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Mit diesen Phantomfotos sucht die Polizei nach dem Mörder. Dass der Täter hier nicht unbedingt blass und mit braunem Haar bzw. braunen Augen aussieht, liegt, so die Polizei, daran, dass es sich um eine von einem Zeichner angefertigte Schwarz-Weiß-Zeichnung handelt. Die Phantombilder konnten damals noch nicht digital "gezeichnet" werden. Sie wurden anhand von Zeugenaussagen gefertigt. Foto: Polizei
Mit diesen Phantomfotos sucht die Polizei nach dem Mörder. Dass der Täter hier nicht unbedingt blass und mit braunem Haar bzw. braunen Augen aussieht, liegt, so die Polizei, daran, dass es sich um eine von einem Zeichner angefertigte Schwarz-Weiß-Zeichnung handelt. Die Phantombilder konnten damals noch nicht digital "gezeichnet" werden. Sie wurden anhand von Zeugenaussagen gefertigt. Foto: Polizei
Täter weiter auf der Spur

Neue Anhaltspunkte für Polizei Cuxhaven: So sieht der Prostituiertenmörder aus

09.06.2021 Zuletzt aktualisiert: 24.07.2022 17:19 Uhr

KREIS CUXHAVEN/BREMERHAVEN. Erstmals nach 30 Jahren gibt es offenbar eindeutige Anhaltspunkte zum Aussehen des Täters, der vor vielen Jahren die Prostituierten Vanessa Wardelmann und Anja Witt getötet haben soll. Doch bis zur Überführung des Mannes ist es noch ein längerer Weg. Von Christian Döscher

Braune Augen, hellbraunes bis braunes Haar, blasse bis mittlere Hautfarbe. Das Bild, welches die Polizei von dem mutmaßlichen Mörder der Prostituierten Vanessa Wardelmann und Anja Witt zeichnet, wird immer konkreter - auch dank neuster DNA-Analysen. 

Intensive Ermittlungen

Die Ermittler haben nach intensiven Ermittlungen genaue Vorstellungen von dem Mann, hinter dem sie schon so lange her sind: 30 bis 45 Jahre soll er alt gewesen sein, als "Freier" auf dem Straßenstrich durch sexuelle Gewaltfantasien aufgefallen sein. Als "schräger Vogel" wird er beschrieben. Der Mann soll zwei befreundete Prostituierte Anfang der 90er Jahre innerhalb von sieben Monaten getötet haben. Die Polizei hat im Jahr 2019 diese Fälle, deren Spur auch in den Landkreis Cuxhaven führt, als sogenannten Cold Case wieder neu aufgenommen.

Leiche gefunden

Die 22 Jahre alte Vanessa Wardelmann arbeitet als Prostituierte in der Van-Heukelum-Straße in Bremerhaven. Am Donnerstagabend, 24. September 1992, lockt ein Mann sie gegen 20 Uhr in einen dunkelblauen Kleinwagen, vermutlich ein VW Polo C79 aus dem Jahre 1982. Zwei Tage später wird der Leichnam der Frau nahe der Lune in der Gemeinde Loxstedt gefunden. Ein Fahrradfahrer entdeckt die Tote in der Näheder Anschlussstelle Bremerhaven-Süd/Nesse an der A27.

Weitere Tote

Etwa sieben Monate später, am Sonnabend, 8. Mai 1993, nimmt ein bislang Unbekannter Kontakt mit der damals 26-jährigen Anja Witt auf, die ebenfalls als Prostituierte in der Van-Heukelum-Straße arbeitet. Auch sie wird getötet. Der Leichnam der jungen Frau wird am Folgetag in einem Waldstück an der B 215 in der Nähe der A27 an der Ausfahrt Verden-Nord von Spaziergängern gefunden. Die Polizei Cuxhaven ist wegen der Fundorte der Leichname für die Ermittlungen zuständig.

Neueste Technik

Im Dezember 2020 hat Kriminalhauptkommissar Rainer Brenner, der die Ermittlungsgruppe in Cuxhaven leitet, Spermaspuren und Hautpartikel zur erneuten Untersuchung an das Institut für Rechtsmedizin in München gegeben. Dort ist man in der Lage, mit neuster Technik das Erbgut auch auf äußerliche Merkmale zu untersuchen. Den Weg hat der Gesetzgeber geebnet. Diese DNA-Phänotypisierung war bis Ende 2019 in Deutschland aufgrund der rechtlichen Beschränkungen in der Strafprozessordnung verboten. Jetzt gilt: Ist unbekannt, von welcher Person das Spurenmaterial stammt, dürfen Feststellungen über die Augen-, Haar- und Hautfarbe sowie das Alter der Person getroffen werden. Für die Bestimmung des Alters, erklärt Brenner, brauche man aber "ganz viel DNA".

Hier geht´s zum Themenspecial "Cold Case: Alte Mordfälle neu aufgerollt"

Ein paar Monate später hat Brenner die Ergebnisse aus München - das Institut hat eine völlig neue DNA-Analyse entwickelt - vor sich. Und fragt sich natürlich: "Was können wir damit jetzt anfangen?" Das eine oder andere Ermittlungsergebnis scheint auf einen Schlag unbrauchbar. Als Erstes konnte man deshalb schon mal zwei Spurenakten schließen. Denn unter den Verdächtigen sei auch ein dunkelhäutiger Mann gewesen, der jetzt sehr wahrscheinlich ausscheide.

"Wahrscheinlich braune Augen"

Das Wort "wahrscheinlich" ist in diesem Zusammenhang nicht unwichtig. So sagt Brenner denn auch: "Der Täter hat sehr wahrscheinlich braune Augen, eine andere Farbe ist aber nicht auszuschließen."

DNA-Analysen liefern nämlich unterschiedlich gute Vorhersagen über die einzelnen Merkmale. Ob jemand braune oder blaue Augen, blonde oder schwarze Haare hat, kann man laut Experten meist mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit richtig vorhersagen. Vielfach gibt es aber Mischformen, so lassen sich braun-grüne Augen vielleicht nur mit rund 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit von braunen Augen trennen. Die Polizei muss also auch mögliche Fehlerquoten ins Kalkül ziehen.

Wo kommt der Täter her?

Jetzt ginge es in Zusammenarbeit mit Profilern und seinen Ermittlern darum, zu "regionalisieren". Also zu rastern. Über Einwohnermeldeämter könne man die Augenfarbe abrufen. Bei den Haaren sei es da schon schwieriger. Wo kommt der Täter her? Aus Bremerhaven, aus dem Landkreis Cuxhaven oder aus Verden? Wie groß ist der Personenkreis, wenn man das bisherige Täterprofil mit den Analysedaten aus München kombiniert? "Von wie viel Männern sprechen wir dann in dem Gebiet, von 10 000, 20 000?" All das wolle er jetzt in seinem Team zur Diskussion stellen.

Am Ende könnte eine Reihenuntersuchung stehen. Ein Massengentest. Zur Ermittlung eines Täters, von dem DNA-Spuren vorliegen, kann die Reihenuntersuchung freiwillig oder auf richterliche Anordnung durchgeführt werden.

800 Personen überprüft

Schon jetzt habe man 800 Personen überprüft, fast 500 Speichelproben genommen. Ein Treffer war bisher aber nicht dabei. Die Fälle weisen außer DNA-Spuren erstaunliche Parallelen auf: Der Mörder suchte sich in beiden Fällen junge Frauen als Opfer aus, die auf dem Straßenstrich in der Van-Heukelum-Straße tätig waren, beide Frauen wurden erdrosselt, beide Fundorte der Leichen befinden sich im Bereich der A27 und beide Frauen wurden mit fünf Zentimeter breitem Leukoplast geknebelt.

Auf Parkplatz erdrosselt

Deshalb ist die Polizei weiterhin dabei, Parallelen zu anderen Prostituiertenmorden zu prüfen. Ein Fall führt dabei wieder nach Verden, wieder an die A27: Die 29 Jahre alte Heidi M. wird am 3. September 1981 auf einem Autobahnparkplatz bei Verden-Ost erdrosselt aufgefunden. Sie hatte in einem Wohnmobil ihre Dienste angeboten. Auch sie war geknebelt worden, mit Mullbinden. DNA-Spuren gibt es laut Brenner aber nicht.

Ist der Mörder von Wardelmann und Witt auch der von Heidi M.? Das würde die Serienmörder-Theorie der Polizei stützen. "Wir werden den Fall zu Ende bringen. Wir haben so viel Aufwand betrieben. Wir werden den Täter identifizieren, ob er jetzt noch lebt oder schon gestorben ist", sagt Kriminalhauptkommissar Rainer Brenner sehr entschlossen.

Sexuelle Gewaltfantasien

- Nachdem die Polizei unmittelbar nach den Taten den oder die Täterim Drogenmilieu vermutet hat, ist sie sich mittlerweile sicher: Es ist ein und derselbe Sex-Täter. In Zusammenarbeit mit Experten der Fallanalyse hat man das Täterprofil mittlerweile geschärft. Das Alter wird zum Tatzeitpunkt auf 30 bis 45 Jahre eingegrenzt, die Tatorte lassen auf eine gewisse "Erfahrung" schließen. Der Mann soll ein eher unscheinbarer, "schräger Vogel" gewesen sein, der die Kontrolle über die Opfer haben wollte und schon vor den beiden Morden polizeilich aufgefallen sein müsste - aber nicht in der bundesweiten DNA-Datenbank auftaucht.

- Insbesondere Prostituierte von früher, die heute vielleicht verheiratet sind, einem "gutbürgerlichen" Leben nachgingen, deren Familien vielleicht nichts von der Vergangenheit wissen sollen, sollten sich melden, wenn ihnen ein Mann in Erinnerung ist, der "über das normale Maß hinausgehende sexuelle Gewaltfantasien hatte", so Brenner. Zum Beispiel Würgen, Fesseln oder Knebeln. Die Polizei schließt nicht aus, dass Prostituierte sogar damals schon etwas zur Anzeige gebracht hätten, was aber aus Datenschutzgründen dann im Laufe der Jahre aus der Polizeidatei gelöscht werden musste - und heute nicht mehr im System ist. Vertraulichkeit werde natürlich zugesichert.

- Erst jetzt stößt die Polizei auf eine Zeitungsanzeige für ein Frühlingsfest in Verden aus dem Jahre 1993 - exakt zu der Zeit, als Anja Witt dort ermordet wurde. Die Polizei fragt sich: Hat einer der Aussteller vielleicht etwas Ungewöhnliches gesehen? Welche Aussteller waren überhaupt auf dem Markt damals?

- Die Polizeidirektion Oldenburg hat für Hinweise, die zu einer rechtskräftigen Verurteilung der beziehungsweise des Täters führen, eine Belohnung von bis zu 5000 Euro ausgesetzt. Hinweise bitte an die Polizei Cuxhaven (04721/ 573-200) oder jede andere Polizeidienststelle.

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