Die niedersächsische Landesregierung bereitet derzeit eine Wolfsverordnung vor, die den Abschuss von Problemwölfen erleichtern soll. Foto: Rehder / dpa
Kommentar

Problemwölfen mit fatalen Neigungen droht der Abschuss

von Ulrich Rohde | 14.07.2020

Das Land Niedersachsen plant zum September den Erlass einer neuen Wolfsverordnung, die es erleichtern soll, auffällig gewordene Tiere zu töten. Doch die Verordnung löst nicht nur die Probleme der Weidetierhalter, die ihre Existenz durch Wolfsrisse bedroht sehen, sie könnte auch neue verursachen.

Wenn Wölfe wüssten, was ihr Erscheinen in Deutschlands Feld und Flur ausgelöst hat, hätten sie womöglich nie die Oder durchschwommen. Politik, Naturschützer, Tierhalter, Jäger und Behörden hat Isegrim in heillose Aufregung versetzt. Sein Ruf schwankt zwischen tiefer Verehrung und abgrundtiefer Verachtung. Einzelne Vertreter der Gattung Canis lupus wissen sich offenbar nicht in ihrem Gastland zu benehmen und machen sich über die hier heimischen Nutztiere her. Tun sie das öfter, werden diese Tiere Problemwolf genannt, der Schrecken der Schafs- und Rinderhalter. Die einen sagen, auch der Wolf gehöre zu Deutschland, den anderen wird er immer ein Fremder bleiben.

Um Problemwölfe geht es in der Wolfsverordnung, die im September in Niedersachsen erlassen werden soll. Grundlage ist die Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes im Februar. Laut Verordnung könnten dann auch unter gewissen Umständen nicht identifizierte Tiere eines Rudels getötet werden, sollte es sich als zu aggressiv erweisen.

Diesem Vorhaben könnte ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg aus dieser Woche einen Riegel vorschieben. Das OVG bestätigte zwar eine Ausnahmegenehmigung zur Tötung zweier Wölfe im Landkreis Uelzen. Allerdings sei der Abschuss nur für zwei klar definierte Tiere rechtens. Eine pauschale Ausweitung der Tötung auf weitere, nicht klar identifizierte Tiere, die der Landkreis genehmigen wollte, gestattete das OVG nicht.

Mit anderen Worten: Nur Einzelabschüsse von auffällig aggressiven Tieren sind demnach statthaft. Für den zuständigen niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies (SPD) hat das Urteil dennoch sein Gutes. Denn es habe bestätigt, dass Wölfe, die Herdenschutzmaßnahmen überwinden, nicht geduldet werden müssten. Weidetierhalter seien zwar gefordert, ihre Tiere zu schützen, aber sie müssten sich nicht auf einen "Rüstungswettlauf" einlassen, wie ihn die Wolfsschützer forderten. Das bestärkt auch Weidetierhalter, vor allem Schäfer, im Cuxland, für die die Ausweitung der bisherigen Herdenschutzmaßnahmen kaum umsetzbar wäre und ruinöse Folgen hätte. Klar sei durch das Urteil geworden, so Lies, dass eine rechtssichere Entnahme von Problemwölfen in begründeten Einzelfällen nun möglich sei.

Die CDU-Landtagsfraktion strebt zudem einen weiteren Schritt zur besseren Kontrolle der Wolfsrudel in Niedersachsen an. Sie möchte den Wolf ins Jagdrecht überführen. Dafür sind die Hürden im Bundes- und Landesjagdrecht allerdings hoch. Denn zuvor müsste die Bundesregierung der EU melden, dass der so genannte "günstige Erhaltungszustand" der Wölfe auf deutschem Boden erreicht sei, eine Gefährdung der Art also nicht mehr vorliege. Im Anschluss müsste die EU dies untersuchen und bestätigen, um danach die FFH-Richtlinie (Flora-Fauna-Habitat) anzupassen. Erst dann könnte der Wolf durch die Jagd kontrolliert werden. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Ob jemals eine gewisse entspannte Normalität im Umgang mit dem Wolf erreicht, seine Präsenz in diesem Land allgemein akzeptiert wird und ein ideologiefreier Pragmatismus auch mit den unerwünschten Folgen seines Jagdtriebes Einzug hält, ist zum jetzigen Zeitpunkt alles andere als ausgemacht.

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Ulrich Rohde

Stellv. Redaktionsleiter
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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