Priester missbraucht mehrere Kinder: Entsetzen in Cuxhavener Gemeinde
CUXHAVEN. Der katholische Priester Georg M. aus dem Bistum Hildesheim soll eine Vielzahl von Kindern missbraucht haben. Auch in Cuxhaven war er tätig.
Kürzlich war bekannt geworden, dass Georg M. mehrere Kinder missbraucht haben soll. Von 1992 bis 2005 ist M. in der Pfarrgemeinde St. Marien in Cuxhaven tätig gewesen. Jetzt nimmt der heutige Pfarrer der Cuxhavener Gemeinde Stellung und verurteilt die Taten des Geistlichen, der einst an selber Stätte wirkte.
Eine Projektgruppe des Bistums unter Leitung eines erfahrenen Juristen veröffentlichte am vergangenen Donnerstag einen Untersuchungsbericht, der den Umfang der Vorfälle deutlich machte (wir berichteten). Georg M. soll sich danach mehrfach an Kindern vergangenen haben. "Dieser Bericht wurde am vergangenen Mittwoch unter anderem auch einigen Vertretern unserer Cuxhavener Kirchengemeinde in einer Video-Konferenz vorgestellt und am nächsten Tag dann veröffentlicht", berichtet der heutige Pfarrer Christian Piegenschke. Er bestätigt, dass Georg M. und sein Bruder Konrad von 1992 bis 2005 in der katholischen Kirchengemeinde St. Marien als Pfarrer tätig gewesen seien. "Vor 16 Jahren sind sie dann in den Ruhestand gegangen." Beide Geistliche seien damals vor allem wegen ihrer sozialen Arbeit von vielen Menschen weit über die katholische Kirchengemeinde hinaus sehr geschätzt gewesen, so Piegenschke.
Doch Piegenschke will nichts beschönigen, denn M. soll laut Bericht mindestens fünf Kinder in den 50 Jahren seines Priesterseins missbraucht haben - auch wenn Stand jetzt keine Cuxhavener Kinder unter den Opfern seien. Nicht auszuschließen ist, dass es noch eine hohe Dunkelziffer bei den Missbrauchsfällen gibt.
"Erschreckendes Ausmaß"
"Obwohl wir durch einen Zwischenbericht im April wussten, dass an dem Vorwurf wahrscheinlich etwas dran ist, waren wir dann doch sehr bestürzt, entsetzt und beschämt, als wir das ganze Ausmaß des Missbrauchs zur Kenntnis nehmen mussten. Da gibt es nichts zu entschuldigen", erklärt Piegenschke. Der Pfarrer hält auch fest, dass in seiner Gemeinde nicht weggeschaut worden sei. "Und wir haben uns gefragt: Haben die Menschen aus unserer Gemeinde, die damals mit dem Pfarrer zu tun hatten, weggeschaut? Nein! Sie haben nicht richtig hingeschaut, das heißt, sie haben Auffälligkeiten nicht richtig eingeordnet."
Piegenschke fordert, dass künftig eine Kultur des Hinschauens selbstverständlich ist. Unter dem Motto "Augen auf ... Hinschauen und schützen" gebe es seit sechs Jahren im Bistum Hildesheim verpflichtende Fortbildungen für Hauptberufliche und Ehrenamtliche in den Gemeinden. "Auch wir in Cuxhaven haben an diesen Fortbildungen teilgenommen. Es geht um eine Kultur des Hinschauens, um Sensibilisierung für mögliche Gefahren und um Schwachstellen im Kommunikationsverhalten."
"Fälle nicht die einzigen"
Neben der Pfarrgemeinde in Cuxhaven hat sich auch die Kirchengemeinde in Wolfenbüttel (St. Petrus) zu Wort gemeldet. Als Ruhestandsgeistlicher war Georg M. ab 2009 dort eingesetzt. Die Wolfenbütteler Gemeinde sei entsetzt, berichtete die Braunschweiger Zeitung: "Es gibt eine große Traurigkeit über das kirchliche Versagen", sagt Pfarrer Matthias Eggers. Auch Eggers war in der Video-Konferenz über das Ergebnis des Untersuchungsberichts unterrichtet worden. "Ich bin unendlich traurig und erschrocken, dass das über so viele Jahrzehnte möglich war", so Eggers weiter in dem Bericht. Er habe bereits vermutet, dass die Untersuchung weitere Fälle zutage fördern würde. "Und auch diese fünf Fälle werden nicht die einzigen sein", sagt Eggers, "das ist alles so unglaublich."
Der Pfarrer fühlt sich bestätigt in der Entscheidung der Wolfenbütteler Pfarrei, mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wir wollen einstehen für eine Kirche, die sich verändert." Doch nach dem Untersuchungsbericht müsse nun die Aufarbeitung weitergehen, ist der Geistliche überzeugt: "Jetzt muss die Frage nach den Verantwortlichen geklärt werden: Wer hat wann was gewusst?" Um diese Fragen zu beantworten, müsse eine unabhängige Aufklärungskommission eingesetzt werden.
Hilfsangebot
Für Betroffene von sexualisierter Gewalt gibt es im Bistum Hildesheim professionelle Ansprechpersonen, die von der Kirche unabhängig sind. Die Kontaktdaten dieser vier Fachleute sind unter dem folgenden Link zu finden: www.bistum-hildesheim.de/missbrauch.
Der Beraterstab in Fragen sexualisierter Gewalt ist telefonisch (0 51 21- 1 74 82 66) und per E-Mail erreichbar (beraterstab@bistum-hildesheim.de).
Von Jens Gehrke