzkirche Kirche wissen wollten, ob es nicht doch mit der Notunterkunft weitergehen kann, keine Illusionen: Zum Ende des Jahres werde das Gelände in einen Dornröschenschlaf gelegt.

Wechselbad der Gefühle in einem Jahr 

Vor elf Monaten war Dirk Verleger schon einmal hier gewesen. Damals hatte die Landesregierung die Kaserne für eine Erstaufnahmeeinrichtung ins Auge gefasst. Die Reaktionen im Gemeindehaus waren zurückhaltend. Die meisten konnten sich nicht vorstellen, dass das Gelände überhaupt geeignet war.

Alle wissen: Es kam anders, die Notunterkunft (Nuk) wurde unter der Trägerschaft des DRK eingerichtet, Hunderte Helfer waren zur Stelle. Am Freitag sah sich Verleger einer Versammlung gegenüber, die um den Erhalt der Nuk kämpfte.

„Ist es nicht zu früh?“

„Ich stehe ja hier nicht voller Freude“, versicherte der Landesbeamte, der für die Argumente – „Woanders sind Menschen noch in Turnhallen untergebracht“ – „Ist die Entscheidung nicht zu früh? Was ist, wenn sich die Lage in der Türkei ändert?“ – „Sollen noch mehr Menschen im Mittelmeer absaufen?“ – großes Verständnis hatte. „Dass einen das zerreißt, verstehe ich.“

Doch er blieb dabei: Das Land halte seinen Vertrag gegenüber dem DRK (bis zum 10. Dezember 2016, d. Red.) ein. Aber danach sei Schluss.

Eine Lage wie im September 2015 sei historisch einzigartig gewesen. „Eine extrem aufregende Zeit, täglich kamen 10 000 Menschen über die deutsch-österreichische Grenze.“ Das Land Niedersachsen, wo zeitweilig 1900 Menschen am Tag eintrafen, habe ganz schnell Orte finden müssen, um diese unterzubringen. „Wir haben diese gefunden und dazu Menschen, die sich organisatorisch kümmerten.“

Plätze verzehnfacht

Von 3000 bis 4000 Plätzen in den bestehenden Erstaufnahmeeinrichtungen wuchs die Zahl der Plätze auf 44 000 in 80 bis 90 Einrichtungen im ganzen Land.

„Doch 40  000 Plätze, das bedeutet auch Hunderte Millionen Steuergelder.“ Die Landesregierung müsse reagieren und kündige überall die Ein-Jahres-Verträge mit den Trägern der sich leerenden Notunterkünfte. Seit Januar gehe die Zahl der eintreffenden Menschen massiv zurück. „Manchmal kommen noch 40 am Tag. Oder zehn.“ Mit einem explosionsartigen Zugang sei nicht mehr zu rechnen.

Erstaufnahmen stärken

Das Konzept der Landesregierung sehe vor, die Erstaufnahmeeinrichtungen Friedland, Bramsche, Braunschweig, Oldenburg und das Aufnahmezentrum in Fallingbostel, in dem Asylanträge sofort nach Ankunft gestellt werden, auszubauen und dort rund 7000 aktive Plätze vorzuhalten.

Zur Reserve von rund 20 000 Plätzen an vier, fünf Orten solle auch Altenwalde gehören. In der Kaserne bleibe nichts mehr, das bürgerschaftliches Engagement erfordere, kein Personal und keine Ausstattung. Es werde gerade eben dafür gesorgt, dass kein Schimmel entstehe und die Leitungen funktionsfähig und unbelastet von Keimen blieben. Die Matratzen würden eingemottet.

Verleger sah auch keine Chance für den Weiterbestand der Kleiderkammer oder die Nutzung der Gebäude für den Sprachunterricht oder die Kinderbetreuung.

Große Herausforderung kommt noch

Am Anfang standen ein Dach über dem Kopf, Essen, Aufnahme. Die richtige Aufgabe komme erst noch, stellte der SPD-Landtagsabgeordnete Uwe Santjer am Freitag bei der Bürgerversammlung in der Kirche fest. „Ich bin relativ beseelt über die Diskussion hier, vor allem, wenn ich mich an Gespräche aus der Anfangszeit erinnere.“

Die bisherige intensive Zeit in der Notunterkunft und im Café im Gemeindehaus zeige, wie bereichernd das Engagement und die Begegnung für beide Seiten seien. „Diese Energie müssen wir mitnehmen. Wir können uns keine Enttäuschung leisten. Heute haben wir dafür einen Super-Anfang gemacht.“

„Wir stehen bereit“

Denn so enttäuscht viele Aktive, die sich zu Wort meldeten, auch waren – sie signalisierten: „Wir sind weiter da.“ Viele begleiten schon jetzt Familien oder junge Erwachsene oder Jugendliche. Dass es den Flüchtlingen gerade, wenn sie aus den Notunterkünften heraus sind und den Gemeinden zugewiesen werden, an Betreuung fehlt, betonte neben mehreren anderen auch Rabea Carrero von der Koordinierungsstelle Flüchtlingswesen des DRK. Sie erlebe Altenwalde als beispiellos und unglaublich engagiert.

„Wir alle haben in dieser Flüchtlingslage unheimlich viel gelernt und mitgenommen“, antwortete Dirk Verleger, der den Erfindungsreichtum und das Engagement ausdrücklich lobte. „Sie haben es geschafft, dass das hier ein friedvoller Ort ist, an dem Menschen ankommen können. Halten Sie sich diesen positiven Geist.“

Land muss helfen

Doch es fehle an zu vielem (außer an Bürokratie ...), bemerkten die Diskussionsteilnehmer und forderten hier auch die Unterstützung des Landes: Sie wünschten sich mehr Informationen über rechtliche Hintergründe, leichtere Zugänge auf den Arbeitsmarkt und zu Sprachkursen und mehr Sozialarbeiter für die Kommunen. All dies jetzt auf den Weg zu bringen, nannte Dirk Verleger eine „historische Aufgabe“. Den Kommunen werde im Moment mehr Zeit verschafft, weil ihnen auch deutlich weniger Menschen zugewiesen würden.

Uwe Santjer und Ortsbürgermeister Ingo Grahmann kündigten an, die Diskussion über die Kaserne am Leben zu halten, um diese möglicherweise doch für andere Zwecke nutzbar zu machen und vor allem nicht wieder verfallen zu lassen. Dafür würden sie auch Gespräche in Hannover führen. „Kreativ zu sein, muss unser Auftrag sein“, so Uwe Santjer und regte die Fortführung der Bürgerversammlungen auch nach dem Ende der Nuk an.

Noch ist nichts vorbei

„Aber es ist ja noch nicht vorbei“, betonte Pastor Achim Wolff. „Die Dinge dürfen weiter laufen für die Leute, die noch da sind und für die, die in Cuxhaven wohnen.“ Fest im Terminkalender eingeplant sei das Begegnungsfest am 17. September im Altenwalder Bürgerpark.

Er ordnete das Geschehen in Altenwalde in das bundesweite Umfeld ein: „An vielen Stellen in ganz Deutschland gibt es Widerstände. Hier gibt es Bedauern, dass es zu Ende geht. Das ist ein echtes Pfund.“ Die Freiheit des bürgerschaftlichen Engagements sei auch eine Chance: „Wer verbietet uns denn, Sprachkurse anzubieten, die es eigentlich gar nicht geben kann?“

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